unsere zeit - Zeitung der DKP14. November 2003

Marxistische Theorie und Geschichte

Der verkürzte Lehrgang
Vor 65 Jahren: "Kurzer Lehrgang der Geschichte der KPDSU(B)"
Von Günter Judick

"Das Erscheinen des Kurzen Lehrgangs der Geschichte der KPdSU (Bolschewiki) ist eines der bedeutsamsten Ereignisse im ideologischen Leben der bolschewistischen Partei. Mit dem Erscheinen des Kurzen Lehrgangs der Geschichte der KPdSU(B) erhielt die Partei eine neue wirksame ideologische Waffe des Bolschewismus, eine Enzyklopädie der grundlegenden Kenntnisse auf dem Gebiete des Marxismus-Leninismus. Der Lehrgang der Geschichte der Partei ist eine wissenschaftliche Geschichte des Bolschewismus. In ihr ist die riesige Erfahrung der kommunistischen Partei dargestellt und verallgemeinert, eine Erfahrung, wie sie keine einzige Partei der Welt je aufzuweisen hatte und hat."

So beginnt der Beschluss des ZK der KPdSU(B) vom 14. November 1938 "Über die Gestaltung der Parteipropaganda im Zusammenhang mit dem Erscheinen des ´Kurzen Lehrgangs der Geschichte der KPdSU(B)´". Wahrlich kein geringer Anspruch an ein Buch von gerade einmal 440 Seiten, dessen Autorenschaft später Stalin für sich in Anspruch nahm. Mit dem Beschluss wurden alle Parteiorganisationen verpflichtet, die gesamte Bildungsarbeit umzustellen und zur "Propagierung des Marxismus-Leninismus" ein straff organisiertes Studium des genannten Werkes zu sichern. Auch auf besonders eingerichteten Parteischulen und an allen Hochschulen sollte der "Kurze Lehrgang" andere Studienmaterialien ersetzen.

"Es war notwendig ... der Partei einen einheitlichen Leitfaden ... zu geben, der die offizielle, vom ZK der KPdSU(B) geprüfte Interpretation der grundlegenden Fragen der Geschichte der KPdSU(B) und des Marxismus-Leninismus gibt, die jede willkürliche Auslegung ausschließt. Durch die Herausgabe ... wird der Willkür und dem Durcheinander der Parteigeschichte ... die in früher erschienen Lehrbüchern ... vorhanden waren, ein Ende gesetzt."

Der "Kurze Lehrgang" war in der Praxis das genaue Gegenteil der hier verkündeten Absicht. Er war die brutalste, willkürlichste Auslegung und Verfälschung der Geschichte, die jede schöpferische Entwicklung von Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften in der kommunistischen Weltbewegung blockierte und durch Dogmen, durch die verbindliche Festschreibung des durch Stalins Augen gesehenen und mit seinen Methoden praktizierten Partei- und Sozialismusmodells ersetzte.

Ausdrücklich kritisiert wurde das Marx-Engels-Lenin-Institut wegen der bis dahin erfolgten Herausgabe der Lenin-Bände, enthielten sie doch umfangreiche Anmerkungen zu den geschichtlichen Bedingungen und den an den Auseinandersetzungen beteiligten Personen, die ein gedankliches Nachvollziehen differierender Auffassungen von Kommunisten ermöglichten. Genau das jedoch widersprach der Stalinschen Darlegung der Geschichte und der Rolle vieler Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung. Wer heute einmal das seltene Glück hat, einen Band der damaligen, auch in Deutschland veröffentlichten Lenin-Bände aus den frühen 30er Jahren lesen und mit den späteren in der DDR erschienen vergleichen zu können, der wird begreifen, warum Stalin an den geschichtlichen Anmerkungen so wenig Freude hatte. Deshalb wohl gab es auch zu dem mit höchstem wissenschaftlichen Anspruch herausgegebenen Lehrgang weder ein Personenverzeichnis noch Anmerkungen und selbst Quellenhinweise auf Lenin-Zitate bezogen sich meist nur auf spätere Lenin/Stalin-Sammelwerke, um auch so Stalin als engsten Mitarbeiter und Mitschöpfer des Leninismus zu legitimieren.

1938, als der Kurze Lehrgang erschien, waren die Jahre des großen Terrors gerade vorbei, dem die engsten Mitarbeiter Lenins, fast alle Mitglieder des Leninschen Zentralkomitees aus der Zeit der Oktoberrevolution, zum Opfer fielen. So sucht man in der Geschichte auch vergeblich Aussagen über die jeweils komplette Besetzung der Führungsorgane und über die konkrete Rolle der führenden Persönlichkeiten in der Revolution und den folgenden schweren Jahrzehnten. Neben Stalin positiv erwähnt werden eigentlich nur kommunistische Führungspersönlichkeiten wie Swerdlow, der 1920 und Dzierzinski, der 1926 starb; Urizki und Wolodarski (beide kamen 1917 zusammen mit Trotzki in die Partei und wurden von Konterrevolutionären ermordet) oder Ordshonikidse, der trotz Selbstmord ein Staatsbegräbnis erhielt. Fast alle anderen waren in Stalins Darstellung Opportunisten, Verräter, die zum Klassenfeind übergingen oder Feiglinge, die aus der Partei entfernt und liquidiert werden mussten, um die "Partei zu stärken und ihre Einheit zu sichern". Diese "Säuberung" der Partei von vielen bewährten alten Kommunisten, die die Geschichte der KPdSU und der mit ihr verbundenen Parteien der Kommunistischen Internationale miterlebt, mitgestaltet hatten, hat auch der deutschen Partei viele ihrer besten Genossen und die unsinnigsten Opfer gefordert.

Aus dem Beschluss vom November 1938 sollen noch zwei Sätze zitiert werden. Der Beschluss kritisierte andere historische Darstellungen, die "geschichtliche Tatsachen ... unter den Bedingungen des heutigen Tages, nicht aber unter denjenigen ... unter denen die historischen Ereignisse sich abspielten" behandelten. Bemängelt wurden auch Darstellungen, in denen "die Geschichte der Partei als einziger Siegeszug ohne irgendwelche zeitweiligen Niederlagen und Rückzüge dargestellt wurden, was der historischen Wahrheit widerspricht und dadurch ein Hindernis für die richtige Erziehung der Kader ist". Beides hehre Worte, die jeder Historiker und jeder Kommunist wohl gerade heute unterstreichen wird. Nur, auch hier ist der "Kurze Lehrgang" das gerade Gegenteil des im Beschluss Geforderten.

Nehmen wir nur zwei Beispiele: Die Diskussion um Annahme oder Ablehnung des Brester Friedensvertrages im Februar 1918, des von Deutschland aufgezwungenen Raubfriedens, war eine Zerreißprobe für die Bolschewiki, zugleich eine Überlebensfrage der Sowjetmacht. War es da nicht verständlich, dass es unterschiedliche Antworten auf die komplizierte Frage gab? Seit Dezember herrschte Waffenstillstand und es gab Verbrüderungen an der Front. Im Januar gab es Munitionsarbeiter- und Massenstreiks in Deutschland und Österreich, einen Aufstand in der österreichischen Flotte. Das weckte Hoffnungen auf ein Übergreifen der Revolution in Deutschland. Deshalb wohl unterschätzte Trotzki als Verhandlungsführer das Ultimatum der deutschen Militärs und erklärte, Sowjetrussland werde den Schandvertrag nicht unterzeichnen, aber die Armee weiter auflösen. (Die Bauernsoldaten waren ein wesentliches Element, revolutionäre Ideen in die Dörfer zu tragen.) Bucharin und andere forderten die Proklamierung des revolutionären Kriegs gegen die Interventen. Sie wurden von den beiden größten Parteiorganisationen (Petrograd und Moskau) unterstützt. War es da ein Wunder, dass Lenins realistische Einschätzung, den Vertrag trotz aller Probleme zu unterzeichnen, um der Sowjetmacht eine Atempause zur Stabilisierung zu verschaffen, erst nach langen Diskussionen, Differenzen unter Kommunisten, denen allen die Revolution wichtig war, eine Mehrheit fand? Im "Kurzen Lehrgang" sind diese objektiven Bedingungen völlig unterbelichtet. Und natürlich gibt es auch keine Darstellung darüber, dass Trotzki nach seinem Ausscheiden als verantwortlicher Außenkommissar sofort mit dem dann wohl wichtigsten Ressort beauftragt wird, mit der Schaffung der Roten Armee.

Ähnlich verhält es sich mit den scharfen Auseinandersetzungen um verschiedene Plattformen, bei denen es nach dem Beginn der NÖP (Neue ökonomische Politik) am Ende des Bürgerkrieges um die Formen der Leitung der Volkswirtschaft ging. Es gibt Kadermangel, es gibt die Ablehnung alter Spezialisten, es gibt syndikalistische Auffassungen von der Übergabe der Wirtschaft an die Gewerkschaften und anderes mehr. Was es nicht gibt, ist ein von Marx begründetes Modell für einen effektiven Aufbau der zerstörten Wirtschaft. Und, wie Lenin feststellt, das Zentralkomitee hat dieses Problem verschlafen. Deshalb entsteht ein Streit um fraktionelle Plattformen, bei dem die Sowjetmacht Zeit verliert, die sie eigentlich nicht hat. Und daraus entsteht der Beschluss des X. Parteitags 1920, in Zukunft Fraktionen in der Partei nicht zuzulassen. Doch während Lenin auf dem Parteitag betont, dass beim Aufkommen zukünftiger grundsätzlicher Streitfragen offene, auch fraktionelle Diskussionen unvermeidbar sind, wenn die Partei nicht rechtzeitig diskutiert und zu einer Meinung findet, wird bei Stalin die andere Meinung zur Abweichung, zur parteifeindlichen, ja kriminellen Handlung, aus dem Fraktionsverbot wird ein Diskussionsverbot.

Es ist hier nicht der Platz, die Probleme der Geschichte der KPdSU oder gar der Kommunistischen Internationale zu behandeln, so notwendig das für zukünftige Strategien wäre. Deshalb nur noch einige knappe Hinweise zur internationalen Bedeutung des "Kurzen Lehrgangs". Er kommt in eine Zeit, in der nach dem Beschluss des VII. Weltkongresses der KI 1935 die Kommunisten in aller Welt um antifaschistische Volksfrontbündnisse und in deren Kern die Aktionseinheit mit sozialdemokratischen Parteien kämpfen. Kann man sich vorstellen, wie hilfreich es für diese Politik war, wenn es in den verallgemeinernden Schlussfolgerungen des "Kurzen Lehrgangs" u. a. heißt: "Die Geschichte unserer Partei ist die Geschichte der Bekämpfung und Zerschlagung der kleinbürgerlichen Parteien - Sozialrevolutionäre, Menschewiki, Anarchisten ... Ohne die Zerschlagung dieser Parteien ... wäre es unmöglich gewesen, den Sozialismus zu errichten."

Der "Kurze Lehrgang" erschien ab 1946 in der sowjetischen Besatzungszone in großen Auflagen, wurde mit dem Beschluss der SED, sich zur Partei "neuen Typus" zu entwickeln in der SED und ebenso in der westdeutschen KPD das wohl meistgelesene und politikbestimmende Buch. Er war auf allen längeren Lehrgängen der Parteischulen, aber auch in der allgemeinen Schulungsarbeit das grundlegende Material, das Parteiverständnis und Zielvorstellungen einer ganzen Generation von Kommunisten bestimmte. Soweit überhaupt die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung diskutiert wurde, geschah das nach den vom "Kurzen Lehrgang" bestimmten Maßstäben, was eine korrekte Erarbeitung und Bewertung der eigenen Geschichte unmöglich machte. 1956, nach dem XX. Parteitag, verschwand das Buch in der Versenkung, eine kritische Auseinandersetzung aber fand nicht statt. Auch wenn viele Positionen nicht mehr vertreten wurden, blieben Denk- und Verhaltensweisen vor allem im Parteiverständnis wirksam.


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