unsere zeit - Zeitung der DKP8. August 2003

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"Die Geschichte gehört uns!"
Gespräch mit Mario Berrios Miranda,
Repräsentant der KP Chiles in Deutschland

UZ: Am 11. September jährt sich zum 30. Male der Putsch gegen die Regierung der Unidad Popular in Chile. Was hat die chilenische Bourgeoisie und hinter ihr die USA so gereizt, dass sie zum Mittel der faschistischen Diktatur griffen?

Mario Berrios: Dieser Putsch war das brutale Unterfangen, die regierungstragende Unidad Popular, ein breites gesellschaftliches Bündnis von kommunistischen, sozialistischen und christlichen Parteien und Volksorganisationen, zu vernichten.

Ziel war es nach Vollendung ihrer Tat, den Machthabern und Unterstützern der Diktatur ein gigantisches Wirtschaftspotential zu hinterlassen. Große Teile des Staatsbesitzes wurden an "Zivilisten" und an die Militärs überschrieben, die der Diktatur bei der Installation des neoliberalen Systems in Chile dienten.

Das Konzept des in- und ausländischen Kapitals ist aufgegangen. Chile ist heute ein wirtschaftliches "Paradies", geschützt durch Repressionen, durch Verweigerung demokratischer Rechte und deren Abbau. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Die ausgehandelte Straflosigkeit für die Verbrechen der Diktatur lässt die Mörder, Folterer und deren Helfer in Politik und Wirtschaft unbehelligt.

Der von den USA im Zusammenwirken mit den chilenischen Streitkräften und der antidemokratischen und faschistischen Rechten initiierte Staatsstreich markierte, dass das Kapital in Lateinamerika keine demokratisch-sozialistischen Projekte duldet.

UZ: Ist die Regierung Allende noch im Gedächtnis des chilenischen Volkes verankert? Weiß die Jugend, worum es damals ging?

Mario Berrios: Allende ist heute eine Integrationsfigur. Wir beobachten das in Venezuela, wo den Menschen bewusst geworden ist, das sie nicht nur ihr eigenes historisches Bewusstsein verteidigen müssen, sondern das all jener, die ein gemeinsames Lateinamerika träumen. Daher ist es notwendig, den historischen Sinn und die politischen und moralischen Werte, die Allende und seine Volksregierung inspiriert haben, wiederzubeleben und aufs Neue zu entdecken, um sie in die Zukunft hinein zu tragen und neue emanzipatorische Kräfte zu bündeln.

Mit diesem Ziel werden in Chile und in fast allen Ländern der Welt in den September-Tagen jene, die mit dem durchlebten Prozess in Chile und anderswo in Verbindung stehen, Veranstaltungen durchführen, die nicht nur dem Gedenken gewidmet sind, sondern auch dem Einfordern einer besseren Gesellschaft.

UZ: Chile ist heute nominell wieder eine bürgerliche Demokratie. Wirkt die Militärdiktatur nach?

Mario Berrios: Ja, Chile ist heute eine bürgerliche Demokratie, jedoch mit einer faschistischen Verfassung und mit Teilnahme am politischen und wirtschaftlichen Leben all derer, die mordeten und plünderten. Die demokratischen Freiräume, die es noch gibt hat sich das Volk im Widerstand gegen die faschistische Diktatur Pinochets selbst erkämpft.

Die Verfassung, die Pinochet 1980 installierte, blieb im Wesentlichen und mit ihr ein undemokratisches Wahlsystem, das alle ausschließt die für Veränderungen zu einer wirklichen Demokratie eintreten. Es ist ein Instrument, das den Nutznießern des Faschismus die Mehrheiten sichert.

Im neoliberalen Wirtschaftssystem vertiefte sich die Kluft zwischen Arm und Reich. Das Konzept des in- und ausländischen Kapitals ist aufgegangen. Das Chile von heute verdrängt die Existenz politischer Gefangener in der Zeit der Diktatur. Es verbietet den kollektiven Arbeitskampf und will, dass die, die noch Arbeit haben, in Zukunft 12 Stunden am Tag arbeiten. Das ist bürgerliche Demokratie, die nach 17 Jahren faschistischer Gehirnwäsche heute das Volk mittels ihrer Verdummungsapparate befehligt und es an der Kandare hält.

UZ: Die Chile-Freundschaftsgesellschaft "Salvador Allende" e. V. ruft für den 6. September zu einer Chile-Konferenz und einem Solidaritätskonzert auf. Welches Ziel haben diese Veranstaltungen?

Mario Berrios: Die Veranstaltung am 6. September bildet den Höhepunkt einer Reihe von Veranstaltungen zum Gedenken an den 11. September 1973, an Allende und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Als wir Anfang des Jahres zur Schaffung eines breiten Bündnisses aufriefen, das den Namen "Unidad Popular" erhielt, haben viele Personen und Organisationen verstanden, dass hier ein politisches Signal gesetzt wird. Hier sollen jene zusammenkommen, die für ein demokratisches und freies Chile eintraten, weiterhin eintreten und damit am Modell einer gerechten und selbstbestimmten Gesellschaft arbeiten. Es ist an der Zeit die Erfahrung des Sozialismusprojektes Chiles und seiner Niederschlagung nicht nur aus historischer Sicht zu betrachten, sondern vor allem einen Einblick in das Heute zugeben. Vor allem wollen wir das Augenmerk auf die wunderschöne bolivarianische Republik Venezuela richten, die der Kriegsdrohung der USA trotzt und die in einigen Jahren Dinge geschafft hat von denen wir in Chile nur geträumt hätten. Und das ist es was uns verbindet: der permanente faschistische Terror und die Erfahrung eines Putsches, der genauso wie in Chile stattfinden sollte. Und hier setzen wir an wo die revolutionären und solidarischen Erfahrungen weitergegeben werden und die Namen Salvador Allende, Simon Bolivar und des Che in einem Atemzug ein lautes Echo revolutionärer Kraft in Bewegung setzen. Deshalb erwarten wir, dass zu dieser Konferenz, die unter dem Motto "ein anderes Chile, eine andere Welt ist möglich!" steht, viele Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet anreisen um ein Zeichen zu setzen. Jenes Zeichen das Allende mit seinen letzten Worten beschrieb: "Die Geschichte gehört uns, es sind die Völker die sie machen!"

Hierfür versammeln wir uns am 6. September 2003 um 11.00 Uhr im Kammersaal der Berliner Philharmoniker um zu diskutieren und im Anschluss mit einem Kulturprogramm den Jahrestag zu begehen.

Die Fragen stellte
Manfred Idler


Weitere Informationen
www.unidadpopular.de


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