unsere zeit - Zeitung der DKP5. März 2004

Feuilleton

Die Bescheidenheit einer Heldin
Die Antifaschistin, Fotografin und
Übersetzerin Lore Krüger wird 90

Internationaler Frauentag 2004Ende letzten Jahres brachte die UZ mehrmals eine ganzseitige Bücherschau über interessante Neuerscheinungen. Geworben wurde auch für den im 19. Jahrhundert entstandenen Roman von Robert Tressell, "Die Menschenfreunde in zerlumpten Hosen". "Das Buch ist in Deutschland unbekannt; eine in der DDR gedruckte Ausgabe gelangte nie zum Leser", wurde behauptet. Diese Aussage stützte sich auf einen Begleittext des Scheunen-Verlags, der den Roman 2002 verlegt hatte. Dessen Übersetzerin, die Ostberlinerin Else Tonke, erhielt angeblich erst nach vollbrachter Arbeit den Hinweis, dass das Buch schon übersetzt worden war, fand es bei einem Antiquar und "erkannte den Wert der Übersetzung von Lore Krüger an: als die Arbeit einer ´höheren Tochter´ mit Deutsch- und Englisch-Studium", wie der Verlag erklärte.

Offensichtlich ging man weder davon aus, dass Lore Krüger lebt, noch wusste man, dass diese "höhere Tochter" ihre Sprachkenntnisse unter den harten Bedingungen des antifaschistischen Exils in England, Spanien, Frankreich und den USA erworben hatte.

Die Bescheidenheit Lore Krügers hat dazu beigetragen, dass sie der Öffentlichkeit kaum bekannt ist. Darum ist es anlässlich ihres 90. Geburtstages höchste Zeit, hier über ihre Lebensgeschichte zu berichten.

Geboren wurde sie am 11. März 1914 in Magdeburg als Tochter einer jüdischen Familie, ihr Vater war Ingenieur. Aus Protest gegen die Machtergreifung der Nazis emigrierte sie 1933 nach England, wo sie ihr Brot als Hausangestellte verdiente. Da sie keinen Beruf lernen durfte, zog sie 1934 nach Spanien weiter. In Barcelona absolvierte sie eine Ausbildung zur Fotografin.

Nach einem Jahr ging sie nach Paris und spezialisierte sich als Schülerin der vom Bauhaus und von Fernand Léger beeinflussten Fotografin Florence Henri auf künstlerische Porträtaufnahmen. Daneben begann sie ein Studium des Marxismus-Leninismus an der "Freien Deutschen Hochschule", der Nachfolgerin der Berliner MASCH. Ihr Lehrer war Johann Lorenz Schmidt alias Laszlo Radvanyi, der Mann von Anna Seghers. Bei ihm schrieb sie ihre Abschlussarbeit, ihre thèse.

Sie beteiligte sich an der antifaschistischen Bewegung. Bei Solidaritätsaktionen für ehemalige Interbrigadisten traf sie ihren späteren Mann, den deutschen Gewerkschafter Ernst Krüger.

Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Frankreich wurde sie als "feindliche Ausländerin" interniert. Sie kam in das berüchtigte Lager Gurs in den Pyrenäen. Später konnten sie und ihr Mann zusammen mit einigen Kameraden fliehen. Sie versteckten sich bei Franzosen, schlugen sich mit gefälschten Papieren nach Toulouse durch und bemühten sich um Ausreisevisa nach Mexiko. In dieser Zeit erhielt Lore die furchtbare Nachricht vom Selbstmord ihrer Eltern auf Mallorca, nachdem dort die Deportation aller deutschen Juden befohlen worden war.

Mit dem letzten Frachter, einem ehemaligen CGT-Schiff, verließen sie und ihre Genossen Frankreich von Marseille aus in Richtung Amerika. Auf dem Weg dorthin wurden sie von einem holländischen U-Boot gekapert und in ein englisches Internierungslager auf die Insel Trinidad gebracht. Schließlich durften sie die Vereinigten Staaten ansteuern.

In New York schloss sich Lore Krüger der Bewegung "Freies Deutschland" an und wurde Mitarbeiterin der deutsch-amerikanischen antifaschistischen Zeitung "The German American", die von Kurt Rosenfeld, einem angesehenen Rechtsanwalt, und von Gerhart Eisler geleitet wurde. Lore übersetzte für die zunächst monatlich, dann wöchentlich erscheinende Zeitung Beiträge ins Englische und steuerte Fotos bei.

Ihre ganze Familie, bis auf eine Schwester, die mit ihr emigriert war, fiel den Nazis zum Opfer.

Dennoch kehrte Lore im Dezember 1946 mit ihrem Mann und der 1942 geborenen Tochter Susan unter beschwerlichen Umständen - sie war hochschwanger - nach Deutschland zurück. Es war ihr aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich, ihren Lebensunterhalt als Fotografin zu verdienen. Max Schroeder, Leiter des neu gegründeten Aufbau-Verlages, schlug ihr vor, Bücher zu übersetzen. Es wurden rund dreißig Titel, zunächst die "Briefe aus dem Totenhaus" von Ethel und Julius Rosenberg (1954), dann Romane von Mark Twain, Daniel Defoe, Robert Louis Stevenson und Joseph Conrad.

Ihre Übersetzung der "Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn" ("brillant und höchst vergnüglich zu lesen", so ein Rezensent der "Zeit"), ist in den vergangenen Jahrzehnten in immer neuen Ausgaben erschienen, zuletzt 2001 bei Gerstenberg und Ende 2002 bei Diogenes mit Illustrationen von Tatjana Hauptmann.

1958 kam der besagte sozialkritische Roman "Die Menschenfreunde in zerlumpten Hosen" im Aufbau-Verlag heraus. Das Buch sei nicht in den Handel gelangt? Unsinn, meint Lore Krüger.

Sie spricht jedoch kaum von ihren Übersetzungen, sondern vor allem von ihrer politischen Arbeit. Sie ist in der DRAFD (Deutsche in der Résistance) und im Bund der Antifaschisten tätig. Sie geht in Schulen, versucht, ihre Erfahrungen und Erlebnisse zu vermitteln, auch in Frankreich und Belgien. Ende 2002 stellte sie sich einer Berliner Schüler-Projektgruppe für ein Zeitzeugen-Video zur Verfügung. ARTE hat sie interviewt, kürzlich war ein belgisches Filmteam bei ihr.

Ihre rastlose Aktivität lässt ihr so wenig Freiraum, dass selbst die Verabredung mit einem ihrer fünf Enkelkinder nicht ohne Terminkalender möglich ist. Nebenbei hat sie im letzten Sommer wieder zu fotografieren angefangen - frappierende Aufnahmen Berliner Architektur sind dabei entstanden.

Dass diese Frau 90 Jahre alt wird, kann man kaum glauben. Was für eine Zähigkeit und Energie steckt in dem kleinen, zierlichen Wesen, das auf einem Foto von Florence Henri von 1934 so schutzbedürftig und traurig wirkt!

Sie ist überzeugt: "Was ich tat + tue, ist das, was Tausende von Antifaschisten ihr Leben lang getan haben + tun."

Wenn es ihre karge Zeit erlaubt, arbeitet sie an ihren Memoiren. Sie hat viel Humor. Sie lacht oft. Fatalismus ist ihr fremd. "Man darf niemals die Hoffnung aufgeben", sagt sie, "nur der Tod ist endgültig."

Cristina Fischer


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