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Vom Warenfetisch zum Kommunismus Zu "Oh, wie schön ist Einkaufsland" von Herbert Steeg | ||||||||
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Herbert Steeg hat mal wieder einen Text geschrieben, mit dem es sich auseinanderzusetzen lohnt. Die marxistisch-leninistische Theorie droht zum Stillstand zu kommen, wenn unsere Gedanken allzusehr im Shopping Center verharren oder: im Warenfetischismus verfangen bleiben, so seine Befürchtung. Die Arbeiter sehen sich in der Tat einer Warenansammlung ausgesetzt, die sie in den Bann zieht. So oder so: Sie begehren die Ware oder sie benötigen sie zum Überleben. Sie sind auf sie angewiesen. Unabhängig von ihrem Tun wirkt diese Macht der Ware auf sie ein - so scheint es. Es ist ein Schein, der unter den gesellschaftlichen Bedingungen, in denen Waren produziert und konsumiert werden, notwendig erzeugt wird. Zu seinen bestimmenden Voraussetzungen gehört, dass der gesamtgesellschaftliche Produktionsprozess aus voneinander unabhängigen gesellschaftlichen Teilarbeiten besteht, deren gesellschaftliche Notwendigkeit nur dadurch evaluiert werden kann, dass die Produkte Wertform annehmen, d. h. die in ihnen enthaltene abstrakte Arbeit dem Vergleich auf dem Markt ausgesetzt wird. Der Zusammenhang zwischen Produktion und Konsumtion liegt nicht auf der Hand, sondern stellt sich hinter dem Rücken der Agierenden und erst im Nachhinein her. In der kapitalistischen Warenproduktion mit dem bestimmenden Merkmal, dass menschliche Arbeitskraft zur Ware geworden ist, stellt sich für die Arbeiter die Sache so dar: Für die Zeit, für die sie ihre Arbeitskraft zur Produktion der Ware vermietet haben, haben sie ihr Geld gekriegt. Der Rest geht sie nichts mehr an. Dafür grinsen ihnen die Erzeugnisse, obwohl sie sie doch geschaffen haben, als von ihnen unabhängig existierende Dinge entgegen, die sie sich erst durch den Kauf wieder aneignen können. Das ist er, der Warenfetisch, vergleichbar - wie Marx meint - mit religiösen Vorstellungen entsprungenen Kopfprodukten, die als "mit eigenem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehenden selbstständige Gestalten" (MEW 23, S. 86) erscheinen; nur, dass wir´s hier mit Produkten der menschlichen Hand zu tun haben. Steeg legt mit Recht den Finger auf die Ausblendung des Zusammenhangs von Produktion und Konsumtion, und einigen seiner politischen Konsequenzen stimme ich zu. Er führt aber auch Beispiele an, die das Problem des Warenfetischismus eher verdunkeln. Der von ihm vorgeführte Audi-Fahrer mit dem Aufkleber "Ich pisse auf Japaner" mag dem Warenfetischismus aufsitzen, daran würde sich aber überhaupt nichts ändern, wenn er über den international verzweigten Produktionsprozess wohl informiert wäre. Denn die "Warenform und das Wertverhältnis der Arbeitsprodukte, worin sie sich darstellt" und aus dem der Warenfetischismus erwächst, hat "mit ihrer physischen Natur und den daraus entspringenden dinglichen Beziehungen absolut nichts zu schaffen". (ebd.) Für Steeg scheint jedoch in der Einsicht in die Internationalisierung der Produktion der Schlüssel für die Einsicht in die politischen Zusammenhänge zu liegen: "Die isolierte Warenexistenz (gemeint ist hier das dem Anschein nach ´nationale´ Produkt Audi, HD) spiegelt sich in einer atomisierten Weltsicht und politisch im Nationalismus." Wenn es so einfach wäre, müssten wir schon längst den Sozialismus haben. Eine seiner Hauptforderungen ist, Konzepte und Forderungen aufzustellen, die der globalisierten Produktion gerecht werden. Dagegen ist in dieser Allgemeinheit nichts einzuwenden. Darüber, was das im Einzelnen heißt, wird´s zu einigen der aufgeführten Punkte vermutlich Streit geben. Da Steeg hier in Andeutungen verbleibt, gehe ich hier (noch) nicht darauf ein. Nur, dass jemand, der meint, dass Lenins Imperialismusanalyse auch für die Erklärung der heutigen Welt hinreichend ist, mehr dem Warenfetischismus verfallen sein soll als jemand, der den Kapitalismus in seiner "dritten Phase" angekommen sieht - das hätte ich doch gerne einmal erklärt bekommen. Der Fetisch im Marxschen Sinne ist - anders als im Alltagsgebrauch - etwas von Menschen Geschaffenes, das diese in ihren Bann zieht. Das ist etwas anderes als ein Markenfetischismus, mit dem Steeg den Reigen seiner Beispiele eröffnet. Läge hier der Kern des Problems, wie Steeg nahelegt, dann wäre für seine Lösung wohl eher - vergleichbar mit Wäschestückfetischisten - eine psychotherapeutische Behandlung angesagt. Nun legt die Offenlegung der gesellschaftlichen Ursachen des Warenfetischismus aber nahe, auf welche Weise er aufzuheben ist - in der kommunistischen Produktionsweise. Kommunismus (erste Stufe) ist, wenn Arbeiter sich darüber absprechen, was sie mit dem ihnen gehörenden weit verzweigten Produktionsapparat herstellen wollen (man nennt das auch Plan) und herausfieseln, wie sie es anstellen, dass jeder genau so viel dem Produktionsergebnis entnehmen kann, wie er an Arbeit hineingesteckt gesteckt hat (natürlich abzüglich der Mittel für Investition und Reinvestition, Versorgung der Kranken und Alten, usw.). Der Nährboden für Warenfetischismus ist trockengelegt, nicht nur, weil es dann gar keine Waren mehr gibt, sondern weil der Zusammenhang von Produktion und Konsumtion auf der Hand liegt. Damit ist ein weiteres brisantes Problem, das im Warenfetisch steckt, aufgezeigt: Wie halten wir´s mit unseren Sozialismusvorstellungen? Aber das wäre ein Stoff für die nächste Runde. Helmut Dunkhase (Der Beitrag von Herbert Steeg erschien in der UZ vom 19. März 2004) | ||||||||