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Strukturwandel der Arbeiterklasse Tiefgreifende Veränderungen und Handlungsfähigkeit (Teil 1) Von Werner Seppmann | ||||||||
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Entgegen anderslautenden Behauptungen ist die Arbeiterklasse nicht verschwunden. Jedoch war sie in den letzten Jahrzehnten tiefgreifenden Veränderungen unterworfen. Ihre industriellen "Kerne" sind "abgeschmolzen" und die Beschäftigungsstruktur hat sich vielfältig aufgegliedert. Durch die zunehmende Berufstätigkeit der Frauen hat auch eine Erweiterung der Lohnabhängigenklasse stattgefunden, die gleichzeitig Ausdruck der kapitalistischen Durchdringung immer weiterer Lebensbereiche ist. Trotz der leichtfertigen Rede vom "Ende der Arbeitsgesellschaft" und trotz bestehender Massenarbeitslosigkeit ist die BRD eine Gesellschaft der abhängig Arbeitenden, denen fast 40 Millionen Beschäftigungsverhältnisse zur Verfügung stehen. Jedoch sind diese Arbeitsplätze (über den formalen Aspekt ihrer Qualifikationsanforderungen hinaus) von sehr unterschiedlichem Charakter und finanzieller Auskömmlichkeit. Kernstruktur Es ist immer noch sinnvoll zu betonen, dass die Klasse der Arbeiterinnen und Arbeiter sich im Kern aus den produktiv Beschäftigten zusammensetzt, jedoch ist zu berücksichtigen, dass das Spektrum der produktiven Tätigkeiten einem historischen Wandel unterworfen ist. Darauf hat schon Marx im "Kapital" hingewiesen: "Mit dem kooperativen Charakter des Arbeitsprozesses selbst erweitert sich daher notwendig der Begriff der produktiven Arbeit und ihres Trägers, des produktiven Arbeiters. Um produktiv zu arbeiten ist nun nicht mehr nötig, selbst Hand anzulegen; es genügt, Organ des Gesamtarbeiters zu sein, irgendeine Unterfunktion zu vollziehen." Auch viele "Dienstleitungen" sind der materiellen Produktion als der dominierenden Tätigkeitsform auch im Gegenwartskapitalismus zugeordnet. Sie dienen zu großen Teilen dazu, die Produktivität der unmittelbaren Produzenten zu erhalten und zu erhöhen. Vieles, was heute mit der Dienstleistungs-Kategorie belegt wird, wurde in der Vergangenheit fraglos der Produktion zugerechnet. Zu diesen "Dienstleistungen" gehören mittlerweile fast alle ausgelagerten Tätigkeiten, bei denen die gleiche (produktionsbezogene) Arbeit zu geringeren Löhnen und mit höherem Leistungsdruck geleistet werden muss. So wird, um ein konkretes Beispiel zu nennen, die ausgelagerte Lagerhaltung zu einem Dienstleistungsbereich, der statistisch (und in etlichen soziologischen Oberseminaren) so behandelt wird, als ob er so gut wie gar nichts mehr mit den Produktionsvorgängen zu tun hätte. Dennoch: Würde die Arbeiterklasse theoretisch auf ihre industrielle Kernstruktur reduziert, besäße die Rede von ihrer Bedeutungsabnahme tatsächlich eine gewisse Plausibilität, denn der Anteil der Industriearbeiter an den abhängig Beschäftigten verringert sich kontinuierlich. Die Zahl der im Fertigungsprozess unmittelbar auf die Veränderung ihres Arbeitsgegenstandes einwirkenden (und somit die eigentliche Industriearbeiterklasse repräsentierenden) Beschäftigten hat sich auf knapp 13 Millionen verringert. In dieser Zahl drückt sich ein langfristiger Wandel aus: Während im Nachkriegsboom der Anteil der industriell Beschäftigten von 40 auf 50 Prozent wuchs, beträgt er gegenwärtig knapp 35 Prozent. Jedoch sind solche Zahlen mit Vorsicht zu genießen. Zwar dokumentieren die statistischen Reihen die prinzipiellen Veränderungstendenzen des Industriekapitalismus, jedoch berücksichtigen sie nicht die Gesamtheit und Komplexität der strukturellen Umgestaltungen und die Bedeutungszunahme neuer Sektoren mit Produktionscharakter. Als verarbeitende Tätigkeit wird beispielsweise die Herstellung eines Computers ("Hardware") gewertet, seine Programmierung (also die Entwicklung der "Software"), die ihn letztlich in einen gebrauchsfertigen Zustand versetzt, wird statistisch als "Beschäftigung im Dienstleistungsbereich" gezählt. In diesem Sinne haben in den entwickelten Industrieländern zwei Drittel aller Arbeitsplätze einen produktionsbezogenen Charakter! Lohnabhängigenklasse Alternativ zur theoretischen Konzentration auf die industriekapitalistischen Kernbereiche ist versucht worden, die Arbeiterklasse sehr weit zu fassen. Die IMFS-Klassenstudien aus den 70er Jahren (die auf das Gesellschaftsverständnis der DKP großen Einfluss hatten) kamen auf einen Anteil an der Gesamtbevölkerung von über 72 Prozent. Erfasst wurden damit alle Lohnabhängigen, deren soziale Existenz durch den objektiven Gegensatz zum Kapital geprägt und deren sozialer Status wesentlich durch das Lohnarbeitsverhältnis gekennzeichnet ist. Lohnabhängigkeit ist eine Existenzform, die von den Wechselfällen der Kapitalverwertung abhängig ist und (strukturell betrachtet) einen kollektiven Charakter besitzt. Den arbeitsrechtlichen Abhängigkeitsstatus zugrunde gelegt, können gegenwärtig fast 90 Prozent der Beschäftigten in der Bundesrepublik als Angehörige einer "Lohnabhängigenklasse" angesehen werden. Ein solcher Blickwinkel bleibt jedoch theoretisch problematisch, weil diese weit gefasste Klasse vielfältige Differenzierungsmomente aufweist, auch jene abhängig Beschäftigten umfasst, die der herrschenden Klasse unmittelbar zuarbeiten und selbst dem herrschenden Block zuzurechnen sind. Selbst wenn diese Segmente herausgerechnet werden, umfasst die Lohnabhängigenklasse Hochofenarbeiter und Krankenschwestern, Kraftfahrer und Verwaltungsangestellte, Verkäuferinnen und Industrietechniker, Sozialarbeiter und Briefträger, Werbetexter und Automationstechniker, jedoch auch Piloten und Orchestermusiker. Letztlich behindert ein zu weiter Klassenbegriff das Verständnis für jene Segmente, die einen Grundbestand organisationsfähiger gemeinsamer Interessen gegenüber dem Kapital besitzen. Handlungsfähigkeit Aber exakt dies ist die klassentheoretische Hauptaufgabe: Möglichst präzise den strukturell handlungsrelevanten Kern der abhängig Beschäftigten zu benennen. Das kann nur auf der Basis eines realistischen Verständnisses der gesellschaftlichen Umstrukturierungen gelingen. So gehört eine Krankenschwester zwar nicht zur traditionellen Arbeiterklasse, jedoch ist sie als Mitglied der Lohnabhängigenklasse in größeren Betriebseinheiten ebenso in einem hohen Maße aktionsfähig wie die Mitarbeiter der Müllabfuhr oder die Beschäftigten der Nahverkehrsunternehmen. Solange kein anderer tragfähiger Begriff zur Verfügung steht (entsprechende Vorschläge sind sehr willkommen!), ist es vielleicht sinnvoll, hinsichtlich der strukturell handlungsrelevanten Segmente abhängiger Beschäftigung (abgekürzt) vom Kern der Lohnabhängigenklasse zu sprechen. In diesem Begriff sind die Industriearbeiter (die traditionell als Klassenkern angesehen werden) eingeschlossen, die übrigen Klassensegmente jedoch nur, insofern die Struktur ihrer Arbeitsplätze sich industriellen Standards annähert bzw. ihre Arbeitssituation durch ein Mindestmaß an Kollektivität geprägt ist. Differenzierungsprozesse Zunächst muss jedoch bei jeder theoretischen Beschäftigung mit der Arbeiter- bzw. der Lohnabhängigenklasse heute die Tatsache berücksichtigt werden, dass die gesellschaftliche Verallgemeinerung der Lohnarbeit mit einer Differenzierung, ja man muss sogar sagen Aufsplitterung ihrer Erscheinungsformen (mit tiefgreifenden Konsequenzen für das Erkennen gemeinsamer Interessen) einhergeht. Die Arbeiterklasse gliedert sich auf: Ihre Mitglieder sind (zusätzlich zu traditionellen Unterscheidungen, etwa zwischen produktiv und organisierend Tätigen, oder zwischen qualifizierter und angelernter Beschäftigung) verschiedenen Bereichen der Arbeitswelt mit unterschiedlichen Rechts- und Entlohnungsformen, differenzierten Standards der sozialen Absicherung und Perspektiven der Beschäftigungskontinuität zugeordnet - immer öfter auch dann, wenn sie vergleichbare Tätigkeiten verrichten und über weitgehend identische Qualifikationen verfügen. Ein Graben existiert zwischen den Belegschaftsteilen mit älteren Verträgen und den Neuangestellten, die mittlerweile fast regelmäßig niedriger eingestuft werden, geringere Vergütungen und nur noch "abgespeckte" Sozialleistungen erhalten. Oft wird ihnen eine Festanstellung vorenthalten und sie müssen mit befristeten Verträgen oder Teilzeitbeschäftigung vorlieb nehmen. Eine zunehmende Rolle spielt Leiharbeit, die nicht nur der Kostensenkung (also der Profiterhöhung) und der betrieblichen Dispositionsflexibilität dient, sondern auch um Keile in die Belegschaften zu treiben. Es finden jedoch nicht nur Prozesse der Absonderung, sondern auch der Angleichung statt: Durch technische Entwicklungen und neue betriebliche Organisationsstrukturen werden gerade in zentralen Bereichen des Industriesystems traditionelle Differenzen wenn nicht überwunden, so doch abgeschwächt. Auch wenn die Formen zunächst anderes vortäuschen, ist dies eine Angleichung nach "unten": Große Teile der technischen Intelligenz finden sich auf einem (wenn auch anspruchsvollen) Produzentenstatus wieder. Mittlerweile gehört sie in vielen hochtechnologischen Bereichen mit Belegschaftsanteilen von zum Teil deutlich über 50 Prozent zur produktiven Klasse. Auch viele Angestelltenpositionen werden durch die profitorientierte Umgestaltung der Arbeitswelt zerrieben. Viele Betroffene haben sich durch den existenziellen Druck von der Illusion verabschiedet, etwas gegenüber der Masse der Lohnabhängigen "Besseres" zu sein. Hierarchisches Industriesystem Separierungs- und Spaltungsprozesse existieren nicht nur innerhalb der einzelnen Betriebe und Konzernteile, sondern sind für das Industriesystem in seiner Gesamtheit charakteristisch geworden. Es besitzt einen pyramidenförmigen Aufbau, dessen Spitze die Entwicklungs- und Fertigungszentren der transnationalen Konzerne bilden. Ihre qualifizierten Kernbelegschaften erhalten relativ auskömmliche Löhne und profitieren von den mittlerweile bedrohten, aber im Prinzip nach wie vor existierenden sozialen Sicherungsstandards, die in den Jahrzehnten eines Prosperitätskapitalismus durchgesetzt werden konnten. Ihnen sind Zuliefer-Segmente mit untergeordnetem Status zugeordnet: Von Stufe zu Stufe reduziert sich das Einkommen, verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen und arbeitsrechtlichen Absicherungen. In den "ungeschützten" Beschäftigungsverhältnissen in den Kelleretagen des Industriesystems wird oft noch nicht einmal die Hälfte der Einkommen wie in den "Kernbereichen" erzielt. Die großen Gewinne der Dax-Unternehmen werden zu großen Teilen durch den Druck auf die Zulieferer erzielt, die sich wiederum an ihren Beschäftigten schadlos zu halten versuchen. Das Kapital "optimiert" seine Profitabilität jedoch nicht nur durch ein abgesenktes Lohnniveau und gesteigerten Leistungsdruck, sondern auch durch "deregulierte" Beschäftigungsbedingungen: Es kann in diesen Sektoren die Belegschaften heuern und feuern, wie es gerade der Auftragslage entspricht. Internationale Arbeitsteilung Komplettiert wird der hierarchische Aufbau des Industriesystems auf nationalstaatlicher Ebene durch eine Neuausrichtung der internationalen Arbeitsteilung, deren Kern in der Integration immer wieder neu erschlossener Niedriglohnzonen in den transnational organisierten Produktionsprozess besteht. Hier sind ein großer Teil der in den kapitalistischen Hauptländern verschwundene Industriearbeitsplätze neu entstanden. Die Konsequenz dieser Entwicklung ist das rasche Anwachsen einer globalen Arbeiterklasse (die zu einem nicht unwesentlichen Teil weiblich ist!), deren einzelne Segmente (noch) gegeneinander ausgespielt werden können, sodass die Ausbeutung in den "Zentren" und an der "Peripherie" gleichermaßen intensiviert werden kann. Die Neuausrichtung der internationalen Arbeitseilung ("Globalisierung") hat zu einem Machtzuwachs des Kapitals geführt. Durch die systematische Verunsicherung der Lohnabhängigen konnte der neoliberalistische Angriff auf ihren Lebensstandard organisiert werden. Dieses Bestreben war die Antwort auf ein ganzes Bündel von Verwertungsproblemen, mit denen maßgebliche Kapitalfraktionen seit den 80er Jahren konfrontiert waren. Vor allem die Reduktion der Lohnquote (also des Anteils der abhängig Beschäftigten am Sozialprodukt, als indirekter Ausdruck der Ausbeutungsrate) konnte als eines der vorrangigsten Ziele durchgesetzt werden: Alleine in dem relativ kurzen Zeitraum von 2000 bis 2006 gelang es dem Kapital sie um über 10 Prozent hinunter zu drücken. Schon in den beiden Jahrzehnten vorher hatte es eine massive Verschiebung der Einkommen zu Gunsten des Kapitals gegeben: Von 1980 bis 1997 stiegen die Nettogewinne um 119 Prozent, die Nettolöhne jedoch nur um 20 Prozent. Inflationsbedingt wirkte sich für die Lohnabhängigen diese Tendenz in einer spürbaren Absenkung ihres Einkommensniveaus aus. Der Artikel von W. Seppmann wurde auf der Grundlage von Materialien des Projektes Klassenanalyse@BRD für das Bildungsthema "Das Subjekt der Veränderungen: Arbeiterklasse, Gewerkschaften und Bündnispartner" geschrieben, das aus Termingründen erst Anfang Oktober erscheinen wird. Zuvor erscheint im August im Zusammenhang mit dem 40. Jahrestag der DKP das Bildungsthema 3-2008. | ||||||||