unsere zeit - Zeitung der DKP5. Dezember 2003

Feuilleton

Gestaltete Solidarität aus vier Jahrzehnten
Grafik gegen Unterdrückung

Dem Schweizer comedia-Verlag und Richard Frick aus Zürich ist ein wundervolles Buch zu verdanken: "Das trikontinentale Solidaritätsplakat", eine hervorragend dokumentierte und exzellent gestaltete Sammlung sämtlicher von der OSPAAL (Organisation der Solidarität mit den Völkern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas) seit 1966 in Kuba herausgegebenen Agitprop-Poster.

Insgesamt 340 vierfarbige Plakatreproduktionen finden sich auf Spezialpapier gedruckt, begleitet von Erläuterungen und Texten u. a. von Ulises Estrada, einem Mitkämpfer des Che im Kongo und heutigen OSPAAL-Direktor.

"Die Plakatgrafik, die dieses Buch vermittelt, berichtet in erster Linie vom Kampf", unterstrich René Lechleiter, einer der Koautoren des Buches, bei der Vernissage Ende Oktober im Zürcher Technopark. "Genauer: Vom bewaffneten Kampf, den die Völker des Trikont zu führen sich immer wieder gezwungen sahen." Es sei kein Zufall, dass diese Plakate in Kuba entstanden sind. Nur in Kuba, das sich vor über 40 Jahre dem Einflussbereich der Hegemonialmacht USA entzogen hat, habe derart konsequent und kontinuierlich mit und für andere Bewegungen im Trikont gearbeitet werden können. Mit Ärzten, mit Lehrern und eben mit Plakaten. "Unser Anliegen ist es, all diese Materialien und Fakten in den Rahmen einer Strategie wider das Vergessen zu stellen", erklärt der ehemalige Redakteur der sozialistischen Wochenzeitung "Vorwärts" die Beweggründe hinter dem Buch.

Zurückeroberte Geschichte

Der Vergessenheit entrissen sind nun mindestens die 340 Plakate, welche die OSPAAAL in Zusammenarbeit mit und in Unterstützung für bewaffnete Befreiungsbewegungen im Verlaufe der vergangenen 37 Jahren herausgegeben hat. Sie liegen erstmals in einer vollständigen Dokumentation vor. Die bei ihrem Erscheinen meist unsignierten Werke wurden ihren Urhebern zugeordnet.

Obschon die Plakate eine Sprache sprächen, die überall verstanden werde, wollten die Autoren sie nicht losgelöst von den politischen, sozialen und historischen Zusammenhängen reproduzieren. "Es ging uns bewusst darum", so Lechleiter, "über die Publikation der attraktiven AgitProp-Poster die Geschichte sowohl den Protagonisten, als auch einer jüngeren Generation von Aktivisten in Wort und Bild zurückzugeben."

Im Bildteil des Buches werde deshalb offengelegt, aus welcher Vergangenheit die heutige Gegenwart erwachsen ist. "Die offizielle Geschichte ist ja immer die Geschichte der Herrschenden", meint Lechleiter. "Hier sollen für einmal diejenigen im Vordergrund stehen, die die Geschichte tatsächlich machen: Die um ihre Selbstbestimmung, um den eigenen Entwicklungsweg, für soziale Veränderungen kämpfenden Menschen in den Ländern des Trikont."

Verstanden sein will das Buch als Hommage und Zeitspiegel zugleich. Erinnerungen an Persönlichkeiten wie Amilcar Cabral, Rodney Arismendi, Nguyen Troy werden geweckt, aber auch viele von uns weitgehend vergessene Daten neu aufgeschlüsselt und im Anhang nochmals übersichtlich und in Stichworten erklärt. "Einfach um zu verhindern, dass künftige Generationen fragen müssen: Guinea-Bissau? Was ist das? War da was?" In der Tat waren die OSPAAL-Plakate jeweils "Solidaritätstagen" mit den Völkern im Kampf gewidmet und die Daten dieser Solidaritätstage wiederum erinnerten an markante Ereignisse in der Geschichte des jeweiligen Volkes, welche in den Erläuterungen zu den Plakaten hier nun aufgefrischt werden.

Lechleiter weist darauf hin, dass sich die Schwergewichte der Plakatinhalte entsprechend den politischen Entwicklungen in Bewegung halten. "Die Plakate jüngeren Datums drehen sich um Themen wie der Widerstand gegen die Verschuldungspolitik, die Rolle des Internationalen Währungsfonds (IWF) oder gegen die kontinentale Freihandelszone ALCA. Sie widmen sich also gemeinsamen, weltumspannenden Problemkreisen."

Wer unsere Geschichte wider das Vergessen aufmerksam studiere, dem werde klar, dass sich mit der Globalisierung und dem Neoliberalismus nicht einfach die Kräfte des Marktes durchgesetzt hätten, "sondern eine bestimmte Vorstellung von Markt hat sich all seiner Kräfte bedient, um sich gegen abweichende, sprich: sozialere Bestrebungen durchzusetzen." Mit aller Brutalität, wie Lechleiter mit Hinweisen auf Chile, Brasilien und Argentinien vermerkt.

"Mit diesem Buch soll der Mantel des Verschweigens all dieser Ereignisse und der brutalen Vorgehensweisen gegen die Kräfte der sozialen und politischen Fortschritts durchlöchert werden", betont Lechleiter. "Wir wollen uns verneigen vor all denen, die ihr Bestes gegeben haben, ihre Liebe, ihren Veränderungswillen, ihren Intellekt, ihre künstlerische Schaffenskraft - und oft, sehr oft ihr Leben. Ganze Legionen junger, fähigster Menschen wurden in diesen Unterdrückungsfeldzügen hingerafft - sie alle fehlten in der Folge beim nationalen Aufbau."

Zwangsläufig werden in diesem Buch die US-Interventionen zu einem zentralen Schwerpunkt: Lechleiter erinnert daran,

  • dass sich allein gegenüber Lateinamerika die Anzahl der Interventionen seit der Verkündung der Monroe-Doktrin auf über 2000 beliefen;

  • dass die USA bisher 228 Militärinterventionen ohne Mandat der UNO durchgeführt hätten;

  • dass mit Hilfe des CIA von 1949 bis 1987 7 Millionen Menschen umgebracht worden seien, "zumeist einfache Leute in sogenannt linken Organisationen, (Indonesien, Philippinen, im Iran unter dem Schah, im Kongo etc).";

  • dass die Anzahl der von den USA nach dem 2. Weltkrieg weltweit getöteten Menschen auf 12 bis 16 Millionen geschätzt werde.

"Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung bezeichnet die USA daher als geofaschistisches Land (zu Hause demokratische Züge, auf Weltebene faschistisch). Solche Fakten gilt es zu kennen, wenn über den bewaffneten Kampf der Völker geurteilt wird", mahnt Lechleiter. Und "Jeder muss sich entscheiden, auf welche Seite er sich selber stellen will."

Martin Schwander


Das Trikontinentale Solidaritätsplakat, Hrsg. von Richard Frick, 448 S., 340 vierfarbige Plakatreproduktionen, alle Texte deutsch, spanisch, englisch und französisch, comedia-Verlag Zürich. 108 Euro. Zu bestellen beim Neue Impulse Versand, Hoffnungstraße 18, 45127 Essen, Tel.: 0201-2486482; Fax: 0201-2486484; E-Mail: NeueImpulse@aol.com


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