unsere zeit - Zeitung der DKP12. September 2003

Die letzte Seite

Genre Dokumentarfilme
Deutsche Geschichte im Spiegel der Gegenwart

Dokumentarfilm ist, wenn immer bloß Köpfe in die Kamera reden. "Kopfsalat" eben. Auch die (relativ) großen Kassenerfolge von Filmen wie "Bowling For Columbine" oder "Sein und Haben" konnten solch verbreitete Vorurteile gegen das Genre Dokumentarfilm nicht nennenswert abbauen, und die kamen mit sehr viel mehr Marketingmacht in unsere Kinos, als deutsche Dokumentarfilme je erwarten können, erst recht wenn sie statt der Exotik ferner Länder nur "hausgemachte" Themen behandeln.

"Drehort OstWestDeutschland" lautet der Untertitel der fünftägigen Filmwerkstatt, die seit 1991 auf der Insel Poel stattfand und im vergangenen Jahr wegen der Belästigungen durch Rechtsradikale lieber ins benachbarte Wismar umgezogen ist. Den "Geist von Poel", die Klausuratmosphäre kollegialer, aber nicht bloß freundlicher Debatten, beschwor man immer mal wieder auch in Wismar, aber mit dem braunen Ungeist hat man wohl auch etwas von der familiären Stimmung auf der Insel lassen müssen.

Dass das Thema Rechtsradikalismus damit nicht erledigt ist, war am Programm abzulesen. Vom Ort des (geplanten) Holocaust-Mahnmals in Berlin macht sich Susann S. Reck auf ins brandenburgische Umland, um auch dort dem "Gedächtnis der Orte" nachzuspüren, an denen einst jüdisches Leben dem Naziterror weichen musste. "Vaterland" von Thomas Heise knüpft von der Lagerkorrespondenz zwischen seinem Vater und seinem Großvater gegen Ende des 2. WK subtile, aber nicht immer stringente Gedankenfäden zum Jetztzustand dieses Ortes. Überzeugender schon Franziska Tenners "No Exit", der auf den Blick zurück verzichtet, dafür aber in den Porträts dreier ihrer Mitglieder einen tiefen Blick in die Gedankenwelt einer rechtsextremen Kameradschaft in Frankfurt/Oder werfen lässt.

Deutsche Geschichte im Spiegel der Gegenwart: Vertane Chancen der Umbruchzeiten, der von 1945 wie der von 1989. Marco Wilms´ "Mittendrin" zeichnet eine Chronik der längst zerstörten Illusionen, die ein paar unangepasste Musiker und Künstler im Umfeld des Berliner "Tacheles" nach dem Fall der Mauer hegten, bleibt dabei aber meist an der Oberfläche der Musikszene hängen. Die Träume des Architekten Ulrich Müther, schon zu DDR-Zeiten vielerorts gebaute Wirklichkeit geworden, sind, wie Margarete Fuchs in "Für den Schwung sind Sie zuständig" aufzeigt, inzwischen Opfer von Grundstücksspekulation oder planerischem Unverstand geworden.

Deutsche Geschichte, gespiegelt in den Lebensläufen der Söhne einer Mittelstandsfamilie aus Mülheim/Ruhr, Geburtsjahrgänge 1929 bis 1945, mit begnadetem Talent erzählt von ihnen selbst auf einer leeren, konturlos schwarz ausgekleideten Bühne - das war "Sieben Brüder" von Sebastian Winkels, der formal wie thematisch radikalste Film des Werkstatt-Programms. 86 Minuten lang, ohne Nach- und Zwischenfragen, ohne Kommentar, ohne Musik, ohne Archiv- oder anderes bebilderndes Material, also "Kopfsalat" in extremster Ausprägung - und doch ein Faszinosum, dem man sich bis zum Schluss nicht entziehen kann.

Hans-Günter Dicks


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