unsere zeit - Zeitung der DKP24. März 2006

Ausland

Der unabhängige Journalismus
Medienkampagnen gegen Kuba

Nehmen wir einmal an, wir würden in der Welt verbreiten, die Lektüre der UZ sei von der deutschen Regierung verboten worden, nur weil Grossisten ihren Bahnhofsverkauf für unwirtschaftlich halten. Machen wir nicht? Stimmt. Andere aber schon.

Da geht´s ja auch um die Freiheit. Die vertritt zum Beispiel die Interamerikanische Pressegesellschaft (SIP): "Die Interamerikanische Pressegesellschaft ist eine Organisation ohne Gewinninteressen, die der Verteidigung der Meinungs- und Pressefreiheit in ganz Amerika gewidmet ist." Das heißt, die SIP steht auf der Seite derer, die sie bezahlen, damit sie das tut, was von ihr verlangt wird: sich um das freie Wort im Interesse des Kapitals zu kümmern. Recht anschaulich zeigt sie das, wenn es um die Pressefreiheit auf Kuba geht. Und da Kuba böse ist, ist es besonders wichtig: die SIP gibt für Kuba sechs Mitgliedsorganisationen an, von denen übrigens genau sechs ihren Sitz in Miami haben. In einem SIP-Bericht über Kuba vom März 2005 heißt es, dass der "kubanische Journalismus schmerzhafte Momente durchläuft und durch 46 Jahre staatlicher Kontrolle verbraucht" sei. Auf ihrer Halbjahrestagung vom 17. bis 20. März in Quito (Ecuador) wollte sich die SIP denn auch besonders mit der "Repression gegen Gewissensgefangene auf Kuba" beschäftigen. Dazu war für den Schlusstag der kubanische "Journalist und Schriftsteller" Carlos Alberto Montaner eingeladen - Spielverderber würden sagen, dass dieser Mann Anfang der Sechziger Jahre terroristische Akte gegen Kuba durchgeführt hat. Schwamm drüber. Dieses Wühlen in der Vergangenheit und Gegenwart von Journalisten der freien Welt ist ohnehin eine kubanische List.

Gegen diese schäbige Zuhilfenahme der Wahrheit wehrt sich die freie Welt mit Strategien, die zwar völlig durchschaubar, dafür umso erfolgreicher sind.

Die internationalen Nachrichtenagenturen spielen sich die Bälle zu, die eine von ihnen aufgepumpt hat. Den Beginn macht eine nicht näher bezeichnete "Quelle" - unabhängig davon, dass diese möglicher Weise ein paar von den über 50 Millionen US-Dollars bekommt, die von der "Nationalen Stiftung für Demokratie" (NED) der USA jährlich für den Sturz der kubanischen Regierung verteilt werden. Und wenn schon, es geht ja schließlich um demokratische Werte. Das also vorab geklärt, muss nicht mehr groß auf die Zuverlässigkeit der Quelle oder ähnlichen Schnickschnack geachtet werden. Dass die Quellen auf Kuba im Dunkeln bleiben müssen (da dort ja mit dem Schlimmsten zu rechnen ist), hat doppelten Wert: a) es wird gezeigt, dass es Regimegegnern böse ergeht, wenn sie etwas nach draußen (in die Freiheit) verbreiten, und b) man spart sich gleichzeitig Beweise. Die verlangt auch keine TAZ oder FR, Times oder Corriere della Sera; es genügt ja, wenn es den Tickern der internationalen Nachrichtenagenturen entnommen wurde.

Pascual Serrano, spanischer Journalist und Lateinamerika-Korrespondent, hat sich einmal die Mühe gemacht nachzuschauen, wie sich die Meldung, Kuba habe den Verkauf einiger spanischer Druckerzeugnisse wegen "ideologischer Zersetzung" verboten, in der Welt verbreitete und was ihre Grundlage war. Als Quelle dient eine Angestellte der kubanischen Vertriebsfirma WSP, die (siehe oben) namentlich nicht erwähnt wurde. Unter der Überschrift "Verkauf ausländischer Presse verboten" wird das Thema am 21. Februar von der Internetagentur "CubaNet", mit Sitz im US-Bundesstaat Florida, vom kubanischen "Journalisten" Leonel Pérez Belette verarbeitet. Wer die Meldung in CubaNet liest, erfährt, dass u. a. vier spanische Zeitungen und Zeitschriften, darunter "El País" (größte Tageszeitung des Landes) und "Hola" (ein Fachblatt für Liebhaber/innen blauen Blutes), nicht mehr frei verkäuflich seien und nur noch abonniert werden könnten, was, so die Meldung, "nur Ausländern und Diplomaten möglich ist". Was nun nicht ganz dasselbe wie das in der Überschrift behauptete Verbot ist, aber darauf kommt es auch nicht mehr an. Zumal es auch in der Sache nicht stimmt.

Denn WSP, ein Teil der staatlichen CIMEX, macht bei der Vermarktung ausländischer Zeitungen seit Jahren erhebliche Verluste, da sich diese nicht ausreichend verkaufen. Daher, so Pascual Serrano, erwog CIMEX bereits die Schließung der WSP, bevorzugt nun aber die Variante des Verkaufs über Abonnements, was Verluste ausschließen würde. Schlicht und einfach die Anwendung dessen, was die Marktfreunde aller Welt predigen: was kein Geld bringt, wird dichtgemacht.

Unterhalb der Nachricht von Herrn Pérez steht dann auch noch, dass sie "telefonisch überbracht wurde, da die kubanische Regierung den Internetzugang kontrolliert". Und dass die "Zuarbeiter nicht exklusiv für CubaNet arbeiten müssen" (es geht ja um die gute Sache), und zudem "die Weiterverbreitung des Materials autorisiert wird, wenn die Quelle angegeben wird". Recht so, denn irgendwann und irgendwo muss ja mal eine Quelle auftauchen - schließlich könnte ein/e Volontär/in sich des an der Uni Erlernten erinnern. Da reicht es dann doch, dass sich die DPA auf AFP, AFP auf Reuters, und Reuters auf CubaNet berufen hat. Und CubaNet, das sei allen Zweifelnden hier ins Stammbuch geschrieben, ist "eine unparteiliche Organisation ohne Gewinninteressen, die der Promotion der freien Presse auf Kuba gewidmet ist und dessen unabhängigem Teil helfen will, eine Zivilgesellschaft zu entwickeln und die Welt über seine Realität zu informieren".

Bei dieser unparteilichen Organisation findet sich übrigens unter "Links" eine umfangreiche Sammlung ebenso unabhängiger Organisationen, von denen das "US-State Department" sicher noch zu den progressivsten gehört. Wer sich nun über Kuba nicht bei CubaNet informieren will, muss aber nicht traurig sein: ein Abo bei der bürgerlichen Presse tut´s auch. Über 20 Mal, so Pascual Serranos Recherche, wurde die erwähnte Meldung weitergereicht, was gewiss zu einer millionenfachen Presseverbreitung führte.

Günter Pohl


Bild anzeigenErkennbar fehlt diesen Menschen die Freiheit des Zugangs zur "Yellow Press".

Foto: M. I.


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