unsere zeit - Zeitung der DKP20. Dezember 2002
Hellmut Kapfenberger war Zeuge der "Weihnachtsbombardements" 1972:

Nordvietnam im Bombenhagel

Hanoi, 29. Dezember 1972. Das Außenministerium der Demokratischen Republik Vietnam informierte in einem Kommunique: "Mehr als 10 Tage lang bot die Nixon-Regierung fast die gesamte US-Luftflotte in Südostasien und dem Pazifik auf, um gegen Nordvietnam eines der grausamsten Bombardements in der Geschichte des Aggressionskrieges in Vietnam zu unternehmen. Allein auf die Städte Hanoi und Haiphong warfen die amerikanischen Flugzeuge mehr als 50 000 Tonnen Bomben ab ..."

Ich war damals Korrespondent der DDR-Nachrichtenagentur ADN in Hanoi. Mein Schreibtischkalender von 1972 - sorgsam gehütet wie auch andere Notizen - und noch sehr lebendige Erinnerungen lassen mich in vielen Details rekapitulieren, was in jenen zwölf Tagen und Nächten vom 18. bis zum 29. Dezember geschah. "Überraschungsangriff", "Blitzangriff der USA", "Ausrottungsluftangriffe" - solche Termini in vietnamesischen Verlautbarungen kennzeichneten das Geschehen. Zum Ausklang jenes Jahres, in dem fast 20-jährige US-amerikanische Intervention und Aggression in Indochina unwiderruflich ihr schmähliches Ende finden sollten, brach in ganz Nordvietnam plötzlich die Hölle los.

Für den Abend des 18. Dezember und die folgende Nacht notierte ich: "Nach 19.30 heftiger Angriff Hanoier Raum - B 52; kurz nach 23 Uhr Flugzeuge; 00.00 bis 00.30 schwerer Angriff unmittelbare Umgebung Hanoi - wieder B 52; 01.20 bis 01.30 Flugzeuge; 04.39 bis 05.50 schwerster Angriff Umgebung Hanoi - B 52; 06.15 bis 06.25 wieder Alarm." Ähnliche Notizen am nächsten Tag: "19.45 eine Stunde Angriff Richtung Flughafen - B 52; gegen 22.45 bis 01.45 Angriffe Hanoier Raum - B 52."

"... in die Steinzeit zurückbomben"

Fortan bis zum 24. Dezember immer dasselbe: B 52 in der Nacht, Jagdbomberangriffe auf Objekte in Hanois Innenstadt und Außenbezirken am Tage. Am 25. trügerische Ruhe; die Piloten feierten Weihnachten, dann wurde es noch ärger. Eine meiner Notizen am 26.: "Gegen 22.50 bisher schwerster Angriff B 52 (Innenstadt/Wohnviertel Kham Thien)." Am 27. kamen die B 52-Pulks trotz schmerzhafter nächtlicher Verluste durch Fla-Raketen erstmals sogar am Tage nach Hanoi, ebenso am Tag danach. Am 29. noch einmal fast anderthalb Stunden lang ein heftiger Angriff auf Gebiete am Rande Hanois, dann Punkt Mitternacht gespenstische Stille. Es war, wie sich erweisen sollte, die letzte Attacke im jahrelangen barbarischen Luftkrieg mit dem erklärten Ziel, Nordvietnam "in die Steinzeit zurückzubombardieren".

Die Schreckensbilanz

Die Hanoier "Kommission zur Untersuchung der Kriegsverbrechen der US-Imperialisten in Vietnam" resümierte am 2. Januar 1973: 140 strategische B 52-Bomber, 30 F 111-Kampfflugzeuge und bis zu 700 Jagdbomber waren in dieser Dezemberperiode über Nordvietnam im Einsatz; mehr als 100 000 Tonnen Bomben und Raketen richteten gewaltige Schäden an und forderten Tausende Opfer unter der Zivilbevölkerung. Fast 4 000 Tote und Verletzte waren die Schreckensbilanz allein in Hanoi, obwohl viele Frauen und die meisten Kinder der Hauptstadt ebenso wie Haiphongs und anderer Städte evakuiert waren.

Flächenbombardements während der Verhandlungen

Warum dieser barbarische Amoklauf? Die Antwort verlangt einen Blick zurück. Bei den im Mai 1968 in Paris aufgenommenen Friedensgesprächen zwischen den USA und der DRV, einem harten, immer wieder von Bombardierungsperioden begleiteten Verhandlungspoker, zeichneten sich Anfang 1972 die Konturen eines Friedensschlusses ab, eines von Washington als besonders schmerzlich empfundenen Kompromisses zwischen Maximalforderungen und -zielen beider Seiten. In dem Versuch, doch noch mehr für sich zu retten, als zu retten war, griff Nixon in dieser Situation noch einmal zum Bombardierungsdiktat gegen Nordvietnam, dachte er sogar - wie vor Monaten bekannt wurde - über den Einsatz einer Atombombe nach. Beginnend mit einem - völlig überraschenden - massiven Flächenbombardement auf die Hafenstadt Haiphong am 16. April, lag von da an bis Oktober ganz Nordvietnam unter den bis dahin schwersten Angriffen. In jenen Monaten, so die FAZ später, warfen die USA "alle zwei Wochen mehr Bomben auf Vietnam als während des Zweiten Weltkriegs auf England fielen". Am 8. Mai wurden die Häfen, Mündungsgebiete und Küstengewässer Nordvietnams aus der Luft vermint.

Drei Monate Kriegsverlängerung

In Paris rang man unterdessen weiter. Ohne nennenswerte neue Zugeständnisse der DRV war Anfang Oktober von "raschen Fortschritten" zu hören. Am 20. Oktober lag ein fertiges Friedensabkommen vor; verabredet wurden die Paraphierung am 22. Oktober in Hanoi und die Unterzeichnung am 30. in Paris.

Es kam aber anders. Washington stellte am 23. Oktober das ganze Abkommen wieder in Frage und verlangte Neuverhandlung; die DRV lehnte das ab. Es folgten die Dezember-Bombardements als verzweifelter Versuch, mit einer der letztmöglichen Stufen der Eskalation doch noch gravierende Korrekturen am Abkommen zu erzwingen.

Anfang Januar 1973 sprach man wieder miteinander. Am 27. Januar unterzeichneten die Außenminister das "Abkommen über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung des Friedens in Vietnam so, wie es im Grunde im Oktober ausgehandelt war. Der Wahnsinn vom Dezember hatte also nur den Unterzeichnungsakt und in der Folge das abkommensgemäße unvermeidliche Ende direkter militärischer Präsenz der USA in Vietnam und ganz Indochina um drei Monate hinausgeschoben. Um welch einen Preis!

Die Methode hat sich nicht geändert

Es ist gerade heute nicht abwegig, sich dieser Erfahrung zu erinnern. Stand der Vernichtungskrieg gegen Nordvietnam für den "Kampf gegen den Kommunismus" und dessen Vormarsch in Asien, so gälte ein Feldzug vermutlich mindestens gleicher Intensität gegen Irak dem weltweiten "Kampf gegen den Terrorismus". Die Parolen haben sich geändert, nicht aber die Methode und nicht die mit brutaler militärischer Gewalt demonstrierte Überzeugung Washingtons, auserkoren zu sein, den Lauf der Welt zu bestimmen.

Hellmut Kapfenberger


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