unsere zeit - Zeitung der DKP28. März 2003

Feuilleton

Soziale Erfahrungen, in Worte gefasst
Arbeiterschriftsteller Günter Westerhoff 80 Jahre alt

"Die Arbeiterliteratur war immer ein Stiefkind", sagt Günter Westerhoff. Und so ist auch das gedruckte Werk des Arbeiterschriftstellers aus Mülheim an der Ruhr, der am 26. März dieses Jahres 80 Jahre alt wurde, recht schmal im Vergleich zu seiner tatsächlichen literarischen Arbeit.

"Es gibt Menschen, die verfügen über die Worte, doch es fehlen ihnen soziale Erfahrungen. Das gilt für gewisse Schriftsteller, die Schein-Welten mit Schein-Problemen erfinden. Es gibt Menschen, die verfügen über soziale Erfahrungen, doch es fehlen ihnen die Worte, diese Erfahrungen auszudrücken, sie anderen mitzuteilen. Das gilt für viele Arbeiter. Und es gibt Ausnahmemenschen, die über soziale Erfahrungen und zugleich über Worte verfügen. Dazu gehören die Arbeiterschriftsteller. Einer von ihnen ist Günter Westerhoff ..." So führt Walter Köpping, einst Kulturfunktionär der IG Bergbau und Energie, in Westerhoffs Buch "Vor Ort" in das Werk des Arbeiterschriftstellers ein.

Als in den Sechzigerjahren die Arbeiterliteratur in der Bundesrepublik Deutschland an Bedeutung gewann, fand auch Günter Westerhoff Möglichkeiten, seine Werke zu veröffentlichen. Er arbeitete zeitweilig in der bekannten literarischen Dortmunder "Gruppe 61" mit, zu der auch Max von der Grün gehörte. 1966 erschien von Westerhoff ein schmales Bändchen "Gedichte und Prosa - Neue Industriedichtung" im Recklinghäuser Paulus Verlag. Dies geschah unter der Obhut des Dortmunders Archivars Fritz Hüser, der sich ein Leben lang der Arbeiterliteratur verschrieben hatte.

Da in der DDR die Entwicklung der Arbeiterliteratur im Westen Deutschlands nicht nur beobachtet, sondern auch gefördert wurde, gab 1967 der Aufbau Verlag das Buch "Seilfahrt. Eine Anthologie" heraus. Das Buch stellte zwanzig Autoren der "Gruppe 61" und ihre Arbeiten vor. Federführend war Annie Voigtländer, die zu diesem Band ein ausführliches Nachwort schrieb.

1978 brachte der Oberhausener Asso Verlag die "Gedichte und Erzählungen eines Arbeiters" unter dem Haupttitel "Vor Ort" heraus. In diesem Buch wurde Westerhoff endlich einmal breiter Raum gegeben. Lange Jahre veröffentlichte er auch kleinere Werke in den Gewerkschaftszeitungen. Zwei Hörspiele Westerhoffs wurden gesendet. Er arbeitete an Dokumentarfilmen mit. Außerdem vertonte er zahlreiche Texte. Sein unerfüllbarer Kindheitstraum war es, Musiker zu werden. Noch heute betätigt er sich gerne als Bandoneonspieler. 1980 erhielt er den Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft der Stadt Mülheim.

Westerhoff ist Arbeitersohn, war selbst Arbeiter und in vielen Betrieben tätig. Er wuchs in Arbeitersiedlungen in Essen und Mülheim auf. Nach Abschluss der Volksschule machte er auf einer Zeche eine Schlosserlehre. Im zweiten Weltkrieg wurde er an der Ostfront mehrfach verwundet. Nach dem Krieg arbeitete er wieder im Ruhrgebiet an alter Stelle. Als 1966 seine Zeche "Rosenblumendelle" schloss, musste er umschulen.

Was ihm einst den Anstoß zum Schreiben gab beschreibt er so: "Da waren die Nachbarn in der Kolonie an der Zeche, auf deren Arbeitsleben schon immer meine Blicke gingen. Vor allem die Silikose-Kranken, die mit 100 Prozent Silikose noch arbeiten gehen mussten, erweckten mein Mitgefühl. Man spricht so oft von den goldenen Zwanzigerjahren; hier sah ich die graue Schattenseite dieser Jahre. Es war einfach Anteilnahme, die so stark war, dass ich anfing zu schreiben." Eine Kladde mit Gedichten ging jedoch 1945 verloren.

Heute ist Günter Westerhoff immer noch literarisch tätig. Aber seine Kriegserlebnisse unter dem Titel "Zwangsvereidigt" und manches andere ruhen unveröffentlicht in der Schublade. "Selbst die Gewerkschaftspresse will keine Manuskripte", muss er feststellen. "Die Lage ist schlecht für die Arbeiterschriftsteller."

Paul Karl


Akkordarbeit

Neue Folgen
frischer Akkordscheine
mit Zehntelminutenzeiten
treiben mich an,
sie ersetzen Wächter,
bestimmen jeden Handgriff,
erzwingen Routine.
Private Gedanken
führen zu Fehlern,
steigern die Hetze.
Abends am Klavier
- mit diesen Händen -
lernt sich schwer Chopin,
schmerzt die Schläfe;
ein brennender Strich.


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