unsere zeit - Zeitung der DKP25. April 2003

Das Thema

Politisches Gedenken in Buchenwald
Gedenkstättenarbeit ist nicht rückwärts gewandt,
sondern eine Aufgabe für die Zukunft
Von Ulrich Schneider

Am 13. April kamen zum 58. Jahrestag der Selbstbefreiung der Häftlinge des KZ Buchenwald mehrere hundert Menschen auf dem Ettersberg bei Weimar zur Kundgebung des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora (ICBD) zusammen. Unter ihnen waren gut 50 Überlebende des KZ Buchenwald aus Bulgarien, Frankreich, Israel, Niederlande, Norwegen, Polen, Rumänien, Russland, Tschechien, Ukraine, Ungarn, Weißrussland und natürlich Deutschland. Zu den offiziellen Gästen der Veranstaltung gehörten Vertreter des diplomatischen Corps und der Landesregierung sowie Weimars Oberbürgermeister Dr. Germer, der seit vielen Jahren auf den Kundgebungen zum Jahrestag der Selbstbefreiung anwesend ist.

Gedenkstein für die Frauen von Buchenwald

In diesem Jahr nahmen zahlreiche Frauen an der Kundgebung teil, die in Außenkommandos von Buchenwald Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie leisten mussten. Für sie wurde am Vormittag des 13. April auf dem ehemaligen Lagergelände eine Gedenktafel eingeweiht. Hildegard Franz, als Sintezza aus Ravensburg nach Auschwitz verschleppt und später als "arbeitsfähig" in einen Rüstungsbetrieb deportiert, erinnerte in ihrer Ansprache "an die Leiden von uns Frauen in den Außenlagern von Buchenwald. Als Sklavenarbeiterinnen der SS wurden wir gequält und gedemütigt."

Erfreulich war die große Zahl von Jugendlichen und Nachgeborenen, die aus Bayern, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und natürlich Thüringen mit Bussen und Fahrgemeinschaften zu dieser Gedenkveranstaltung angereist waren. Es war ein politisches Signal, dass auf dem Appellplatz - ähnlich dem ersten Freiheitsappell 1945 - die Traditionsfahnen französischer Häftlinge, Gewerkschaftsfahnen, VVN-Banner und Fahnen der verschiedenen linken Parteien und Organisationen zu sehen waren. KZ Buchenwald, das war von seiner Gründung an das Lager der politischen Nazigegner, die - auch als sie nicht mehr die zahlenmäßige Mehrheit hatten - durch ihren Widerstand zum Überleben der Mithäftlinge beigetragen haben und am 11. April 1945 ihren militärischen Beitrag zur Selbstbefreiung leisten konnten.

Im Zentrum der diesjährigen Kundgebung standen nicht allein das Gedenken an die Opfer und das vergangene Leid, sondern - ausgehend von der Aktualität des Schwurs von Buchenwald - die politischen Konsequenzen für heute und morgen. Schon im Aufruf der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora/Freundeskreis zur Kundgebung hieß es: "Nur wer Hunger, Elend und Unterdrückung in der Welt beseitigt, bekämpft die Ursachen für den aufgestauten Zorn vieler Menschen in den unterentwickelten, armen Ländern. Jeder Militärschlag verschlechtert nicht nur die aktuelle Lage der angegriffenen Bevölkerung, sondern auch die Ausgangsbedingungen für einen späteren Wiederaufbau.

Gegen das Konzept der Nazis zur Vernichtung von Menschen, Kultur und Humanismus durch rassistische, fremdenfeindliche Ausgrenzung und das gegeneinander Ausspielen verschiedener Nationalitäten gerade zu Beginn des Zweiten Weltkrieges setzten die politischen Häftlinge im Konzentrationslager Buchenwald die ´Waffe´ der Solidarität. Auch heute müssen wir über politische Differenzen und Ländergrenzen hinweg ein starkes Bündnis für Frieden und internationale Solidarität schaffen."

Knigge provoziert erneut mit Totalistarismusthese

Dieser Wille drückte sich auch in den meisten Redebeiträgen aus. Bertrand Herz, Präsident des ICBD, erklärte: "Die Gegenwart zeigt, dass noch immer Kriege auf wirtschaftlicher Grundlage geführt werden". Noch immer gebe es Diktaturen, noch immer Terrorismus. Der technische Fortschritt habe kriegerisches Treiben perfektioniert. Dennoch, so Herz, gebe es Hoffnung: Gerade junge Leute engagierten sich heute gegen den Krieg. Gleichzeitig mahnte er die Bewahrung des Vermächtnisses von Buchenwald an. Anders dagegen Stiftungsdirektor Volkhard Knigge, er wies in seinem Grußwort zwar auf die Notwendigkeit von Zivilcourage als Konsequenz aus den Geschehnissen von Buchenwald hin. Gleichzeitig meinte er aber die Anwesenden darauf hinweisen zu müssen, dass der Ettersberg Gedenkort zweier Diktaturen sei. Ihm war bewusst, dass er damit einen Großteil der Anwesenden - auch der überlebenden Häftlinge - provozierte.

Und so gab ihm Horst Schmitthenner, IG Metall-Vorstandsmitglied, in seinem Referat mehrfach die gebührende Antwort. Er betonte, die Ereignisse im Irak zeigen, dass die im "Schwur von Buchenwald" niedergeschriebenen Forderungen der ehemaligen Häftlinge nichts an Aktualität eingebüßt haben. "Frieden und Freiheit nach außen sind ohne Frieden und Freiheit nach innen nicht denkbar". Man müsse nach wie vor "eine Verhetzung von Teilen der Bevölkerung beobachten", durch die "ein Klima der Angst und des Schreckens" geschürt werde.

Jugend übernimmt das politische Vermächtnis

Neu war, dass zum Abschluss der Kundgebung auf dem Appellplatz zwei junge Erwachsene aus Deutschland und Frankreich in kurzen Ansprachen die Stafettenübernahme und politischen Aufgaben des Gedenkens für die Zukunft überzeugend formulierten. Diese Bereitschaft zur Bewahrung des politischen Vermächtnisses drückten auch die Teilnehmenden des anschließenden Gedenkmarsches zum Glockenturm aus. An der Spitze der ehemalige Buchenwalder und Gewerkschafter Willy Schmidt, stellten sie mit diesem Marsch die Verbindung zwischen dem Konzentrationslager und dem Glockenturm, dem Mahnmal der internationalen Zusammenarbeit der Überlebenden von Buchenwald für die Bewahrung des politischen Vermächtnisses, sichtbar unter Beweis.

Die Bewahrung des politischen Vermächtnisses ist keine rückwärts gewandte Angelegenheit, sondern eine Aufgabe für die Zukunft. Das ICBD hat dazu aufgerufen die Vorbereitungen auf den 60. Jahrestages der Selbstbefreiung im April 2005 zu beginnen. Es wird darauf ankommen, schon jetzt politische Signale zu setzen, damit eine Provokation, wie die Behauptung des Ministerpräsidenten Vogel von 1995, Buchenwald sei allein von den Amerikamern befreit worden, nicht noch einmal möglich wird. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist es, dass Buchenwald und das Vermächtnis der Buchenwalder in ihrem Schwur vom 19. April 1945 in der öffentlichen Diskussion nicht allein zum Jahrestag der Selbstbefreiung ihren Platz behält. Anders als in dem Thüringischen Stiftungsgesetz vom März 2003 formuliert, sollte Buchenwald nicht allein "Ort der Trauer und der Erinnerung an die dort begangenen Verbrechen" sein, vielmehr ist es die Aufgabe politischer Gedenkstättenarbeit zu verdeutlichen, dass gerade Buchenwald auch ein Ort des Überlebenswillens, der Solidarität, des Humanismus und des kämpferischen Widerstandes der Häftlinge war. Erst aus dieser Perspektive gewinnt der Schwur der Häftlinge von Buchenwald vom 19. April 1945 "Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel!" ihre ungebrochene Aktualität.


(Ulrich Schneider ist Geschäftsführer der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora/Freundeskreis)


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