unsere zeit - Zeitung der DKP24. Februar 2012

Marxistische Theorie und Geschichte

"Selbst wir werden von uns überrascht"
Interview des Journalisten Bernard Duraud
von der französischen Zeitung L´Humanité
mit der Direktorin des CENESEX, Mariella Castro Espín

Mariella Castro Espin, 49 Jahre alt, Tochter des kubanischen Präsidenten Raúl Castro sowie der schon verstorbenen Vilma Espín, einer großen Figur der kubanischen Revolution, ist Direktorin des kubanischen Nationalen Instituts für Sexualerziehung (Centro Nacional de Educación Sexual - CENESEX). Sie engagiert sich nachdrücklich für die Rechte der lange Zeit diskriminierten Homosexuellen und Transsexuellen und gab den Anstoß zu wichtigen diesbezüglichen Veränderungen.

Bernard Duraud: Seit Jahren führen Sie einen Kampf für die Freiheit der sexuellen Neigung und geschlechtlichen Identität in Kuba. An welchen Punkt ist man gelangt?

Mariela Castro: Wir befinden uns in einem guten Moment. Das ist das Arbeitsergebnis von mehreren Jahren. Seit der Gründung des Kubanischen Frauenverbandes in den 1960er Jahren öffneten sich Wege, die es ermöglichten, nach und nach die Vorurteile in Verbindung mit der Sexualität und dem Geschlecht abzulegen. Diese Arbeit hat uns erlaubt, verschiedene Formen der Diskriminierung, die tagtäglich in unserer Kultur und unserer Gesellschaft existieren, zu behandeln. Was die Homophobie betrifft, ist es nicht einfach, die Denkweise einer ganzen Gesellschaft zu verändern. Im Rahmen einer komplexen Strategie kann jede Aktion im erzieherischen Bereich mit Unterstützung der Medien, dem Fernsehen und dem Radio ein Erfolg sein. Man muss überall präsent sein. Das setzt das Vorhandensein eines politischen Willens voraus, um all diese Änderungen zu bewirken, und dass sie in einem konkreten Gesetz zu diesem Problem zum Ausdruck kommen.

Bernard Duraud: Sie haben einen Gesetzentwurf erarbeitet. Kommt er voran?

Mariela Castro: Einer unserer rechtlichen Vorschläge betrifft das Familiengesetzbuch, das auf Initiative des Frauenverbandes und nach breiter Diskussion 1975 angenommen wurde. Dieses Gesetzbuch funktioniert, aber seit über 15 Jahren nehmen wir als Institution an der Auseinandersetzung des kubanischen Frauenverbandes für eine Transformation teil, um die Rechte der Frau, der Kinder, der Behinderten und der älteren Menschen besser zu garantieren. In diesem Sinne schlägt das CENESEX einen neuen Artikel vor, der die freie sexuelle Neigung und geschlechtliche Identität einschließt. Es handelt sich nicht um ein Gesetzbuch, dessen Erfüllung obligatorisch ist, sondern es soll dazu dienen, Werte im Schoße der Familie festzulegen. Wenn dieses Gesetzbuch einmal angenommen ist, muss es außerdem andere Elemente einschließen, denn viele andere Gesetze werden sich ebenfalls ändern. Mit dem neuen Gesetz werden die Transsexuellen das Recht haben, ihre Identitätsdokumente zu ändern. Dies setzt gegenwärtig voraus, dass sie sich einem chirurgischen Eingriff unterziehen, um ihr Geschlecht zu ändern. Im Jahr 2008 haben wir mit Hilfe des Ministeriums für Gesundheitswesen bereits erreicht, eine Reihe von Verfahren spezialisierter gesundheitlicher Betreuung festzulegen, die transsexuelle Menschen benötigen, einschließlich der Geschlechtsumwandlung. Diese Operationen sind vollkommen kostenlos und im Staatshaushalt vorgesehen. Wir sind das einzige Land, das dies gemacht hat. Aber bisher wird die Identität nicht geändert, wenn kein chirurgischer Eingriff erfolgt. Dies ist der Gesetzentwurf. Er ist bereits abgefasst, er muss nur noch zur politischen Diskussion vorgelegt werden. Bernard Duraud: Haben Sie sich nicht Hindernissen politischen und religiösen Charakters gegenüber gesehen?

Mariela Castro: Die Bremsen sind nicht die Vorurteile der gesamten Bevölkerung. In dieser heterogenen Gesellschaft, in der wir leben, in den Kirchen und auch in anderen bestehenden Strukturen gibt es Menschen, die uns unterstützen, und andere, die uns nicht unterstützen. Es gibt religiöse Führer, die einverstanden sind, andere sind es nicht. Es gibt keine Konfrontation mit der Kommunistischen Partei und ihrer Abteilung Ideologie, auch nicht mit dem Vermittler, der sehr aufmerksam und respektvoll war. Wir haben ihnen unsere Argumente dargelegt und sie selbst haben sich mit den Geistlichen unterhalten, die nicht einverstanden waren. Es gibt kein Unbehagen, es gibt Besorgnis, aber kein Unbehagen. Wir haben von unserer Besorgnis gesprochen, die Menschen nicht zu verstoßen, sie nicht zu beeinträchtigen. Nur der Dialog kann die Widersprüche lösen. Aber es gibt Punkte, bei denen wir nicht nachgeben werden, zum Beispiel bei den Operationen zur Geschlechtsumwandlung. Wir betrachten sie als gesundheitliche Behandlung und davon werden wir nicht abweichen. Es muss getan werden, es ist ein Recht. Wir wissen, dass verschiedene Kirchen die Ehe von Personen des gleichen Geschlechts nicht befürworten. Statt eine Kategorie der homosexuellen Ehe zu schaffen, was nicht notwendig ist, schlagen wir eine rechtmäßige Gemeinschaft vor, die die Rechte der Menschen des gleichen Geschlechts gewährleisten kann. Sie dürfen weder diskriminiert noch ausgeschlossen werden. Das Ziel ist, dass sie die gleichen Garantien haben wie die heterosexuellen Paare, vor allem vorn Gesichtspunkt des Erbes her. Unser Vorschlag ist die eingewilligte Gemeinschaft: Die Paare gleichen Geschlechts haben die gleichen Rechte wie die Paare verschiedenen Geschlechts. Es gibt keine Unterschiede. Es wird nicht von Adoption gesprochen. Auch wenn man sie in Betracht ziehen könnte, glaube ich, hier gibt es Widerstände. In dem Maße, in dem unsere Bevölkerung vorankommt und die Vorurteile überwindet, wird dies aufhören, eine Besorgnis zu sein. Wir haben die Entwicklungen in der Gesetzgebung in anderen Ländern, einschließlich der europäischen, beobachtet, und sie haben auf die gleiche Weise vorgehen müssen, mit einer Sache beginnend und dann zur nächsten übergehend. Was uns betrifft, schlagen wir weder die Ehe noch die Adoption von Minderjährigen vor. Wir gehen in der Anerkennung der Rechte der Bevölkerung und der Geschlechter voran.

Bernard Duraud: Es handelt sich um einen Emanzipationskampf im Rahmen des kubanischen revolutionären Prozesses?

Mariela Castro: Natürlich! Das ist die Plattform, das Szenario. Ich habe eine marxistische Bildung, die mir erlaubt, die Gesellschaft, in der ich lebe, zu begreifen und zu verstehen, was für uns Sozialismus ist. Eine Gesellschaft in sozialistischer Transition, wie die kubanische Gesellschaft, muss aufmerksam sein, damit sie nicht die Herrschaftsmechanismen, die vorher existiert haben, reproduziert. Ich denke, dieser Kampf um die vollständige Würde der Menschen steht im Einklang mit einem sozialen Transformationsprozess für die Emanzipation der menschlichen Wesen, den der Sozialismus darstellt. Diese Idee darf nicht aus den Augen verloren werden. Ohne sie reproduziert man nämlich weiter die gleichen Schemata bezüglich der Frauen, der Homosexuellen oder der Immigranten. Zum ersten Mal in der Geschichte der PCC wird in dem Dokument, das auf der nationalen Konferenz im Januar 2012 vorgelegt werden wird, von den Rechten auf sexuelle Entfaltung gesprochen. Es wird in der gesamten Bevölkerung diskutiert. Wir, im CENESEX, haben mehrere Empfehlungen gemacht, insbesondere zum Einschluss des Konzepts der Geschlechtsidentität und nicht nur der sexuellen Neigung. Denn mit dieser Identität schließt man den Schutz der Menschen in Bezug auf das Geschlecht ein.

Bernard Duraud: Sie sprechen von der Achtung der Menschen und ihren vollständigen und umfassenden Rechten. Gibt es im Kampf um die Meinungsfreiheit nicht auch andere Kämpfe zu führen?

Mariela Castro: Niemand kann verhindern, dass wir unsere Meinung äußern. Das ist ein Mythos. Niemand kann in Kuba schweigen. Das spanische Kolonialsystem hat uns nicht zum Schweigen bringen können, der US-amerikanische Kolonialismus nicht, und auch nicht die von den USA auferlegte Militärdiktatur. Wir haben immer gesagt, was wir denken. Jeder ist Herr darüber, was er sagt, was er tut. Man muss auch die Verantwortung dafür tragen. Die Freiheit besteht darin, seine Verantwortung zu übernehmen, alles zu wagen, Entscheidungen zu treffen. Und das gilt für alles. Im Zusammenhang mit der Pressefreiheit bin ich geneigt zu sagen, dass es sie nirgends gibt. Sie hängt davon ab, wer die Medien beherrscht, die Eigentümer, die Finanzgruppen, die Aktionäre, die Herausgeber, die Staatspolitik. In Kuba gibt es eine Vielzahl unabhängiger Blogs und Tausende interessante Blogger, mutig in ihren Fragestellungen und ihre Verantwortung tragend, ohne Geld von einem Land zu erhalten, das uns kontrollieren oder belästigen will. Wahrlich erhält eine kleine Gruppe von ihnen Geld von der Regierung der Vereinigten Staaten, damit sie sich Geschichten gegen Kuba ausdenken. Seit über 50 Jahren erleiden wir einen wahren ideologischen Krieg mit dem Ziel, die Revolution zu zerstören. Die Medienkampagne gegen Kuba wird immer stärker. Das US-amerikanische Außenministerium hat in sie über 20 Millionen Dollar gepumpt. Mit diesem Geld werden Blogger bezahlt, US-amerikanische oder europäische Journalisten, um uns in Misskredit zu bringen. Aber wer kennt wirklich und nicht durch die Deformation die tägliche Realität der Kubaner und ihre Kapazität voranzuschreiten? Was Kuba betrifft, wünschte ich mir eine kritischere Presse, die eine wirkliche investigative Arbeit leistet. Und kritisieren heißt nicht, es an Respekt fehlen zu lassen, und man muss der journalistischen Ethik gerecht werden.

Bernard Duraud: Ist eine Partei bei der Führung der kubanischen Politik ausreichend?

Mariela Castro: Also, wer die einzige Partei erfunden hat, war nicht Fidel, sondern José Martí. Angesichts der Bedrohung von außen gab es keine andere Option, als den Willen der Kubaner zu vereinen, was Martí die "Revolutionäre Partei" nannte. Die PCC ist Erbin dieser von José Martí gegründeten revolutionären Partei. Dank der Einheit in dieser einzigen Partei konnte die Unabhängigkeit von Spanien erreicht werden, aber sie scheiterte aufgrund der US-amerikanischen Intervention. Die Kubaner vereinten sich noch mehr, um ihre Souveränität zu erringen. Deshalb ist es eine Partei, die eine große Vielfalt, einschließlich der Religionen und verschiedener Positionen vereint. Aber das Prinzip ist sehr klar und umfasst die nationale Souveränität, die Verteidigung dieser Souveränität, die Entwicklung des Landes auf der Grundlage der Gerechtigkeit und der sozialen Gleichheit. Das ist das Projekt. Das kubanische Volk hat, was es will. Die PCC stellt nicht die Kandidaten für die Wahlen auf, es ist die Bevölkerung in den Wohnvierteln, die entscheidet und die Kandidaten aufstellt.

Bernard Duraud: Welches ist die Bedeutung der Formel Ihres Vaters, Raúl Castro, wenn er sagt, man müsse "Schritt für Schritt" vorankommen?

Mariela Castro: Jede plötzliche Änderung kann eine große Unverantwortlichkeit sein. Der Prozess der Meinungsbildung und -änderung braucht Zeit, und bedeutet viel mehr als eine Volksbefragung. Wenn er sagt "Schritt für Schritt", heißt es, jeden Schritt, der gegangen wird, zu konsolidieren, nicht oberflächlich zu sein und niemanden zu vergessen. Mehrmals hat er mir gesagt, ich solle versuchen, einen erzieherischen Standpunkt gegenüber der Bevölkerung einzunehmen, bevor etwas als Gesetzentwurf eingebracht wird, sonst werde ihm nie zugestimmt. Das ist es, was wir gemacht haben, die Kubaner zu sensibilisieren, die Abgeordneten. Er arbeitet in dieser Richtung und ich glaube, dass es eine gute Strategie ist. Es gibt Leute, die gerne wollen, dass Kuba sich mit den Änderungen beeilt. Er antwortet: "Ich würde mich gerne beeilen, aber ich kann nicht etwas aufdrängen." Man muss einen gewissen Konsens finden, zumindest mit der Mehrheit rechnen können.

Bernard Duraud: Welches sind die Prioritäten für die Kubaner heute?

Mariela Castro: Eine Menge! Vor allem handelt es sich darum, unsere Wirtschaft zu stärken, damit sie sich selbst trägt. In gewisser Weise kann uns der Tourismus helfen, Fortschritte zu erreichen. Trotz der Wirtschafts- und Handelsblockade gegen Kuba hat der US-amerikanische Tourismus in unglaublicher Weise zugenommen. Die US-Amerikaner wollen nach Kuba kommen, viele kommen auf Umwegen, um in den Vereinigten Staaten nicht bestraft zu werden. Die Tatsache, durch das Blockadegesetz bestraft zu werden, ist nebenbei bemerkt eine Verletzung der Rechte der US-Bürger und ihrer Verfassung. Dann müssen wir sehr wohl vorankommen, neue Mechanismen schaffen. Und das kommt! Kuba überrascht immer, selbst wir werden von uns überrascht.

Bernard Duraud: Nach seiner Wahl hatte Obama Hoffnungen in Bezug auf Kuba genährt. Aber nichts änderte sich ...

Mariela Castro: Obama hat die Verantwortlichkeit für sein Programm nicht aufgegeben. Die Vereinigten Staaten sind weiterhin hegemonial. Sie sind der Weltgendarm, kontrollieren uns alle. Ich stelle fest, dass Europa ihren Schritten gefolgt ist, indem es den gemeinsamen Standpunkt gegen Kuba festlegte. Das ist Zynismus! Das zeigt, dass es der Politik der Vereinigten Staaten untergeordnet ist.

Bernard Duraud: Sie sind die Tochter von Raúl Castro und die Nichte von Fidel. Ist es zu hart, dieses Erbe zu führen?

Mariela Castro: Manchmal ja, manchmal nein! Nein, für alles, was sich in symbolischer Weise tragen lässt, was mit dem familiären Erbe zusammenhängt. Einige denken sich eine Verantwortung für mich aus, die mir nicht zukommt; andere wollen, dass ich in der Zukunft Präsidentin der Republik werde. Wenn sie mich gut kennen würden, würden sie es nicht wünschen! Das hat nichts mit meinen Vorhaben zu tun. Andererseits erhalte ich viel Zustimmung in Kuba und in zahlreichen Ländern. Man hat mir sehr schöne Dinge gesagt, voller Bewunderung, Achtung, Zuneigung und Dankbarkeit. Man hat mir Anekdoten über meine Eltern erzählt, die ich nicht kannte. Dann empfinde ich Stolz auf die Familie, in die ich hinein geboren bin. Sie haben mir Werte vermittelt, eine Ethik. Und wenn ich rebellisch bin, ist es nicht meine Schuld, sondern ihre. Sie sind es sehr viel mehr, als ich es gewesen bin und sie sind es weiterhin. Deshalb empfinde ich so viel Bewunderung. Aber ich will nicht so sein wie sie.

Bernard Duraud: Raúl aus der Sicht Marielas ...

Mariela Castro: Vor allem werde ich sagen, dass mein Vater sehr sympathisch ist. Sehr unterhaltsam. Er hat eine besondere Weise die Dinge zu sagen, ist direkt. Ich habe viel Spaß mit ihm gehabt, habe mich auch geärgert, aber immer mit viel Liebe. Wir haben gelernt, uns zu verstehen. Ich habe nie Angst gehabt ihm zu sagen, wie ich über bestimmte Dinge denke, auch wenn er nicht damit einverstanden war. Ich habe von ihm gelernt, dass man im Leben so sein und alle Risiken dafür auf sich nehmen muss. Er ist strukturiert, sehr organisiert. Er unterhält sich gern, arbeitet gern im Team, verliert keine Zeit. Die Dinge sind, wie sie sind, er mag nicht, dass man sie beschönigt. Dank meiner Mutter hat er mich in meinem Kampf unterstützt, sie hat die Vorarbeit geleistet. Ich bin nicht "die Tochter ihres Vaters". In Folge dessen handele ich aufmerksam und vorsichtig. Aber von ihm habe ich die Eigenschaft geerbt, den Finger auf die Wunde zu legen.

Granma internacional, Januar 2012


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