unsere zeit - Zeitung der DKP3. September 2010

Feuilleton

"Wir könnten Menschen sein"
Der Dokumentarfilm "Zucker & Salz" geht auf Tournee
und mit ihm zwei seiner kubanischen Hauptfiguren

Wir hören, dass ein neuer Dokumentarfilm über Kuba erschienen ist, und seufzen: Schon wieder Wellenschlag am Malecón? Spätestens seit Wenders´ "Buena Vista Social Club" sehen sich scheinbar alle Dokumentarfilme über Kuba verpflichtet, mit der Brandung an Havannas Uferpromenade zu beginnen, und alle präsentieren uns mindestens einen faltenreichen Alten, welcher durch sein zahnloses Lachen anrührt. In vielen Kuba-Streifen wird die großartige Geschichte dieser kleinen Insel in folkloristischer Romantik verhüllt, werden lebensfrohe kubanische Gesichter in ihrer natürlichen Umgebung zum Zwecke der Selbstbestätigung filmisch ausgebeutet.

Tobias Kriele hat als Regisseur zusammen mit dem Münchner Kameramann Martin Broschwitz einen anderen Kuba-Dokumentarfilm gemacht. Kriele versichert, bei ihm gebe es keine karibische Brandung und keinen Leuchtturm von Havanna zu sehen, und er schaut dabei bedeutungsvoll drein.

Tatsächlich ist "Zucker & Salz" außergewöhnlich, und zwar zunächst einmal, weil das Werk als Film schlicht und bescheiden bleibt und sich nicht störend zwischen seinen Gegenstand und den Zuschauer drängt. Der Dokumentarfilm stellt dem Publikum die Freundschaft von vier Frauen während 50 Jahren kubanischer Revolution vor. Die Geschichte geht so: Die jungen Kubanerinnen Elena, Angela und Ana lernen sich Ende 1960 in der Kampagne für die schulische Bildung der Landbevölkerung kennen. Sie werden in der Sierra Maestra ausgebildet und eingesetzt und dann auf die Schule für Revolutionäre Anleiterinnen in die Hauptstadt Havanna geschickt. Dort beginnen sie vor allem mit Frauen zu arbeiten, die in vorrevolutionären Zeiten ein marginalisiertes Leben führten und jetzt in die Lage versetzt werden sollen, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Ana führt ihre Schwester María in die Gruppe ein, und die vier Frauen werden Freundinnen fürs Leben. Ihren beruflichen, politischen und privaten Lebensweg beschreiten sie fortan gemeinsam. Wenn sie sich helfen können, helfen sie sich, und wenn sie sich zu kritisieren haben, kritisieren sie sich. In den Momenten der Bedrohung der Revolution von außen liegen sie gemeinsam im Schützengraben und in Augenblicken persönlicher Niederlagen richten sie sich wieder auf. Heute, im fünfzigsten Jahr ihrer Freundschaft, sind sie entschlossen, zusammen zu bleiben, bis der Tod sie scheidet, wie Ana es lachend ausdrückt. Seinen Namen bezieht der Film von einem Ausspruch von Elenas Mutter: "Wahre Freunde teilen auch das Salz, nicht nur den Zucker."

Die vier sagen über sich selbst, dass es die Revolution gewesen sei, die sie vor einem halben Jahrhundert vereinte und sie bis heute zusammenhält. In der Arbeit für die Revolution seien sie jung geblieben, sagen die Frauen in den Interviews übereinstimmend. Schließlich würde man sie aus gutem Grund die "Akkumulierte Jugend" nennen, prusten die compañeras zum Ende des Dokumentarstreifens. Ohne Zweifel freuen sich die vier Frauen ihres Lebens, und man kann gar nicht anders, als sich von ihnen angerührt zu fühlen. Es gibt da aber etwas, was sie davor feit, als karikatureske Originale á la "Buena Vista Social Club" missverstanden zu werden. Es ist geradezu so, als würden uns die vier an etwas erinnern, das es wert ist, Achtung zu genießen.

Elena, Angela, Ana und María sind vier durchaus gewöhnliche Frauen, heißt es in der Ankündigung des Films. Es ist gerade diese Gewöhnlichkeit, die diese vier - und auch den Film - außergewöhnlich macht. Eine halbe Stunde Spielzeit ist nicht gerade üppig, um dem Zuschauer den Verlauf des Lebens der vier vorzustellen. Und dennoch ziehen uns die Charaktere derart in den Bann, dass wir am Ende meinen, ihnen vertraut zu sein. Nun könnte man die Nähe, die sich im Laufe des Filmes zu seinen Protagonistinnen aufbaut, dem Regisseur gutschreiben. Möglicherweise wirkt sich die Tatsache, dass er seit einigen Jahren in Havanna studiert und dort in enger Verbundenheit mit den vier porträtierten Señoras lebt, positiv auf das Anliegen des Filmes aus. Am Ende ist es jedoch nicht die filmische Montage, sondern die alltägliche Besonderheit der Freundschaft zwischen diesen Frauen selbst, die uns begeistert. Warum vermögen uns Angela, Elena, Ana und María derart zu faszinieren? Zwei Gründe liegen auf der Hand, ein dritter ergibt sich. Zum einen lässt sich an ihrer Freundschaft tatsächlich die Geschichte der kubanischen Revolution ablesen. Sie erzählt von denen, die die Revolution gemacht haben, und mit ihrer Ausdauer dazu beigetragen haben, dass die kubanische Revolution fünfzig Jahre überstehen konnte: den kubanischen Frauen. Sie enthüllt aber zum anderen auch die Geschichte von vier Mädchen, die die Revolution zu dem gemacht hat, was sie heute sind: Compañeras, die wissen, dass sie etwas wert sind.

Angela, Elena, Ana und María sind zuallererst sie selber, und als solche sind sie großartig und überzeugend. Diese vier Frauen sind aber auch die kubanische Revolution. Schließlich sind diese vier Frauen auch das, was wir werden könnten. "Wir könnten Menschen sein!", dieser Gedanke möchte uns bei der Betrachtung von "Zucker & Salz" nicht aus dem Kopf gehen. Und diese Erinnerung an die Möglichkeit, "Basta!" zu sagen und mit dem Joch der Ausbeutung und Unterdrückung zu brechen, ist der dritte Grund, warum "Zucker & Salz" etwas in uns hinterlässt. In Kuba hatte "Zucker und Salz" im März auf dem Dokumentarfilmfestival "Santiago Alvarez in memoriam" seine Premiere. Es ist erfreulich, dass der Film, nicht zuletzt dank der Unterstützung der AG Kuba-Solidarität der DKP, nun bei uns zu sehen sein wird. Im September und Oktober wird er in mehr als einem Dutzend Städten gezeigt werden. Es ist eine schöne Idee der Veranstalter, zwei der vier porträtierten Frauen einzuladen, im Anschluss an die Vorführung des Film über Revolution, Freundschaft und Zutrauen zu sprechen. Allen Anhängerinnen und Anhängern Kubas, der Freundschaft und der Sehnsucht, Mensch sein zu können sei dringend geraten, sich dieses Stück Alltagsgeschichte der kubanischen Revolution nicht entgehen zu lassen.

Julian Reiser


Die Rundreise der beiden Kubanerinnen kostet viel Geld. Wir bitten um Spenden auf das Konto: DKP-Solidaritätsfonds; Stichwort: Zucker und Salz; Konto-Nr. 253525502; BLZ 370 100 50


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