unsere zeit - Zeitung der DKP26. November 2010

Miami 5

Die Tochter des Agenten

Anlässlich einer Mahnwache für die Fünf hielt sich Renés Tochter Irma Mitte Oktober in London auf und erzählte dem "Morning Star", wie sie die Tätigkeit ihrers Vaters erlebt hatte.

Bis zu ihrem Alter von sechs Jahren führte sie das Leben eines normalen Kindes. Sie lebte bei ihren Eltern und verbrachte die Wochenenden bei ihren Großeltern in Havanna. Doch plötzlich, im Dezember 1990, änderte sich alles. "Ich wachte eines Morgens auf, und mein Papa war nicht da. Ich war daran gewöhnt, dass er für eine oder zwei Nächte weg war, aber diesmal kam er einfach nicht zurück." Während sie heranwuchs, stellte sie die Erklärung nie in Frage, dass er "in Übersee studiert". Briefe und Telefonanrufe alle paar Monate genügten, um die wissbegierigen Fragen einer Sechsjährigen zu befriedigen. Aber trotzdem spürte Irma mit der Zeit, dass etwas nicht stimmte. "Ich sah, wie meine Mutter trauriger wurde. Sie versuchte zwar, für mich fröhlich zu sein, aber ihr war selber nicht wohl oder fröhlich zumute."

Sechs Jahre später endlich konnten Irma und ihrer Mutter endlich nach Miami zu René ziehen. "Mein Vater und ich waren, als ich jünger war, sehr mit einander vertraut, und als ich ihn wiedersah, war es, als ob die Jahre nicht verflossen wären. Er war noch genau der selbe Vater, so fesch, gesprächig und liebevoll, der er gewesen war, als er ging." Sie wusste nicht, dass er terroristische Gruppen in Miami unterwanderte, die Anschläge auf die kubanische Bevölkerung verübten, und auch nicht, dass er 1990 ein Flugzeug entführt hatte, um diese Gruppen davon zu überzeugen, dass er wirklich gegen die Kubanische Revolution wäre. "In unserem Haus trafen sich Männer, die ich nicht mochte. Sie kamen zusammen, um Lügen zu erzählen und Pläne gegen Kuba zu schmieden. Nach jedem Treffen sagten mir meine Eltern, ich solle es nicht ernstnehmen und an der Wahrheit, die ich über mein Land kenne, festhalten. Ich wusste, dass mein Vater nicht so verlogen und hasserfüllt wie die Männer war, unter die er sich mischte. Aber ich wusste nicht, was er tat, und ich spürte, es sei besser, nicht zu fragen." Auch in der Schule kam es für Irma zu Konflikten.

"Es machte mich wirklich verrückt, wenn die Kids die Lügen über Kuba wiederholten, die sie im Fernsehen gesehen hatten, insbesondere die, die gerade von der Insel angekommen waren und wussten, dass es nicht stimmte, aber sie wiederholten es, um sich anzupassen.

Obwohl ich wütend war, sagte ich nicht, was ich eigentlich dachte. Mein Vater gehörte zu der Lügen verbreitenden Gruppe, aber tief im Innern wusste ich, dass er ihnen nicht glaubte, und wenn ich in der Schule offen redete, könnte ich ihm Probleme machen, daher beschloss ich zu schweigen." Zwei Jahre später, seine zweite Tochter Yvette war vier Monate alt, wurde René verhaftet.

Während René im "Loch" gefangen gehalten wurde, wurden Irma und ihre Mutter von der Presse gejagt, weil sie Kommunisten seien. An ihre Haustür wurden Hammer und Sichel gesprüht und Schulfreunde wurden von ihren Eltern angehalten, nicht mit ihr zu sprechen.

Da René sich weigerte, seine vier Kameraden zu belasten, wurde Olga ausgewiesen, und so fand sich Irma 2000 zu Hause in Kuba wieder. Seitdem pendelt sie zwischen der Kampagne und ihrer Laufbahn als klinische Psychologin hin und her. Sie lehrt jetzt klinische Psychologie an der Universität von Havanna.

Irma hat schon in vielen Ländern gesprochen, war aber besonders von einem Besuch in Angola berührt, wo René drei Jahre lang gegen die Streitmächte der Apartheid gekämpft hatte. "Die Kampagne bedeutet für uns Hoffnung. Es ist wichtig, etwas für jemanden, den man liebt, zu tun und nicht nur einfach zu Hause zu warten, bis etwas passiert. Ich fühle mich nützlich, wenn ich für meinen Vater und meine vier Onkel eintrete. Es ist etwas, woran ich glaube, nicht nur an die Fünf, sondern auch an das, wofür sie stehen. Wir sprechen am Telefon miteinander, und sie sind in unserem täglichen Leben ständig präsent, durch das Schreiben von Karten und Briefen zu Geburtstagen und besonderen Ereignissen."

Josie und Dirk Brüning


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