unsere zeit - Zeitung der DKP26. September 2008

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Es ist nicht erlaubt
Niederlagen hinzunehmen

UZ-Interview mit Dr. Aleida Guevara March

Dr. Aleida Guevara MarchDie Tochter von "Che" Guevara, 1960 in Havanna geboren, hielt am 19. September auf Einladung der DKP-Gruppe Berlin-Mitte und der Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba einen Vortrag: "Kubas Kinder sind gesünder". Die Kinderärztin arbeitet hauptberuflich im William-Soler-Kinderspital der kubanischen Hauptstadt.

UZ: Die DKP unterstützt das sozialistische Kuba seit längerem mit Solidaritätsprojekten, insbesondere um die medizinische Versorgung zu verbessern. Was wird nach den Hurrikan-Verwüstungen am dringendsten gebraucht?

Aleida Guevara March: Wir benötigen jegliche Unterstützung, damit die Schäden bei der Stromversorgung rasch behoben werden können. Es geht um Transformatoren, natürlich auch um Baumaterial und alles, was die Menschen in den gefährdeten Orten zur Erhaltung ihrer Gesundheit brauchen. Alle Fenster der Krankenhäuser sind kaputt, oft auch Trinkwasserbehälter. Wir haben ernsthafte Bauprobleme.

UZ: Genosse Fidel thematisierte die Ernährungssicherung und regte an, bisher wenig genutzte Flächen an Campesinos aufzuteilen. Wird das die Lage verbessern?

Aleida Guevara March: Wenn selbstständige Landarbeiter in ihrer Nähe Flächen aufwerten und bearbeiten wollen, können sie ihnen zur Verfügung gestellt werden. Damit mehr und bessere Nahrungsmittel produziert werden können. Wir hatten in Kuba immer auch Landarbeiter, die zugleich Eigentümer des bearbeiteten Bodens waren. Ein Teil von ihnen arbeitet in landwirtschaftlichen Kooperativen und produziert selbstständig, um vom historischen Erbe der Monokultur wegzukommen. Die Campesinos müssen aber für ihre Erzeugnisse vom Staat besser bezahlt werden als von privaten Zwischenhändlern. Da haben wir jetzt an Terrain gewonnen.

UZ: Kraft internationaler Solidarität konnte sich das sozialistische Kuba auch in komplizierteren Perioden seiner Geschichte behaupten und Subversionen abwehren. Das US-Diktat einer bald fünfzigjährigen Blockadepolitik soll aber trotzdem nicht gelockert werden.

Aleida Guevara March: Die USA können mit dem Helms-Burton-Gesetz privates Unternehmenskapital mit bis zu fünf Millionen Dollar Strafe bedrohen und damit den fairen internationalen Handel blockieren. Wir haben trotzdem ein beispielhaftes, vollständig kostenloses Gesundheitssystem entwickelt, sollen aber nicht das Recht haben, Medikamente im Ausland zu kaufen. Warum? Dafür gibt es keine Begründung. Die Blockade wird aufrechterhalten. Nehmen wir das Beispiel eines acht Monate alten Mädchens, das ja niemandem Schaden zufügen kann. In der Kinderklinik, in der ich arbeite, hustete es Blut auf Tod und Leben. Seine Rettung hing von einem bestimmten Medikament ab. Das Patent dafür liegt allerdings in den USA. Als die Hoffnungen schwanden, die sich an unsere Bemühungen knüpften, erlebte ich einen weinenden Vater des Kindes. Kubanische Ärzte stehen solchen Situationen jeden Tag gegenüber. Zum Glück gibt es die internationale Solidaritätsbewegung. Mit ihrer Hilfe konnten wir auch dieses kleine Mädchen retten.

UZ: Der Parteivorstand der DKP hat in einem Brief die deutsche Bundeskanzlerin Merkel aufgefordert, sich für sofortige Hilfslieferungen an Kuba einzusetzen. Hoffen Sie auf ein Wunder?

Aleida Guevara March: Es ist sehr schwierig, das von einem staatlichen Standpunkt aus zu kommentieren, weil sich Deutschland als Mitglied der EU natürlich an politische Vorgaben hält. Deshalb sind wir ja auch hier, um direkt mit unseren Freunden zu sprechen. Es ist viel wichtiger, die Solidarität von Volk zu Volk herzustellen. Wir haben ein Recht, uns untereinander beizustehen, und vermissen in dieser Hinsicht die DDR. Über Jahrzehnte rüstete sie uns mit zuverlässiger Medizintechnik aus. In manchem Krankenhaus funktionierte die Röntgentechnik noch vor kurzem, jetzt fehlen Ersatzteile.

UZ: Sie gehören zu den Tausenden kubanischen Medizinern, die internationalistische Hilfe im Ausland leisteten und leisten. Mit diesem Auftrag waren Sie in Angola, Nicaragua und Ecudaor. Venezuela und Bolivien haben sich gerade imperialistischer Machenschaften zu erwehren. Wie steht es um die lateinamerikanischen Nachbarn?

Aleida Guevara March: Wir schulden diesen Völkern noch viel, weil wir auch von ihnen lernen. Von Venezuela erhielten wir sofort Solidarität, mehrere Tonnen Hilfsgüter. Ecuador schickte uns ein Flugzeug mit Nahrungsmitteln. Das Volk von Bolivien ist solidarisch, doch arm. Es steht uns nicht an jemanden um etwas zu bitten nur, weil wir dort etwas geleistet haben. Viel wichtiger im Moment ist es, dass die bolivianische Regierung in ihren Überzeugungen standhaft bleibt das Leben des Volkes praktisch verbessert - eine größere Freude können wir nicht haben.

UZ: Kubas präventives Gesundheitssystem - und die damit zusammenhängende geringe Kindersterblichkeit im ersten Lebensjahr - führt Berufskollegen in Westeuropa erstaunliche Alternativen vor. Auch die DDR hatte schon einmal eine sozialistische Ärztegeneration.

Aleida Guevara March: Das Ethos am Dienst für die allgemeine körperliche und geistige Gesundheit ist zunächst mit Einsichten verknüpft und erfordert notfalls auch persönliche Opfer. Ein wirklicher Arzt wird niemals reich sein können, wenn er dem Volk, dem Souverän seinen Dienst erweisen will. Obwohl wir manchmal keine Medikamente haben, obwohl wir jetzt mit einer unzulänglicheren technischen Ausstattung arbeiten müssen, können wir uns auf eine Generation verlassen, die in einem schwierigen Prozess anders ausgebildet wurde. Nirgendwo wird es deshalb am ganzen Einsatz für den Patienten fehlen. Der "Che" sagte, neuen Generationen ist es nicht erlaubt, Niederlagen gegen den Imperialismus hinzunehmen.

Die Fragen stellte
Hilmar Franz


Sturm der Verwüstung

Drei Hurrikans verursachten innerhalb von 10 Tagen einen volkswirtschaftlichen Schaden von mindestens 5 Milliarden Dollar. 55 000 Hektar Land wurden verwüstet und Transportwege unterbrochen. 100 000 Gebäude - darunter Krankenhäuser, Polikliniken, örtliche Informationszentren- sind beschädigt. Die medizinische Notversorgung, die Bereitstellung von Lebensmitteln und die Reparatur von Stromleitungen bilden besondere Schwerpunkte. 440 000 Familien verloren ihre Wohnungen, von denen 360 000 total zerstört sind.

Die von den USA diktierte internationale Blockade-Politik erlaubt es Kubas Regierung auch unter diesen Bedingungen nicht, dringend benötigte medizinische Geräte, Hilfsmittel und Medikamente einzukaufen. US-Handelsminister Carlos Gutiérrez schloss am 12. September eine wenigstens auf sechs Monate begrenzte Aufhebung der Handelsblockade vollständig aus.

"Auf die Wirtschaftskrise, die die Vereinigten Staaten und infolgedessen alle anderen Völker der Welt geißelt, gibt es keine endgültige Antwort. Im Gegensatz dazu gibt es diese für die Naturkatastrophen in unserem Land und für jeden Versuch, unserer Würde einen Preis setzen zu wollen. Der durch die Blockade und die Aggressionen der USA erlittene Schaden an tausenden Menschenleben, an Leiden und über 200 Milliarden Dollar kann mit nichts bezahlt werden." (Fidel Castro)

Wir bitten um Spenden für Kuba auf das Konto des Parteivorstandes der DKP: Postbank Köln, Kto.-Nr. 253 525 502; BLZ 370 100 50, Stichwort: Kuba.


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