unsere zeit - Zeitung der DKP8. Januar 2010

Internationale Solidarität

Olga und René

Wie Antonio, Ramón und Fernando in ihrer Erklärung vom 8. Dezember verlauten ließen, waren alle fünf seit ihrer Verhaftung am 12. 9. 98 dem Druck der Staatsanwaltschaft ausgesetzt, "mit ihnen zu kollaborieren, um wohlwollendere Strafen zu bekommen". Am Beispiel Renés, der wie Gerardo laut Urteil des Bezirksberufungsgerichts von Atlanta vom Juni 2008 von den Neuverhandlungen der Strafen ausgenommen wurde, lässt es sich deutlich belegen: Auf Seite 6 der Urteilsbegründung behauptet Richter W. Pryor im genannten Urteil, Olga Salanueva, die Ehefrau von René, sei auch Agentin des kubanischen Geheimdienstes gewesen. Danach wirkt es sich für René strafverschärfend aus, dass er seine Ehefrau (mit Tochter Irma 1997) nachkommen ließ und dies durch "Betrug" erreicht habe. Renés unverzeihlicher "Betrug" der US-Behörden bestand jedoch einzig in der heimlichen Weitergabe von Terroranschlagsplänen an kubanische Behörden zu deren möglicher Verhinderung. Dieser Umstand scheint seine Ehefrau bis heute in Sippenhaftung zu nehmen.

Während René bis zu seiner Verhaftung als Fluglehrer bei den "Brothers to the Rescue" arbeitete, hatte Olga, Industrieingenieurin, zum Lebensunterhalt beigetragen, indem sie ältere Menschen betreute und Gräber verkaufte.

Nach Renés Verhaftung war Olga gezwungen, Jobs zu unregelmäßigen Zeiten anzunehmen. Sie musste Ivette in die Obhut von deren über 80-jähriger Urgroßmutter väterlicherseits geben, die in Sarasota, Florida, lebte. Acht Monate nach Renés Verhaftung erreichte Olga, den Vater ihrer Kinder endlich gemeinsam mit Ivette und Irmita besuchen zu dürfen. Aber der Besuch dauerte nur wenige Minuten. Sie durften ihn nur sprechen, nicht berühren oder umarmen. Beim Anblick ihres an den Metallstuhl geketteten Vaters soll Ivette, die erst etwas über ein Jahr alt war, "Wau, wau!" wie ein Kettenhund gemacht haben ... Olgas Bemühungen um den Erhalt der Familie schienen die US-Behörden jedoch erst recht auf deren "wunden Punkt" aufmerksam gemacht zu haben.

Am 3. August 2000 erhielt René einen Brief von der Staatsanwaltschaft, in dem ihm Strafmilderung angeboten wurde, wenn er gegen die vier bisher ebenfalls "nicht geständigen" Mitangeklagten Ramón, Gerardo, Antonio und Fernando aussage. Der Brief warnte auch davor, dass der Einwanderungsstatus seiner Ehefrau in Gefahr gerate, wenn er die Kooperation verweigere, da sie ja keine US-amerikanische Staatsbürgerin sei. Sobald René sich trotz der Androhung von Olgas Ausweisung geweigert hatte zu kollaborieren, wurde die Entscheidung, "höchstwahrscheinlich vom Justizministerium, getroffen, Olga zu verhaften ..." schreibt der Anwalt Rafael Rodríguez 2004, s. Information, www.miami5.de.

Olga wurde am 16. August 2000 von Agenten der Einwanderungsbehörde verhaftet. Glücklicherweise war Tochter Irma zu diesem Zeitpunkt in Kuba bei ihren Großeltern in Ferien. Weder Renés noch Olgas Aussagen, die sich auch nach der für sie darauf folgenden dreimonatigen Haft in Fort Lauderdale nicht änderten, scheinen bis heute von der Staatsanwaltschaft überhaupt in Betracht gezogen zu werden. Olga wurde zur Staatsfeindin erklärt und des Landes verwiesen, weil sie genau so wenig "kooperativ" sein wollte wie René. Die Behörden erlaubten ihr nicht einmal, ihre damals zweijährige Tochter Ivette mitzunehmen. Sie musste alleine nach Kuba fliegen und fürchten, dass Ivette als gebürtige US-Bürgerin in ein US-Waisenhaus überführt würde, denn eine über 80-jährige Urgroßmutter gilt vor dem US-Gesetz nicht als "erziehungsberechtigt".

Irma Sehwerert, die Mutter Renés, berichtete uns 2006, wie sie über die kubanische Interessenvertretung in Washington alarmiert worden sei, das Kind nach Kuba zu holen. Am 22. November 2000, gelang es der Großmutter, Ivette in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Kuba zu "entführen".

Bis heute durfte Olga ihren Ehemann nicht mehr im Gefängnis besuchen. Für Ivette sollte es bis zum 30. 12. 06 dauern, ihren Vater wiederzusehen, als sie, inzwischen über 9-jährig, mit ihrer großen Schwester in die USA einreisen konnte.

Josie und Dirk Brüning


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