unsere zeit - Zeitung der DKP28. November 2008

Das Thema

Entscheidung bei Cuito Cuanavale
Kuba und die Befreiungskämpfe im südlichen Afrika
Von Aloyse Bisdorff

Am 22. Dezember 1988, also vor beinahe 20 Jahren, erlangte Namibia seine Unabhängigkeit. Sie war das Resultat der Schlacht um Cuito Cuanavale in Angola, in der die Armee des rassistischen Südafrika von kubanischen Truppen, die den Angolanern zu Hilfe geeilt waren, vernichtend geschlagen wurde.

Die Truppen des Apartheidstaates mussten sich nicht nur aus ganz Angola, sondern auch aus Namibia zurückziehen. Dieser Sieg von schwarzen Soldaten aus Afrika und der Karibik über die weiße, sich überlegen wähnende Rassisten-Armee gab auch dem Kampf gegen die Apartheid in Südafrika neuen Auftrieb. Der südafrikanische Präsident Botha musste zurücktreten und der Freiheitskämpfer Nelson Mandela musste am 11. Februar 1990 aus 27-jähriger Gefangenschaft freigelassen werden.

Da die Rolle Kubas bei der Befreiung von Angola und Namibia sowie beim Sturz des Apartheidregimes in Südafrika in den bürgerlichen Medien meist unterschlagen wird, sollen hier die Ereignisse von Mitte der 1960er Jahre an kurz beschrieben wurden.

Bereits im Dezember 1956 war die Volksbewegung für die Befreiung Angolas (MPLA) unter Agostinho Neto gegründet worden. Sie begann den bewaffneten Kampf gegen die portugiesische Kolonialherrschaft im Februar 1961.

Um der marxistisch orientierten MPLA bei der Entkolonialisierung Afrikas nicht allein das Feld zu überlassen, entstand 1962 die westlich orientierte FNLA (Nationale Befreiungsfront Angolas) unter Holden Roberto. Aus dieser spaltete sich 1966 die Nationale Union für die Vollständige Unabhängigkeit Angolas (UNITA) unter Jonas Sawimbi ab.

Holden Roberto (FNLA) erhielt die Unterstützung der USA - über deren kongolesische Marionette Mobutu -, da er hauptsächlich im ölreichen Norden und der Enklave Cabinda agierte. Sawimbi wurde vom Apartheidregime in Südafrika unterstützt, welches eine Machtübernahme in einem späteren unabhängigen Angola durch die marxistische MPLA verhindern wollte.

Folge der Nelkenrevolution

Als am 24. April 1974 in Portugal das faschistische Regime Salazar durch die Nelkenrevolution weggefegt wurde, gab die neue Regierung alle bisherigen portugiesischen Kolonien frei. In Angola wurde eine Übergangsregierung unter einem portugiesischen Hohen Kommissar gebildet, in der MPLA, FNLA und UNITA je drei Minister stellten. Diese Regierung sollte bis zur vollständigen Unabhängigkeit am 11. November 1975 Wahlen abhalten.

Als älteste und mächtigste in weiten Teilen des Landes vertretene Organisation hatte die MPLA die besten Aussichten, die Wahlen zu gewinnen. Doch FNLA und UNITA verbündeten sich und zettelten einen Bürgerkrieg an. In diesen Kämpfen waren sie gegen die besser ausgebildeten, disziplinierten und motivierten MPLA-Kämpfer unterlegen. Um die drohende Niederlage von FNLA und UNITA zu verhindern, drangen am 14. Oktober 1975 südafrikanische Truppen in Angola ein. Eine stark motorisierte und gepanzerte Kolonne, Zulu genannt, stieß auf die Hauptstadt Luanda vor. Die südafrikanische Armee war den nur im Guerillakrieg erfahrenen MPLA-Kämpfern in der offenen Schlacht waffentechnisch weit überlegen. Sawimbis UNITA unterstützte die südafrikanischen Truppen vom Süden her, während die FNLA, unterstützt durch kongolesische Truppen Mobutus und die USA, vom Norden her vordrang.

Auf die Hauptstadt Luanda zurückgedrängt und in der Befürchtung sie nicht halten zu können, wandte sich die MPLA mit der Bitte um Hilfe an Kuba.

"Operation Carlota"

Fidel Castro veranlasste - ohne die Zustimmung der Sowjetunion einzuholen - die "Operation Carlota". Über Conakry (Guinea) wurden in aller Stille kubanische Truppen nach Luanda eingeflogen.

Beim entscheidenden Angriff auf Luanda war man in Südafrika der Meinung, dass die angolanische Hauptstadt innerhalb weniger Tage fallen werde. Die Überraschung war aber groß, als die südafrikanischen Truppen auf nicht erwartete kubanische Elitesoldaten stießen, welche die Südafrikaner zurückschlugen und ihnen große Verluste zufügten. Bei einem 1 000 Kilometer langen Rückzug bis zur namibischen Grenze blieben Sawimbi und seine Bande in der Mitte und im Osten Angolas als Störfaktor zurück.

Am 11. November 1975 erklärte Agostinho Neto die Unabhängigkeit Angolas, und am 1. Dezember 1976 wurde das Land als Mitglied in die UNO aufgenommen.

Durch diese Entwicklung wurde der Kampf der Südwestafrikanischen Volksorganisation SWAPO für die Befreiung Namibias von der Besetzung Südafrikas effektiver.

Das besetzte Namibia

Nun versuchte Südafrika auf angolanischem Gebiet eine sogenannte Sicherheitszone einzurichten, um die Nachschubwege für die SWAPO zu unterbrechen. Gleichzeitig wurde Sawimbis UNITA aktiviert, um die wirtschaftliche Erholung Angolas zu behindern. Mehrmals wurde die wichtige Benguela-Bahn, welche den Hafen Benguela mit der rohstoffreichen zairischen Provinz Katanga verbindet, unterbrochen.

Doch international entwickelten sich die Ereignisse zu Ungunsten Südafrikas.

Als Kolonie des deutschen Kaiserreiches war Namibia 1920 als Mandatsgebiet des Völkerbundes unter die Verwaltung von Südafrika gestellt worden. 1946 übertrug die UNO-Vollversammlung die Treuhandschaft über Namibia erneut an Südafrika. Doch dieses erklärte 1949 Namibia zu seiner 5. Provinz. Daraufhin entzog die UNO-Vollversammlung Südafrika das Mandat über Namibia und unterstellte es der direkten Verantwortung der UNO. In späteren Resolutionen erkannte die UNO die SWAPO als legitime Vertreterin des Volkes von Namibia an und verlangte den Abzug der südafrikanischen Truppen sowie Wahlen unter Aufsicht der UNO (Resolution 385).

Südafrika erkannte die UNO-Resolutionen nicht an, organisierte unter seiner Obhut "Wahlen" und installierte eine Südafrika-hörige Regierung. Der UNO-Rat für Namibia verlangte, keine von Südafrika gebildete Regierung in Namibia anzuerkennen und forderte den Sicherheitsrat auf, Sanktionen gegen Südafrika zu verhängen.

Die Entscheidung

Derart international in die Enge getrieben, versuchte das Rassistenregime die militärische Flucht nach vorn. Im September 1987 startete die südafrikanische Armee eine Großoffensive gegen Angola, in der mehr als zwei Divisionen eingesetzt wurden. Anfang November hatten die Südafrikaner den Großteil der angolanischen Armee in der Kleinstadt Cuito Cuanavale im Südosten Angolas isoliert und dachten, sie vernichtend schlagen zu können.

Der UNO-Sicherheitsrat verlangte in seiner Resolution 602 einstimmig den Rückzug aller das Territorium Angolas besetzenden Truppen. Die USA ließen den südafrikanischen Botschafter wissen, dass sie dafür sorgen könnten, dass weder Sanktionen gegen Südafrika verhängt, noch Hilfe für Angola in der Resolution beschlossen würde.

Wieder kam Kuba zu Hilfe, diesmal noch massiver mit 40 000 Mann, schweren Waffen und ihren Luftstreitkräften. Im Kampf um Cuito Cuanavale (13. Januar bis 23. März 1988) erwiesen sich die MIG 21 und MIG 23 den Mirage F1 der südafrikanischen Luftwaffe überlegen, ebenso wie die sowjetischen T-55 und vor allem die T-62 den Olifant-Panzern der Südafrikaner.

In einer zweiten Kolonne drangen kubanische Truppen von Südwesten her entlang der namibischen Grenze vor und bereiteten sich darauf vor, den geschlagenen Südafrikanern den Rückzug abzuschneiden.

In angebahnten Verhandlungen ließ Kuba verlauten, dass seine Truppen nicht an der Grenze zu Namibia stehen bleiben würden, wenn Südafrika die Unabhängigkeit Namibias nicht anerkenne.

Die permanenten Militäreinsätze sowohl in Südafrika selbst als auch in Angola und Namibia hatten die Wirtschaft und den Staatshaushalt Pretorias erschöpft. Am 8. August 1988 musste Südafrika in einen Waffenstillstand einwilligen. In der Folge musste Namibia aufgegeben werden, und kurz darauf brach das Apartheidregime zusammen.

Mandelas Dank

In seiner ersten Auslandsreise als neu gewählter Präsident Südafrikas und des ANC begab sich Nelson Mandela 1991 nach Kuba. Dort erklärte er in einer Rede am 26. Juli, der kubanische Sieg habe den Mythos der Unbesiegbarkeit des weißen Unterdrückers zerstört und die kämpfenden Massen in Südafrika inspiriert. "Cuito Cuanavale war der Wendepunkt in der Befreiung unseres Kontinents und vieler Völker von der Plage der Apartheid. Wir kommen hierher mit dem Gefühl, eine große Schuld gegenüber dem kubanischen Volk zu haben. Welches andere Land kann behaupten, mehr Altruismus in seinen Beziehungen zu Afrika angewandt zu haben als Kuba?"

Die gesamten kubanischen Verluste im Kampf gegen das rassistische Südafrika beliefen sich auf 2 016 Tote. Von den fünf kubanischen Kundschaftern, welche heute in verschiedenen Gefängnissen der USA sitzen, haben drei an den Kämpfen in Angola teilgenommen. Die Fünf haben später in den USA Pläne von Terrorattacken gegen Kuba aufgedeckt und den Behörden der USA übergeben. Statt ihnen für ihren Beitrag im Kampf gegen den Terrorismus zu danken, wurden sie verhaftet und zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt.

Möglicherweise rächen sich die USA so an den Kubanern, die auch wesentlich zum Fall des Apartheidregimes beigetragen haben, denn der Sturz des rassistischen Regimes in Südafrika war gleichzeitig eine Niederlage für den US-amerikanischen Imperialismus.

Nach der Unabhängigkeit Namibias zog Kuba, wie in den Verhandlungen vereinbart, seine Truppe aus Angola zurück. Doch im Land gingen die Kämpfe weiter, da die USA ihre Haltung gegenüber Sawimbi geändert hatten. Schon im Juli 1985 hatte der Kongress das "Clark Amendement" aufgehoben. Dieses hatte jede Hilfe an die UNITA verboten, da die USA ja auf der Seite von Holden Roberto standen, dessen Truppen aber auseinander gebrochen waren, so dass sich die USA jetzt mehr auf Sawimbi stützten.

Wahlen im September 1992 brachten der MPLA den Sieg, den Sawimbi aber nicht anerkennen wollte. Er begann den Bürgerkrieg von neuem. Mit gestohlenen Diamanten konnte er sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit Hilfe der russischen Mafia und der Ukraine neue, moderne Waffen beschaffen, darunter Panzer T-77, Helikopter und Boden-Boden-Raketen. Erfolglos versuchte er die Städte Huambo und Kuito in Zentralangola einzunehmen. Zeitweilig drang er im Norden bis Malanje und Uige vor.

Die Lieferungen von ursprünglich sowjetischen Waffen nach Angola, sowohl für die eine als auch für die andere Seite, die über französische Kanäle abgewickelt wurden und zur Zahlung von großen Korruptionsgeldern Anlass gaben, sind heute noch Objekt eines Gerichtsverfahrens unter anderem gegen den älteren Sohn von François Mitterrand und den Ex-Innenminister Pasqua.

Im September 1998 nahmen führende Gefolgsleute von Sawimbi das Angebot des neuen Präsidenten Angolas, Dos Santos, an und traten in die Regierung ein, darunter Chilingutila als Vizeverteidigungsminister. Der Rest von Sawimbis Anhang wurde zerschlagen und zog sich in ein Naturreservat in der Provinz an der Grenze zum Kongo zurück.

In Zwischenzeit haben auch die USA ihren Frieden mit der angolanischen Regierung gemacht. Sie beziehen nämlich 15 Prozent ihres Erdölbedarfs aus Cabinda und Nordangola.


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