unsere zeit - Zeitung der DKP6. März 2009

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Frauentag in der (Finanz-)Krise?
Christel Wegner (MdL) zum Frauentag

1911 hat ihn Clara Zetkin auf der 2. Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen initiiert: Den Internationalen Frauentag. Er wurde von Arbeiterinnen dazu genutzt, auf die soziale Lage der Frauen aufmerksam zu machen, für das Frauenwahlrecht zu kämpfen, für die Möglichkeit eines legalen Schwangerschaftsabbruchs sowie gegen die Verarmung von Familien, für Schulspeisung und vieles mehr zu kämpfen.

Auch heute noch begehen viele Frauengruppen diesen Tag: Die Gewerkschaften bieten Veranstaltungen zu "Frauenthemen" an, es gibt Frauenbündnisse, die dem Mainstream eine weibliche Kultur entgegensetzen und die die immer noch vorhandenen Ungleichbehandlungen von Frauen gegenüber Männern in vielen Lebensbereichen aufzeigen.

Von dem ursprünglich revolutionären Charakter des Frauentages ist aber immer weniger übrig geblieben. In der Öffentlichkeit wird der 8. März seit einigen Jahren ähnlich wie der "Muttertag" wahrgenommen, also als ein Tag, an dem Frauen beschenkt werden und ihnen gedankt wird für das, was sie tagtäglich leisten. Ein Blumenstrauß wie zum Valentinstag, und das war´s dann. Von kämpferischer Aufbruchstimmung ist weder bei den Frauen, geschweige denn bei den Männern, etwas zu spüren.

Dabei gäbe es für Frauen reichlich Gründe wieder aufzubegehren: In diesem Jahr feiern wir den 60. Geburtstag "unserer" Republik. Der Grundgesetzartikel 3, nach dem Männer und Frauen gleichberechtigt sind und niemand wegen seines Geschlechts benachteiligt werden darf, ist in diesen 60 Jahren der Realität schon etwas näher gekommen. Bürgerliche, autonome, proletarische, radikalfeministische und gewerkschaftliche Frauen haben viel erreicht, wovon wir Frauen heute profitieren: Gesetzesänderungen wie die (Teil-)Legalisierung der Abtreibung durch den Paragraphen 218, das Recht ohne Zustimmung des Ehemannes einen Arbeitsvertrag unterschreiben zu dürfen oder Frauenförderpläne sind Ergebnisse der Frauenbewegungen. Sie bedeuten ein Umdenken im Alltag vieler Männer und Frauen.

Doch es gibt auch die andere Seite. Nach wie vor sind Frauen von Armut stärker betroffen. Frauen sind auf Grund ihres geringeren Einkommens diejenigen, die eine berufliche Pause einlegen, um die Kinder zu betreuen. Mädchen wählen trotz besserer Schulabschlüsse "typisch weibliche" Ausbildungsberufe mit schlechteren Verdienstmöglichkeiten und Aufstiegschancen. In der Werbung und in TV-Sendungen werden Frauen immer noch als Sexobjekte dargestellt.

Nach wie vor ist es bitter nötig, dass es Frauenhäuser gibt, in denen geschlagene Frauen und ihre Kinder Zuflucht finden können.

Auch die gegenwärtige kapitalistische Krise wird dazu führen, dass es Frauen schwerer haben: Sie verlieren ihren Job und müssen bei steigenden Preisen die Familie durchbringen. Und die Zahl der Betroffenen wächst: Zunehmende Armut und ein menschenverachtendes kapitalistisches System mit Hartz IV betreffen immer mehr Familien. Häufig sind es Frauen, die auf Grund der unzureichenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten Teilzeit arbeiten oder als 400-Euro-Joberinnen noch nicht einmal sozialversichert sind. Zwar ist mit dem "Elterngeld" ein Anreiz geschaffen worden, mehr Kinder in diese Welt zu setzen, aber nur für Frauen, die vorher "gut verdient" haben. Alle anderen haben nun statt zwei Jahren "Erziehungsgeld" nur noch ein Jahr "Elterngeld", und dies abhängig vom letzten Lohn! Zwar gibt es große Bemühungen, mehr Krippenplätze zu schaffen, aber der Bedarf wird in absehbarer Zeit nicht flächendeckend gedeckt werden können. Zwar gibt es einige Modelle für Ganztagsschulen, aber die Konzepte sind pädagogisch nicht überzeugend und für Berufstätige nicht hilfreich, da sie keine verlässliche Betreuung an allen Werktagen anbieten, von den Ferien ganz zu schweigen. Zwar gibt es Horte für Schulkinder, die an fünf Tagen in der Woche qualitativ gute Arbeit leisten, aber davon viel zu wenig. Aktuell fehlen z. b. in Hannover etwa 1 000 Hortplätze.

Berufstätige Mütter sind Organisationstalente. Es wird von ihnen verlangt, zeitlich sehr flexibel zu sein, und darunter leiden häufig die Familien. Insbesondere im Einzelhandel hat sich in den letzten Jahren die Situation durch verlängerte Öffnungszeiten verschärft. Bis 22 Uhr im Supermarkt einkaufen zu können ist schon Normalität. Die Kaufhäuser in der Innenstadt schließen oft erst um 21 Uhr. Hinzu kommen verkaufsoffene Sonntage, an denen die Beschäftigen - und es sind überwiegend Frauen - Waren in Konsumtempeln anbieten, die sie sich oftmals von ihrem geringen Lohn selber nie leisten können.

Ein guter Anlass aufzubegehren ist der 8. März immer. 2009 in Hannover auf jeden Fall, wenn die Stadt ungeniert mit einem verkaufsoffenen Sonntag (am Frauentag!!!) wirbt. Haben die Männer an diesem Tag Angst um ihre Geschäfte oder vor uns Frauen? Wenn sich das System nicht bewegt, müssen wir Frauen es endlich bewegen!


Diesen Artikel schrieb die niedersächsische Landtagsabgeordnete Christel Wegner für das "Hannoversche Volksblatt", die Zeitung der DKP Hannover.

Bild anzeigenKarikatur:
Bernd Bücking


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