unsere zeit - Zeitung der DKP22. August 2003

Innenpolitik

Alfred Hausser ist gestorben
Ein Nachruf von Christoph Jetter

Alfred Hausser (+)Am 27. August hätte er seinen 91. Geburtstag begehen können. Nun ist er, der überzeugte Gewerkschafter, Kommunist und Mitbegründer der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und Kämpfer für die Rechte der Opfer des Naziregimes, am 13. August in Stuttgart gestorben. Alfred Haussers bewegtes und bewegendes Leben, von gelebter Solidarität, unbeugsamer Haltung und tiefer Menschlichkeit geprägt, ist zu Ende gelebt. Wir, die wir zurückbleiben, sind um einen großen Zeitzeugen des antifaschistischen Widerstandes ärmer geworden.

Alfred Hausser, Kind einer Stuttgarter Arbeiterfamilie und vom ersten Tag seiner Mechanikerlehre an Gewerkschaftsmitglied, führten die Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise und der heraufziehende Faschismus in die kommunistische Jugend und 1932 in die KPD. In einem Flugblatt "An die arbeitende Jugend Stuttgarts!" rief er im Juli 1932 zum Kampf gegen die drohende "blutigste Diktatur der Menschheitsgeschichte" auf, die dann wenige Monate später ihre Schreckensherrschaft errichtete. Ende 1934 wurde er mit Genossen seiner illegalen Gruppe verhaftet. Den Gestapo-Verhören folgte im Juli 1936 die Verurteilung durch den Volksgerichtshof. Von fünfzehn verhängten Zuchthausjahren verbüßte Alfred Hausser sieben fast ununterbrochen in Einzelhaft in Ludwigsburg, fünfzehn Monate bis zur Befreiung durch die Alliierten im Zuchthaus Celle. Von 1938 an wurde er zu Zwangsarbeit für die Firma Bosch eingesetzt, die ihm nach dem 8. Mai 1945 (!) auf seine Forderung nach Lohnnachzahlung empfahl, er möge sich an die Gestapo halten, die habe ihn schließlich verhaftet.

Alfred Hausser überlebte und packte nach der Rückkehr in seine zerstörte Heimatstadt mit anderen Antifaschisten in Arbeitsausschüssen mit an, um Alltag und politisches Leben wieder in Gang zu bringen. Die Mühen um eine neue "Zukunft", wie die von ihm mit herausgegebene Jugendzeitschrift hieß, und Enttäuschungen über die einsetzende Restauration begannen. Schon damals zog Alfred Hausser aus der Niederlage des Jahres 1933 jene Lehre, die zu seiner während seines ganzen politischen Lebens konsequent durchgehaltenen Handlungsmaxime werden sollte: "Antifaschisten müssen über Parteigrenzen hinweg zusammenstehen!"

Die Ausstrahlungskraft seiner Glaubwürdigkeit verschaffte Alfred Hausser eine unschätzbare Fähigkeit: antifaschistische Bündnisse zu ermöglichen, Bündnispartner zu finden und erreichte Bündnisse lebendig zu erhalten, die ihre Haltbarkeit aus dem tiefen gegenseitigen Respekt der jeweiligen Überzeugungen bezogen: Christ neben Kommunist, Sozialdemokrat neben Grün, Jung und Alt, Frau und Mann, Gewerkschafter und Christdemokrat praktizierten dabei weit mehr als den "kleinsten gemeinsamen Nenner". Alfred Hausser nannte diese Praxis "eines der großen Erlebnisse der Haft - die Toleranz und das gemeinsame Grundanliegen des Antifaschismus".

Eingewoben in Alfred Haussers politisches Leben waren als überragende Themen ein Engagement für die Wiedergutmachung des an den NS-Verfolgten begangenen Unrechts, sein Streiten um die Entschädigung der Zwangsarbeiter und sein Eintreten für die unverfälschte geschichtliche Erinnerung. Als VVN-BdA-Vertreter, als Mitglied in nationalen und internationalen Ausschüssen, als Rechtsbeistand in Entschädigungsverfahren wurde er zu einem profunden Sachwalter Tausender von NS-Opfern. Dieses Engagement nahm Alfred Hausser 1986 mit der "Interessengemeinschaft ehemaliger Zwangsarbeiter unter dem NS-Regime" nochmals auf: die Entschädigung der ehemaligen Sklavenarbeiterinnen und -arbeiter, die er bis in die letzten Jahre hinein in einem breiten Bündnis mit vorangetrieben hat, machte er noch einmal zu seiner ganz persönlichen Sache. Das Feuer der Empörung über die jahrzehntelange Weigerung, das millionenfach vor allem osteuropäischen Opfern zugefügte Unrecht auch nur anzuerkennen, geschweige denn zu entschädigen, hat seine letzten Kräfte in Anspruch genommen.

Alfred Haussers Tod bedeutet für alle, die ihn eine lange oder kurze Strecke seines Weges begleitet haben, den Verlust eines Vorbildes an Unbeugsamkeit, solidarischer Lebenspraxis und großherziger Menschlichkeit. Uns bleibt aber der Reichtum, den die tiefen Spuren seines politischen Wirkens hinterlassen, und es bleibt die unauslöschliche Erinnerung.


Christoph Jetter ist Sprecher der Interessengemeinschaft ehemaliger Zwangsarbeiter unter dem NS-Regime


Wer mehr über das Leben und Wirken des Antifaschisten Alfred Hausser erfahren möchte, dem sei folgendes Buch empfohlen: "Nur wer sich selbst aufgibt, ist verloren. Alfred Hausser zum 90. Geburtstag", Lebensstationen - Weggefährten - Texte und Reden von Alfred Hausser. Herausgeber VVN-Bund der AntifaschstInnen, 116 Seiten, DIN A 4, 12 Euro, ab 10 Exemplare 9 Euro. Zu beziehen bei: VVN-BdA, Baden-Württemberg, Böblinger Str. 195, 70199 Stuttgart.


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