unsere zeit - Zeitung der DKP28. Februar 2003

Marxistische Theorie und Geschichte

Kein negativer, kein positiver Stalin-Kult
Zum 50. Todestag Jossif Wissarionowitsch Stalins
am 5. März 2003

Die Auseinandersetzung mit Fragen unserer Geschichte war stets Bestandteil der marxistischen Arbeiterbewegung, aber von dieser allgemeinen Geschichtsanalyse soll hier nicht die Rede sein, es geht uns hier um Fragen der Entwicklung des Kommunismus in der Zeit, da Stalin an seiner Spitze stand. Die Auseinandersetzung mit Fragen dieser Art setzte in unserer Partei unmittelbar nach Stalins Tod im Sommer 1953 ein, wurde in die Vorbereitung auf das drohende Parteiverbot eingezwungen und während der Jahre des Verbots anderer, die Weiterführung der Arbeit unmittelbar betreffender Aufgaben wegen, faktisch eingestellt. Die Auseinandersetzung mit dem gesamten Komplex war und ist jedoch von besonderer Schwierigkeit. Wie steht es um das Individuum Stalin?

Lenin hat in seinem als Testament bezeichneten Brief an den Parteitag Trotzki und Stalin als die hervorragendsten Führer der Partei bezeichnet und an Stalin nur charakterliche Mängel gerügt, nicht seine theoretischen, politischen und organisatorischen Fähigkeiten in Zweifel gezogen. Stalin war schon durch die klare Sprache, Verständlichkeit, einfache Logik der Gedankenführung fesselnd. "Außerdem war er einer der klügsten Politiker des Jahrhunderts. Man schaue sich die Verhandlungen in Teheran, Jalta und Potsdam an und die Einschätzungen und Urteile der bürgerlichen Staatsmänner, die ihn kennen gelernt haben." (Jupp Schleifstein, Der Intellektuelle in der Partei, S. 109)

Wir konnten uns nicht vorstellen, dass in dem Kollektiv einer großen, einer Arbeiterpartei, charakterliche Eigenschaften eines einzelnen Menschen eine große Rolle spielen können. Es gab hierzu auch keine Erfahrungen, schon gar nicht Erfahrungen, eine Partei an der Macht betreffend. Es war ganz selbstverständlich, dass wir unseren selbst gewählten Führern vertrauten. Wir hatten die Erfahrung mit Bebel, mit Lenin, mit Liebknecht und Luxemburg. Stalin war ohne Zweifel eine weltgeschichtliche Persönlichkeit. Durch ihn oder unter seiner Führung wurde wenigstens dreißig Jahre lang Weltgeschichte mit gestaltet. Während dieser Zeit stand er an der Spitze der KPdSU, der Sowjetunion, der internationalen kommunistischen Bewegung, und es waren dies ohne Zweifel die bisher - bisher sagen wir, denn die Geschichte ist nicht an ihr Ende angekommen, sie geht weiter und wird dem Kommunismus einen neuen großen Anlauf ermöglichen! - die bisher dramatischsten Jahrzehnte des Kommunismus. Solche Persönlichkeiten müssen mit der Geschichte, die - wie Hegel sagte, nicht der Boden des Glücks ist, in der nichts Großes ohne Leidenschaft geschaffen wird (er nannte sie sogar eine Schlachtbank, auf welche die Völker geführt würden!!) solche Persönlichkeiten, ihre Taten und Untaten müssen mit der Geschichte angemessenen Kategorien beurteilt werden. Freilich sagte derselbe Hegel auch, ein Schäfer, der seine Aufgabe löst, hat mehr Wert als ein weltgeschichtliches Individuum, das versagt.

Das Erbe, das Stalin - mit anderen - nach Lenins Tod antrat, war mit riesenhaften Hypotheken belastet. Sie abzutragen bedurfte auch riesenhafter Anstrengungen. Nicht nur das, diese mussten in einem äußerst kurzen Zeitraum aufgebracht werden, denn die nach Bürgerkrieg und Intervention errungene "Atempause", das war klar, würde nur von kurzer Dauer sein, und während dieser Zeit mussten fünfzig bis hundert Jahre Rückstand auf allen wesentlichen gesellschaftlichen Gebieten aufgeholt werden, wenn man nicht zermalmt werden wollte. Diese ungeheure Anspannung aller Kräfte war nicht möglich ohne die Entwicklung gewisser Leitungs- und Führungsmethoden, ohne äußerste Anstrengung subjektiver Art, und wenn es dabei nicht zu subjektivistischen und voluntaristischen Verfahren, auch Fehlern gekommen wäre, müsste man sich sehr wundern. Dies festzustellen, kritisch aufzuarbeiten, ist gewiss notwendig, um Lehren daraus zu ziehen, es aber zum Angelpunkt von Kritik zu machen, wäre Ausdruck von Borniertheit.

Die Sowjetunion wurde also in der Zeit, da Stalin sie anführte, aus einem der rückständigsten Länder Europas zur zweistärksten Industriemacht der Welt. Sie hat eine industrielle Kapazität aufgebaut, die es ihr ermöglichte, die bis dahin stärkste Militärmaschinerie der Welt zu zerschlagen. Aus dem Land des Bastschuhs und der Strohdächer wurde das Land des Sputniks. In weniger als zwei Jahrzehnten fanden kulturelle, demographische und sonstige Umwälzungen statt, für die es kein vergleichbares Beispiel gibt. Der Sieg der Sowjetunion über die nazistisch-faschistisch-japanische Militärmaschinerie schuf wenigstens mittelbare Bedingungen dafür, dass der antikoloniale Befreiungskampf in der Periode nach dem Zweiten Weltkrieg - im Unterschied zu jener nach dem ersten dieser Kriege - erfolgreich sein konnte.

Wäre nur dies über die unter Stalins Führung erreichten Ergebnisse zu nennen, er wäre nicht nur eine welthistorische Persönlichkeit, sondern er nähme in deren Reihen einen der ganz vorderen Plätze ein. Leider gab es den vor allem während der Dreißigerjahre erfolgten Terror und der gehört zu jenen Dingen, die durch nichts zu rechtfertigen und in keiner Weise zu entschuldigen sind. Natürlich betrifft das nicht solche Maßnahmen, die gegen die Intervention und Konterrevolution nötig waren. Ich rede auch nicht vom notwendigen Kampf gegen wirkliche Saboteure, Spione und Agenten. Wir sind uns über die Härte des Klassenkampfes völlig im Klaren!

400 Todeslisten

Wir müssen ausdrücklich sagen, dass wir lange Zeit diesen Terror zu rechtfertigen versuchten, ernsthaft glaubten, was an Gründen vorgebracht wurde, um solcher Rechtfertigung zu erliegen.

Wir kannten sie und nutzten sie alle, die Argumente - dass etwa Churchill die Urteile der Moskauer Prozesse als hart, aber alles in allem notwendig einschätzte, dass Montgomery zum Zeitpunkt, da Hitler-Deutschland die Sowjetunion überfiel und sowohl Churchill als auch Eden Zweifel hinsichtlich der Standhaftigkeit der Roten Armee äußerten, sagte: "Sie irren, meine Herren, Stalin hat seine fünfte Kolonne rechtzeitig liquidiert." Ich befand mich in der Gesellschaft jener Personen, die, wie Einstein, Lukács, Feuchtwanger die Moskauer Prozesse verteidigten. Es hat lange gedauert, bis wir uns von dieser Position lösten. Dazu bedurfte es nicht der Einsicht in Dokumente und Materialien aus der Sowjetunion oder Russlands, wir konnten mit Überlebenden des Terrors sprechen, die der deutschen kommunistischen Bewegung angehören oder angehörten und Kommunisten blieben! Wir wollen wenigstens solche Genossen nennen wie den Genossen Fritz Sperling, den Sekretär des ZK der verbotenen KPD, Erich Jungmann, den Chefredakteur des theoretischen Organs der KPD "Wissen und Tat" Alfred Drögemüller, eine Sekretärin Dimitroffs. Zwei von den drei kommunistischen Lagerältesten, die Buchenwald überlebten, sind in Workuta umgekommen. Wir haben uns systematischer mit diesen Fragen beschäftigt, etwa die Lebenserinnerungen von Werner Eberlein zur Kenntnis genommen oder die Materialien der Moskauer Leitung der KPD über die von den Repressalien betroffenen Genossen und Familien studiert: Wir kommen nicht umhin, wenigstens einige der schändlichen Dinge anzuführen.

An Stalin gingen Dokumente mit Namenslisten von Personen, deren Fälle dem Militärgericht vorlagen. Solche Listen umfassen mehrere Kategorien, z. B.: Allgemeine Fälle, Frühere Militärs, Früheres NKWD-Personal, Ehefrauen von Volksfeinden. Ein Urteil ersten Grades hieß: Erschießen. Die Listen wurden mit "genehmigt" von Stalin und Molotow unterzeichnet. Es existieren etwa vierhundert solcher Listen mit diesen Unterschriften, auf denen die Namen von 44 000 Personen stehen. Diese Dokumente sind in Moskau einsehbar.

Enthauptung der Armee

Den Fall Tuchatschewski hat Heydrich nicht allein erfunden! Er arbeitete mit einem emigrierten ehemaligen sowjetischen General zusammen: Nikolai Skoblin. Dieser hatte Kontakt sowohl zum NKWD als auch zur Gestapo. Es wäre also durchaus möglich gewesen, sich genauer über die angebliche Affäre zu informieren - übrigens spielten im Prozess gegen Tuchatschewski die "Dokumente" des angeblichen Verrats keine Rolle. Und man hätte auch damals herausfinden können, was man heute weiß, wer nämlich der Graveur der angeblichen Unterschrift Tuchatschewskis unter den "Dokumenten" war.

Aber selbst wenn man hinsichtlich Tuchatschewskis keine andere Möglichkeit des Verhaltens gesehen hätte, so wäre der anschließende Aderlass im Kommandeurbereich der Roten Armee nicht aus dem "Fall" ableitbar gewesen. Was den Aderlass in der Roten Armee nach den Tuchatschewski-Affäre angeht, so liegen die Zahlen vor. Tuchatschewski selbst wurde zusammen mit sieben weiteren Generälen und drei der fünf Sowjetmarschälle erschossen. Insgesamt wurden von fünf Oberbefehlshabern ersten Ranges der Armee drei, von zehn Oberbefehlshabern zweiten Ranges der Armee alle, von 57 Regimentskommandeuren 50, von 186 Divisionskommandeuren 154, von sechzehn Armeekommissaren ersten und zweiten Ranges alle, von 28 Korpskommissaren 25, von 456 Obristen 401 erschossen! Stalin soll diese Enthauptung seiner Armee entgangen sein? Stalin, der sich bis in Einzelheiten etwa des KPD-Programms der nationalen Wiedervereinigung von 1952 einmischte, unserer damals bereits weitgehend isolierten Partei den "revolutionären Sturz des Adenauer-Regimes" ins Programm diktierte, aber gleichzeitig der englischen Partei ins Programm den "parlamentarischen Weg zum Sozialismus" (wie ich aus dem Munde von Palme Dutt weiß, eines englisch-indischen Kommunisten, alten Komintern-Funktionärs, damals Mitglied des Polit-Büros der britischen Partei), dieser Stalin, der in den Politbürositzungen selbst relative Kleinigkeiten ökonomischer, sozialer und politischer Art behandelte, der soll von der Vernichtung des Hauptes seiner Armee nichts gewusst haben? Das ist bis zur Idiotie lächerlich! Aber wenn dem wirklich so gewesen wäre, so müsste man gerade darum das unter seiner Verantwortung entstandene System der Leitung verurteilen!

Nachwirkungen bis heute

Er wusste, was geschah und hat dafür die Verantwortung zu tragen. Es geht nicht an, ihm alle Erfolge zuzuschreiben und alles andere an andere zu delegieren. Es ist weder angebracht, einen negativen, noch einen positiven Stalin-Kult zu betreiben.

Alle, die Kommunisten geblieben sind, ihren Platz in den Reihen der Kämpfer gegen den Imperialismus wieder eingenommen haben, sie gehören nicht in die Reihe der Saboteure, Spione und Agenten. Was sich in dieser Zeit als Art des Umgangs in der Partei bei vorhandenen Meinungsverschiedenheiten herausbildete, was da unter Bruch der Normen sozialistischer Gerechtigkeit und Moral vollzog, was mit sozialistischer Demokratie und sozialistischen Recht nichts, aber auch gar nichts zu tun hat, das eben ist bis heute nachwirkend und war eine der Ursachen unserer historischen Niederlage.

Unsere wertvollsten Ideen, solche, für die unzählige ihr Leben ließen oder Folter ertrugen, wurden, auch durch unser Handeln oder Unterlassen in unsäglicher Weise in den Schmutz gezogen. Wir werden lange, hart und unter großen Schwierigkeiten darum zu ringen haben, der Sache und dem Wort Sozialismus wieder die Würde zu verschaffen.

Stalin war - ich wiederhole mich - eine weltgeschichtliche Persönlichkeit. Unter seiner Führung hat die Arbeiterklasse, die Bauernschaft des Sowjetlandes Gewaltiges, berücksichtigt man die konkreten sozialen und geschichtlichen Bedingungen, historisch Unvergleichliches geleistet. Es kann jedoch nicht daran vorbeigegangen werden, dass unter seiner Führung auch schwere gegen den Geist des Marxismus und das Wesen des kommunistischen Humanismus verstoßende Untaten geschehen sind. Wir sind es den Opfern - nicht den schuldig Umgekommenen - wir sind es den Opfern schuldig, dazu Stellung zu beziehen. Auch um der Zukunft willen. Wir werden keine künftigen Kämpferinnen und Kämpfer für den Sozialismus gewinnen, wenn diese nicht die Überzeugung haben, dass es unter unserer Verantwortung zu solchen Untaten nicht mehr kommt.


Aus Robert Steigerwalds Buch: Kommunistische Stand- und Streitpunkte, GNN-Verlag, 8,- Euro. Zu beziehen beim Neue Impulse Versand, Hoffnungstraße 18, 45127 Essen)


Die DKP hat sich in mehreren Etappen und in einer Reihe von Materialien mit dem Thema "Stalin und die Folgen" befasst. Der Parteivorstand der DKP hat auf der Grundlage von Vorarbeiten seiner historischen Kommission auf einer eigens dazu angesetzten Tagung am 27./28. Mai 1995 - auf der die Genossen Willi Gerns, Hans Heinz Holz und Hans Wunderlich einleitende Beiträge hielten - die verschiedenen Seiten beleuchtet, die dem Thema zukommen und für sich festgelegt, dass das Unwort Stalinismus von uns nicht benutzt wird. In einem Beschluss wurde festgehalten: "Die Anträge der Geschichtskommission an den 12. Parteitag und die sie einleitende Begründung werden, zusammen mit weiteren Materialien der Geschichtsproblematik, als Broschüre veröffentlicht. Sie werden in die Diskussion zur Erarbeitung eine neuen Parteiprogramms einbezogen. Den Begriff ´Stalinismus´ halten wir für ungeeignet zur Kennzeichnung von Deformationen und Fehlentwicklungen in der Geschichte des staatstragenden Sozialismus wie der kommunistischen Bewegung. In seinem vorherrschenden Gebrauch dient er heute als bürgerlicher Kampfbegriff. Er ist so untrennbar verbunden mit antikommunistischen Grundpositionen, mit der Diskreditierung jeglichen Sozialismus, dass auch seine davon abweichende Verwendung Missverständnisse provoziert und zur Polarisierung unter den Kommunistinnen und Kommunisten beiträgt. Wir aber wollen aus der Geschichte gemeinsam lernen. Wir brauchen dazu eine allseitige, gerechte Würdigung der Geschichte des realen Sozialismus und der kommunistischen Bewegung, ihrer großen Leistungen wie der strukturellen Schwächen, Defizite und Fehlentwicklungen, die zum Scheitern des ersten großen sozialistischen Anlaufs 1917/1989 beigetragen haben."


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