unsere zeit - Zeitung der DKP20. Juni 2003

Die letzte Seite

Ich habe geweint in Varvarin
Gedenken an Sanjas Grab

Ich habe in der Ausstellung von Gabi Senft von den Ereignissen in Varvarin 1999 erfahren. Das Schicksal von Sanja, Zoran, Stojan, Tola und den anderen Opfern war für meine Freunde und mich Anlass, mit unseren geringen Möglichkeiten die Klage gegen die Bundesregierung zu unterstützen. Verschiedene sächsische Jugendorganisationen boten auf verschiedenen Veranstaltungen rote (künstliche) Nelken an, diese waren mit einem kleinem Zettel versehen. Auf diesem konnte man einen Gruß oder seinen Namen schreiben. Prominente Unterstützer waren zum Beispiel Günter Wallraff, Heinz Stehr, Sahra Wagenknecht und Gaby Zimmer. In nur zwei Monaten kamen noch einmal 380 Nelken zusammen. Da wir versprochen hatten, am 4. Jahrestag des feigen Anschlags die Nelken selbst nach Varvarin zu bringen, starteten wir am 28. Mai 2003. In Prag stieg noch ein tschechischer Journalist zu. Am 29. Mai war es dann soweit, wir fuhren über die neue Brücke am Mahnmal vorbei.

Vesna Milenkovic, Sanjas Mutter, empfing uns herzlich. Am nächsten Morgen fand in der Kirche ein Gottesdienst statt. Kurz vor 11 Uhr versammelten sich ca. 1 000 Menschen am Monument. Wir standen mit unseren Nelken mitten unter den Angehörigen und Freunden der Toten, die mit ihren Blumengebinden und Kränzen zum Gedenken gekommen waren. Wir trafen Vesna und Goran Milenkovic, Stanislav Jevtic, Civadinka Jovanovic, Milanka Marinkovic und Gordana Stankovic mit ihrer Tochter Milica. Nach dem Gebet des Bischofs aus Krusevac legten wir dann die Nelken zwischen den Kränzen nieder und verharrten schweigend unter den Trauernden. Viele Menschen weinten. Die Trauer vereinte uns Sachsen mit den Varvarinern ohne Worte.

Nach der Zeremonie sprach uns ein älterer Herr an. Vesna erklärte und übersetzte: "Dieser Herr wird ein Buch über Varvarin schreiben. Er sagte, es gibt in jedem Volk zwei Arten von Menschen. Die einen töten und die anderen trauern und leiden mit den Opfern. Ihr gehört zu de Letzteren."

Während des gemeinsamen Mittagessens erlebte ich die Gastfreundschaft dieses Menschen und ich war stolz drauf, als Vertreterin vieler deutscher Kriegsgegner diese zu genießen.

Um 13 Uhr waren wir zur privaten Trauerzeremonie der Familie Milenkovic eingeladen. Bei einem gemeinsamen Essen gedachte man der toten Sanja. Ihr Sarkophag steht in einem kleinen Häuschen, an einer Wand hängen Fotos, in einer Ecke steht ein Regal mit Sanjas Lieblingssachen. Am Eingang stand eine kleine Vitrine, in dieser befanden sich alle Speisen und Getränke, die den Trauergästen von der Familie angeboten wurden.

Die Nelkenaktion wird weiter gehen. Auf dem UZ-Pressefest am Stand der Jugend Sachsens sind wir dabei. Wir werden Fotos und Nelken dabei haben.

Ja, ich habe geweint, wie viele Menschen an diesen Tag in Varvarin, Bagdad, in Afrika und anderswo. Ich träume von den Tag, an dem kein Mensch mehr weinen muss.

Naomi


Bild anzeigenNach einen kurzen Gottesdienst gestalteten Schüler der Varvariner Schule das Gedenken mit Texten und Gedichten.


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