unsere zeit - Zeitung der DKP24. Oktober 2003

Hintergrund

Die Machenschaften der Weltkonzerne
Die Autoren Klaus Werner und Hans Weiss
über "Das neue Schwarzbuch Markenfirmen"

Adidas, Aldi, Bayer, McDonald´s, Nike, Siemens, Shell ... unsere beliebtesten Marken gründen ihre Profite auf Ausbeutung, Kinderarbeit, Krieg und Umweltzerstörung. Mit neuen Fakten, neuen Firmen und neuem Zündstoff deckt das Autorenteam Werner/Weiss die skrupellosesten Machenschaften von über 50 Konzernen auf und ihre globalisierte Verflechtung mit der Politik. Im Vorwort ihres überarbeiten "Standardwerkes für kritische Konsumenten" schreiben sie dazu:

Als im September 2001 die erste Auflage des "Schwarzbuch Markenfirmen" erschien, ahnten wir nicht, wie viel Aufregung wir damit provozieren würden. "Das Buch wird seine Wirkung kaum verfehlen", schrieb der "Spiegel": "Es attackiert die Konzerne an ihrer empfindlichsten Stelle: ihrem Ruf." Die "Frankfurter Rundschau" meinte: "Was dieses Buch leistet, müsste künftig zumindest für demokratische Gesellschaften zur Routine werden." Der Vorstandschef eines großen Unternehmens bekannte auf einer Podiumsdiskussion: "Wenn Klaus Werner oder Hans Weiss um einen Firmenkomplex schleichen, fangen drinnen die Krisenstäbe zu tagen an. Und wenn ein Konzern bis dahin noch keinen Krisenstab hatte, dann gründet er nun einen."

"Dieses Buch wird Sie wütend machen", prophezeiten wir damals im Vorwort. Über die emotionalen Ausbrüche in den Vorstandsetagen wissen wir wenig. Die veröffentlichten Reaktionen reichten von "Wir weisen die Vorwürfe auf das Entschiedenste zurück" bis zu freimütigen Eingeständnissen der Missstände, gegen die man aber, leider, wenig tun könne. Immerhin: Der Schweizer Wäschehersteller Triumph gab im Januar 2002 nach wütenden Protesten seiner Kundinnen die Zusammenarbeit mit dem burmesischen Militärregime auf. Nach BP bekundet nun auch Shell, Finanzflüsse in Krisenländern transparent machen zu wollen ("Publish what you pay"), um der Korruption einen Riegel vorzuschieben. Firmen wie Puma oder die Österreichische Mineralölverwertung OMV haben den Kontakt zu Menschenrechtsorganisationen aufgenommen und bekunden den Willen, an einer Verbesserung der Produktionsverhältnisse zu arbeiten. Allerdings endet der gute Wille meist dort, wo den Konzernen bewusst wird, dass faires Handeln etwas kostet. Doch immer weniger Konsumenten und Konsumentinnen lassen sich mit billigen Imagemaßnahmen und dem meist folgenlosen Bekenntnis "Wir sind sowieso auch gegen Kinderarbeit" abspeisen.

Das Potenzial in der Wut

"Wütend gemacht" hat das Buch vor allem Leserinnen und Leser, die erkennen mussten, dass zahlreiche ihrer Lieblingsmarken ihre Profite auf Ausbeutung, Kinderarbeit, Kooperation mit Militärdiktaturen, Kriegsfinanzierung, Umweltzerstörung und Tierquälerei gründen. Das wird ihnen auch mit dieser Neuausgabe nicht erspart bleiben. Gleichzeitig liegt in dieser Wut ein unglaubliches Potenzial: Immer mehr Menschen wollen "etwas tun" gegen die scheinbare Übermacht der Konzerne. Sie wollen in der einen oder anderen Form aktiv werden - durch bewussten Konsum, aber zunehmend auch durch politisches Handeln. Sie schreiben Briefe und E-Mails an Unternehmenschefs, organisieren Informationsveranstaltungen oder nehmen an Demonstrationen gegen diese ausbeuterische Form der Globalisierung teil. Wir haben Experten und Expertinnen über die Wirksamkeit dieser unterschiedlichen Aktionsformen befragt und stellen konkrete Ideen vor, wie dieses "etwas tun" aussehen könnte. Dabei wollen wir niemanden zum Verzicht oder zur völligen Änderung des Lebensstils nötigen. Denn wir glauben, dass es besser ist, wenn viele einen Schritt tun, als wenn wir eine Hand voll engagierter Menschen überzeugen, die ohnehin nicht überzeugt werden müssen.

"Deutlich politischerer Ansatz"

Mehr als 100 000 Exemplare des Buches wurden bisher verkauft. Es gibt Übersetzungen ins Spanische, Holländische, Türkische und Ungarische; in Kürze folgen Sprachen wie Chinesisch und Koreanisch. Für uns ist das der Auftrag, noch mehr auf die Zusammenhänge zwischen globalisierter Wirtschaftspolitik und der nachweisbaren Ausbeutung durch multinationale Unternehmen einzugehen. Sowohl in der Analyse als auch in den Handlungsempfehlungen verfolgt die Neuauflage dieses Buches einen deutlich politischeren Ansatz. Nachdem viele Firmen behaupten, sie seien ja nicht schuld daran, wenn korrupte Diktatoren Menschenrechte verletzen oder in ärmeren Ländern niedrige soziale und ökologische Standards vorherrschen, haben wir diesmal ein eigenes Kapitel der Verfilzung von Politik und Wirtschaft gewidmet. Denn zahlreiche korrupte Diktaturen verdanken ihre Existenz in erheblichem Ausmaß den Geschäftsinteressen westlicher Konzerne. Und auch hinter den Lobbyorganisationen und internationalen Institutionen wie der Welthandelsorganisation (WTO), die alles daransetzen, Gesetze zum Schutz von Umwelt und Gesellschaft zu verhindern, stehen die Namen bekannter Markenfirmen.

Neue Firmen, neue Vorwürfe

Einige Unternehmen, deren ausbeuterische Praktiken erst seit kurzem nachweisbar sind - wie Coca-Cola oder Mattel -, haben wir neu in jene Liste aufgenommen, die im zweiten Teil des Buches die Praktiken von mehr als fünfzig bekannten Markenfirmen detailliert beschreibt. Bei kolumbianischen Vertragspartnern des Getränkekonzerns Coca-Cola wurden Gewerkschaftsmitglieder von Todesschwadronen verfolgt. Und die Spielwarenfirma Mattel profitiert unter anderem davon, dass Beschäftigte in chinesischen Zulieferbetrieben in 16-Stunden-Arbeitstagen 364 Tage im Jahr bei extrem niedrigen Löhnen ausgebeutet werden.

Auch die Firma Monsanto erhält einen Ehrenplatz in dieser Liste. Der Konzern versucht gemeinsam mit anderen, den Welt-Agrarmarkt seinen Geschäftsinteressen zu unterwerfen. Damit wird die Lebensmittelversorgung von Hunderten Millionen Menschen von der Willkür der Multis abhängig gemacht. Bei den anderen Unternehmen haben wir aktuelle Vorwürfe hinzugefügt, um zu zeigen, dass sie ihre schmutzigen Praktiken trotz aller Lippenbekenntnisse uneingeschränkt fortsetzen. Die meisten Vorwürfe aus der Erstausgabe haben wir unverändert belassen, denn auch wenn der eine oder andere Konzern seine Lieferanten gewechselt haben mag, hat sich am System der Ausbeutung nichts geändert. Als dieses Buch zum ersten Mal erschien, nannten wir als die subjektiven "Top drei" unserer "Hitliste der Bösen" die Konzerne Bayer, TotalFinaElf und McDonald´s. Bayer bleibt unangefochten an der Spitze. Nicht nur, weil dieser Konzern in allen Geschäftsfeldern - Chemie, Pharmazie, Agrobusiness und Rohstoffgewinnung - eine enorme destruktive Fantasie an den Tag legt, was die Missachtung ethischer Prinzipien betrifft. Sondern auch, weil Bayers Kommunikationspolitik offenbar im 19. Jahrhundert stecken geblieben ist. Da wird vertuscht, dass einem die Haare zu Berge stehen. An die zweite Stelle tritt nun ExxonMobil. Während sich andere Ölfirmen zumindest da und dort um die Verbesserung menschenrechtlicher Standards bemühen und wenigstens halbherzige Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen ergreifen, ist der US-Ölmulti gegen Kritik offenbar immun. Immerhin darf er sich dafür der Unterstützung durch die derzeitige US-Präsidentschaft erfreuen. Da hilft nur noch Boykott. An dritter Stelle steht diesmal Mattel, dessen heile Welt der Barbie-Puppen auf der skrupellosen Ausbeutung chinesischer Arbeiterinnen beruht.

... Viele der in diesem Buch beschriebenen Tatsachen erhalten kaum mediale Aufmerksamkeit, weil ein Großteil der Konzernverbrechen in vergessenen Winkeln der Welt stattfindet. Der "Krieg ums Öl" fordert in Kamerun, im Tschad, in Zentralafrika und im Sudan täglich mehr Opfer als im Irak und in Afghanistan zusammen - allerdings abseits der Kameras von CNN & Co.

Über unsere Homepage www.markenfirmen.com und auf zahlreichen Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen erhalten wir Woche für Woche Dutzende Anfragen. Die häufigsten wollen wir hier einmal beantworten:

Wie habt ihr das alles recherchiert?

Vor allem mit Hilfe des Internet. Menschenrechtsgruppen, Gewerkschaften, kirchliche Organisationen und kritische Journalisten und Journalistinnen in aller Welt beobachten die Machenschaften skrupelloser Firmen und decken Missstände auf. Wir haben die massivsten Vorwürfe gesammelt, nachrecherchiert und aktualisiert. Die Ergebnisse haben wir nach Konsumfeldern geordnet, an denen wir das System der Missachtung elementarer Rechte im internationalen Handel zeigen: Klaus Werner widmet sich im ersten Kapitel den globalen Zusammenhängen der Ausbeutung durch Konzerne und der Frage, wie wir als Konsumentinnen und Konsumenten aktiv werden können. Anhand der Bereiche Elektronik, Erdöl, Lebensmittel, Bekleidung sowie Banken und Großindustrie zeigt er, welch vielfältige Formen dieses menschenfeindliche Profitdenken annimmt. Am Schluss deckt Werner in einem neuen Kapitel die korrupten Verflechtungen zwischen den Eliten aus Wirtschaft und Politik und das demokratiefeindliche Wirken von Welthandelsorganisation und Konzernlobbys auf. Hans Weiss nimmt als langjähriger Medikamentenexperte die Missstände in der Pharmaindustrie aufs Korn und weist außerdem nach, dass auch Kinderspielzeug oft unter unmenschlichen Bedingungen hergestellt wird.

In zwei Ländern - in Ungarn und im Kongo - haben wir vor Ort grobe Menschenrechtsverletzungen aufgedeckt, indem wir uns selbst als skrupellose Geschäftemacher ausgegeben haben: Klaus Werner verwandelte sich in einen "virtuellen" Rohstoffhändler, um herauszufinden, welche Rolle der deutsche Bayer-Konzern bei der Finanzierung eines Krieges spielt, der im Herzen Afrikas bereits 3,3 Millionen Menschenleben gekostet hat. Hans Weiss wurde über Nacht zum Pharmamanager und erhielt von Klinikchefs in Budapest die Bestätigung, dass diese gegen hohe Honorare im Auftrag großer Pharmafirmen bereit sind, verbotene Medikamentenversuche an Patienten durchzuführen.

Ist die Globalisierung per se schlecht?

Auch wenn Medien das "Schwarzbuch Markenfirmen" eine "neue Bibel der Globalisierungsgegner" genannt haben: Wir sind weder im Besitz religiöser Wahrheit noch sind wir unbedingt Globalisierungsgegner.

Die neoliberale Globalisierung der Konzerne bedeutet grenzenlose Freiheit für Kapitalflüsse - grob gesagt von der südlichen auf die nördliche Erdhalbkugel - und für die Ausbeutung von Rohstoffen und Menschen. Sie schafft aber gleichzeitig immer unüberwindlichere Grenzen gegen Menschen vor allem aus ärmeren Ländern - denken wir nur an die rigiden Einwanderungs- und Asylgesetze der Industrieländer. Wir wünschen uns stattdessen eine andere Globalisierung: nicht nur globale Sozial-, Umwelt- und Menschenrechtsstandards für multinationale Unternehmen, sondern langfristig eine neue Art globaler Solidarität und den Wegfall von Grenzen, die gegen Menschen und ihre Grundbedürfnisse errichtet werden.

Was kann ich persönlich tun?

Sehr viel. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Bewusst konsumieren, lautstark protestieren - und sich politisch engagieren, am besten gemeinsam mit anderen. Einige Ideen und Beispiele stellen wir vor, weitere greifen wir dankend auf. Dieses Buch will nicht dem Verzicht auf Lebensqualität das Wort reden. Im Gegenteil: Es soll Ihre Lust wecken, aufmerksam und aktiv zu leben. Denn die Macht der Konzerne ist nur von den Konsumenten und Konsumentinnen geborgt.

"Unsere Freiheiten wurden uns nicht von irgendeiner Regierung gewährt", schreibt die indische Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin Arundhati Roy. "Wir haben sie ihnen abgerungen. Und sind sie einmal preisgegeben, wird der Kampf um ihre Rückgewinnung zur Revolution. Dieser Kampf muss in allen Kontinenten und Ländern geführt werden. Kein Ziel ist zu klein, kein Sieg zu unbedeutend."

Weltweit schuften 12 Millionen Kinder für die Herstellung billiger Exportware. 360 Dollar-Milliardäre sind so reich wie die ärmsten 2,5 Milliarden Menschen zusammen. Eine jährliche Abgabe von einem Prozent ihres Reichtums könnte diese Menschen mit Trinkwasser und Schulen versorgen. Die 500 größten Konzerne setzen ein Viertel des Welt-Bruttosozialprodukts um und kontrollieren 70 Prozent des globalen Handels. Sie beschäftigen aber nur 0,05 Prozent der Weltbevölkerung. Jedes Jahr sterben zehn Millionen Kinder, deren Eltern das Geld für Medikamente fehlt. Tagtäglich verenden 100 000 Menschen an den Folgen von Hunger und Ausbeutung.

Als Folge der ungerechten Verteilung von Ressourcen ist das täglicher Massenmord. Der unkontrollierten Globalisierung des Handels und der Finanzströme wird unweigerlich eine Globalisierung der sozialen Konflikte und des Terrors folgen. Wenn wir unsere Lebensqualität, unsere Freiheit und unsere individuellen Entwicklungschancen erhalten wollen, müssen wir die Voraussetzungen dafür globalisieren: faire Regeln für das Zusammenleben aller Menschen.


Dieses Buch wird Sie wütend machen!

Klaus Werner, Hans Weiss
Das neue Schwarzbuch Markenfirmen

Die Machenschaften der Weltkonzerne
Deuticke, 2003, 408 S., 19,90 Euro

Die Themen:

Skrupellos & Co (Markenmacht & Menschenrechte); Es geht auch anders (Handlungstipps); Tantalusqualen für Handys (Elektroindustrie); Menschliche Versuchskaninchen (Medikamente); Schmierige Geschäfte (Erdöl); Fressen und gefressen werden (Lebensmittel); Brot und Spiele (Spielzeug); Für eine Hand voll Dollar (Sport und Bekleidung); Exportierte Probleme (Export- und Finanzwirtschaft); Profite auf Kosten der Demokratie (Korruption und Lobbying)

Die Konzerne:

Adidas, Agip, Aldi/Hofer, Aventis, Bayer, Boehringer Ingelheim, BP, Bristol Myers Squibb, C&A, Chicco, Chiquita, Coca-Cola, Daimler-Chrysler, Deichmann, Del Monte, Deutsche Bank, Disney, Dole, Donna Karan, Dresdner Bank (Allianz Gruppe), ExxonMobil, Ford, Gap, General Motors, GlaxoSmithKline, H6M, HVB Group, KarstadtQuelle, Knoll (Abbott), Kraft (Altria), Levi Strauss, Maisto, Mattell, McDonald´s, Mitsubishi, Monsanto, Nestlé, Nike, Novartis, OMV, Otto, Pfizer, Procter & Gamble, Reebok, Samsung, Schering, Shell, Siemens, Tommy Hilfiger, Total, Triumph, Unilever, Wal-Mart


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