unsere zeit - Zeitung der DKP22. Januar 2010

Das Thema

Impfen mit Walt Disney
Interview mit Enrique Ubieta Gomez, Mitarbeiter im ZK der KP Kubas und Redakteur der Zeitschrift "Calle del Medio"

UZ: Genosse Ubieta, du bist Mitarbeiter des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas. Wie kommt man in eine solche Funktion?

Enrique Ubieta: Man muss schon ein Mensch sein, der seine Arbeit liebt. Es geht da nicht um persönliche Dividende. Die Kader, die für das Zentralkomitee oder im Zentralkomitee arbeiten, haben zunächst einmal an der Basis ihre Verdienste erworben, und zwar auf kommunaler und dann auf Provinzebene. Wenn sie dann als Funktionäre ins ZK kommen, haben sie eine mindestens zehnjährige Erfahrung in der Parteiarbeit hinter sich. Es gibt sehr wenige Mitarbeiter des Zentralkomitees, die direkt aus Havanna stammen. Die meisten kommen aus den Provinzen, aus dem ganzen Land. Das heißt also, der ganze Apparat von Hilfsund Zuarbeitern des Zentralkomitees ist von der Herkunft sehr diversifiziert. Aber das Hauptcharakteristikum ist, dass alle sehr fleißig sind und ihr Leben und ihre Kraft der politischen Arbeit der Partei widmen.

UZ: Du leitest eine Zeitung, die sich in einem weiten Sinn mit kulturellen Fragen befasst. Stellst du uns bitte das Konzept vor? Auf welche Fragen, die sich in der kubanischen Gesellschaft stellen, gibt sie Antworten?

Enrique Ubieta: Die "Calle del Medio" ist eigentlich mehr eine Zeitschrift als eine Zeitung, auch wenn sie vom Format her einer Zeitung ähnelt. Sie erscheint monatlich mit 100 000 Exemplaren und soll ein ganz breites Spektrum von Leserinnen und Lesern erreichen. Das Ziel ist, mit dem Leser über seine bevorzugten Themen und alltägliche Fragen zu debattieren auf eine Art und Weise, die für den Leser attraktiv ist. Aber gleichzeitig polemisch.

Wenn die neue Ausgabe erschienen ist, bringe ich sie immer als erstes zum Metzger in meinem Stadtteil und zu dem Mann in der Bodega. Ich unterhalte mich mit ihnen darüber, sie sind meine ersten Kritiker. "Calle del Medio" geht von einem sehr breit gefassten Kulturbegriff aus. Da stehen Kochrezepte neben Artikeln über Sportereignisse, Artikel über das tägliche Leben, über Fernsehsendungen, über Kunst, fast alles. Und in all diesen Aspekten versucht die Zeitung in die Tiefe vorzudringen, und zwar auf eine verständliche Art und Weise. In diesen Artikeln werden die ethischen Werte der Gesellschaft angesprochen, insoweit ist es eine ideologische Zeitung. Die Beiträge sind in einer einfachen Sprache geschrieben, die den Leser ergreift und die ihm auch die Möglichkeit gibt, teilzunehmen am Ganzen. Manchmal stellen wir auch Fragen, die die Leser auf der Leserbriefseite selbst beantworten sollen.

UZ: Nun wissen wir, dass ausgerechnet die "Telenovelas", die so genannten Seifenopern im Fernsehen, in Kuba ein großes Publikum haben. Solche Sendungen transportieren ja Ideologie, und dahinter steckt der Satz, dass Theorie zur materiellen Gewalt wird, wenn sie die Massen ergreift. Muss, um die Menschen gegen diese Ideologie zu immunisieren, die Sprache auf das Niveau der Telenovelas heruntergebrochen werden?

Enrique Ubieta: Das Problem der Telenovela ist ein einleuchtendes Beispiel für das, was wir machen wollen. Für mich geht es bei der Telenovela nicht darum, ob die Schauspieler gut sind oder schlecht, ob die Kameraeinstellung gut ist, wie auch immer. Ich will das in der Zeitung haben, was die Familie diskutiert, nachdem sie diese Telenovela gesehen hat. Aber ich werde dabei nicht mit ideologischen Begriffen arbeiten. Denn die Familie spricht auch nicht in diesen Begrifflichkeiten. Die Familie wird wahrscheinlich über dieses Haus sprechen, über die prunkvolle Villa, die dort vielleicht dargestellt wird. Oder über die Jacht, die die dargestellte Familie vielleicht besitzt. Oder vielleicht auch über die moralische Haltung der einzelnen Akteure in dieser Telenovela. Darüber redet die Familie, und ich diskutiere dann in der Zeitung darüber. Es geht mir noch nicht mal darum, den Leser von meinen Meinungen zu überzeugen, es geht darum, ihn einzuladen, darüber überhaupt nachzudenken. Dass er gezwungen wird, wenn er denn anders denkt als ich, dafür wenigstens eine Erklärung zu finden. Das heißt, man muss den Boden unter seinen Füßen bewegen.

UZ: Verstehe ich dich richtig: Die Zeitschrift ist also auch eine Antwort auf die ideologische Offensive des Imperialismus, die in den vergangenen Jahren gegen Kuba intensiviert worden ist und sicher auch Einfluss in der kubanischen Gesellschaft hat. Worauf führst du zurück, dass an dieser Schraube der ideologischen Diversion gedreht wird? Diese Propagandaoffensive erreicht uns ja auch in Deutschland, zum Beispiel anhand der Meldungen über die "Tapfere Bloggerin" Yoani Sánchez.

Enrique Ubieta: Der Imperialismus hat natürlich immer versucht, die kubanische Revolution zu zerstören. Und da haben sie noch eine letzte Hoffnung, dass, wenn das Ableben der historischen Führer der Revolution ansteht, auch die Revolution stirbt. Sie wollen glauben machen, dass es nicht darum geht, dass mit der Revolution ein neues System gekommen, sondern nur eine neue Regierung, die mit dem physischen Ende der Revolutionsführer ebenfalls enden wird. Und natürlich hat sich der ideologische Kampf intensiviert. Die Attacke, die wir zur Zeit erleben, richtet sich an den großen Teil der kubanischen Bevölkerung, die den Kapitalismus nie erlebt hat. Es sind zwei Generationen von jungen Leuten, die in einem ungünstigen Moment der Geschichte geboren wurden, während der "Periodo Especiál", der "Sonderperiode". Dieser ideologische Kampf stützt sich auch auf ein technisches Phänomen, und zwar die Entwicklung der Medienkommunikation. Alle Länder sind durchlässig geworden, was das angeht.

Viele Menschen wissen gar nicht, dass Kuba immer ein Land gewesen ist, wo sehr viele Filme auch gezeigt wurden. Ich bin aufgewachsen mit Walt-Disney-Figuren im kubanischen Fernsehen. Aber heute sehen die Leute noch mehr, nicht nur das, was im Fernsehen kommt. Nicht mal nur die Videos, die sie zu Hause haben. Heute sieht man auf dem Computer auch Filme, die auf einem Stick ins Land gekommen sind. Das heißt, der kulturelle Austausch ist heute sehr intensiv. Und die ideologische Debatte hat eine erheblich größere Dimension erreicht, ist viel komplexer, viel intensiver.

UZ: Damit ist eigentlich die Frage schon weitgehend beantwortet, welcher Medien sich diese Diversionsversuche bedienen. Du hast das Fernsehen und das Internet angesprochen.

Enrique Ubieta: Unser Fernsehen ist staatlich, und wir bestimmen natürlich, was gesendet wird. Und das ist ein sehr breites Spektrum. Darunter sind Filme und auch Serien aus den USA. Es sind sogar recht viele US-Filme, die wir senden. Und wir versuchen natürlich immer, hinzubekommen, dass es wenigstens die besten sind. Wenn ich sage, die besten, dann beziehe ich mich nicht auf große Kunstwerke, sondern die besten von den kommerziellen Filmen. Und wir versuchen, auch das Beste aus anderen Ländern zu zeigen. Aber da kommen natürlich auch andere Filme ins Land, über das Internet oder über private Wege, und das Spektrum von Filmen, die konsumiert werden, ist sehr breit. Man kann davon ausgehen, dass der durchschnittliche Kubaner sehr gut informiert ist, weit besser informiert als der durchschnittliche Lateinamerikaner und auch als der durchschnittliche US-Bürger. Das heißt aber nicht, dass er immun wäre. Wir glauben, dass die Bevölkerung alles konsumieren können sollte, abgesehen natürlich von faschistischer und rassistischer Propaganda. Wir wollen dann aber zur Reflektion über die Inhalte anregen. Eine der Sachen, die mit entscheidend waren für den Zusammenbruch des Sozialismus in der Sowjetunion, ist unserer Meinung nach: sie hatten nie die Walt-Disney-Figuren gesehen. Die Sowjetbürger waren nicht immunisiert. Einige der Hervorbringungen des Imperialismus wurden für sie zu Mythen. Man muss das so sehen: man kann mit der Krankheit in Kontakt kommen, um immun gegen sie zu werden, ohne auf sie hereinzufallen. Es muss die richtige Dosis sein, dann kann das wie eine Impfung wirken.

UZ: Die Zeitung dient also, wenn ich es richtig sehe, der Verteidigung der Werte der kubanischen Gesellschaft. Würdest du diese Werte noch einmal kurz beschreiben?

Enrique Ubieta: Ich sehe das etwas anders. Es geht nicht vordergründig um die Werte der kubanischen Gesellschaft, es geht um die universellen Werte der menschlichen Kultur, der sozialistischen Kultur. Jeder Mensch hat einen Ort, wo er geboren ist, und eine Kultur, die er aufnimmt. Warum bringe ich zum Beispiel Kochrezepte? Ich eröffne eine Schlacht, die gar nicht so offensichtlich eine Schlacht ist, gegen den Stil der Fastfood-Kultur aus den USA. Nicht weil das eine schlechte Sache ist, denn ich rede da nicht über die ernährungswissenschaftliche Seite, darum geht es nicht bei der Zeitschrift. Es geht um das, was der Fastfood-Kultur innewohnt in der nordamerikanischen Gesellschaft, und um die transnationalen Unternehmen, die dahinter stehen. Ich will die Leserschaft an die Rezepte erinnern, die die Kubaner und die Lateinamerikaner immer hatten, die traditionelle Kochkultur. Und dazu muss ich nicht über Politik sprechen. Das soll ein Beispiel sein. Was wir wollen, ist, den Konsumismus bekämpfen. Wir wollen den Merkantilismus in Kunst und Kultur bekämpfen und die Leitmodelle, die nur auf Geld oder dem Erlangen von Geld basieren. Und deswegen geht es nicht um eine Ansprache an den, sondern um eine Konversation mit dem Leser. Er wird nicht angesprochen, sondern wir sprechen mit ihm.

UZ: Damit werden dann automatisch ja auch Werte wie zum Beispiel Solidarität gegen Vereinzelung transportiert.

Enrique Ubieta: Solidarität ist kein speziell kubanischer Wert, sondern ein universeller. Und natürlich im Sozialismus essentiell. Ich habe zum Beispiel einen Artikel geschrieben über "Botella", das ist der in Kuba gebräuchliche Ausdruck für Autostopp. Das war in der großen Krise der Neunzigerjahre ein Massenphänomen und daraus hat sich die Gewohnheit entwickelt, dass man an einer Ampel stehen bleibt und wartet, bis ein Auto hält, und den Fahrer fragt, wohin er fährt. Und wenn es die richtige Richtung ist, fragt man, ob er einen ein Stück weit mitnehmen kann. Es ist üblich, dass man dann zum Einsteigen eingeladen und mitgenommen wird, natürlich kostenlos.

Ich habe dazu ein Handbuch geschrieben, also ein "Handbuch" in Anführungszeichen, über die verschiedenen Möglichkeiten, wie man den Fahrer ansprechen kann, wie man dabei mehr Erfolg hat und was weniger erfolgversprechend ist. Das ist auch eine Art und Weise, das Konzept der Solidarität in der kubanischen Gesellschaft zu verteidigen. Ich suche immer nach Beispielen, Formen und Umschreibungen, die den Leser nicht direkt damit erschrecken, dass ich von Politik spreche.

Die Fragen stellte
Manfred Idler


Bloggen in Kuba

Welchen Zugang haben Kubanerinnen und Kubanern zu Computern und damit ins Internet?

Enrique berichtet, die Universitäten seien gut mit Computern ausgerüstet, ebenso die meisten Betriebe. Viele Intellektuelle besäßen Computer und damit Internetzugang, da sie die Geräte als Arbeitsmittel benötigen, würden sie bevorzugt damit ausgestattet. Die Verbindung sei allerdings nicht über das Breitbandkabel möglich, weil Kuba nicht an das Kabelsystem angeschlossen ist - eine Folge der US-amerikanischen Blockade. Der Internetzugang sei nur über das teure und langsamere Satellitensystem möglich. Die Situation wird sich voraussichtlich 2011 durch das geplante venezolanisch-kubanische Kabelprojekt entscheidend verbessern.

Enrique wies darauf hin, dass es in Kuba zahlreiche "Blogs", eine Art Internet-Tagebücher, gibt, auf denen man sich über den realen Alltag auf Kuba informieren kann (Spanischkenntnisse natürlich vorausgesetzt). Man sei nicht auf anti-kubanische Propaganda-Blogs wie den der berüchtigten Yoani Sánchez angewiesen.

Als Beispiele nannte er die folgenden Web-Adressen:

www.la-isla-desconocida.blogspot.com
www.cambiosencuba.blogspot.com
www.yohandry.wordpress.com
www.mundo-en-crisis.blogspot.com

M. I.


Bild anzeigenNicht ohne - berechtigten - Stolz stellte Enrique (Mitte) in der UZ-Redaktion "seine" Zeitschrift vor.

Foto: Sarbok


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