unsere zeit - Zeitung der DKP7. Mai 2004

Das Thema

Wir leben trotzdem
Esther Bejarano - vom Mädchenorchester
in Auschwitz zur Künstlerin für den Frieden

Der Name der Widerstandskämpferin und Künstlerin Esther Bejarano war erst jüngst durch die Presse gegangen. Esther Bejarano wollte auf einer Kundgebung in Hamburg gegen einen Nazi-Aufmarsch reden. Dazu kam es nicht, die antifaschistische Kundgebung wurde durch einen Wasserwerfereinsatz der Polizei auseinandergetrieben. Esther wurde nur durch die Scheibe des Lautsprecherwagens vor dem Wasserstrahl, der minutenlang auf ihren Kopf zielte, geschützt. Es war nicht ihre erste Konfrontation mit Polizei und Neonazis im Land der Täter. Birgit Gärtner und Esther Bejarano zeichnen gemeinsam das Leben der Antifaschistin nach: Transport nach Auschwitz, "Leben" im Lager, Ravensbrück, nach 1945 nach Palästina und schließlich die Rückkehr in das Land der Täter und der Schritt, aktiv in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes zu werden. Wir dokumentieren auf dieser Seite zwei Textpassagen mit der Anregung, das Buch über die Antifaschistin Esther Bejarano im Ganzen zu lesen.

"Wohin der Zug fuhr, wussten wir nicht. Die Waggons waren überfüllt und wir konnten uns kaum bewegen. ... Esther erinnert sich, dass viele alte und schwache Menschen diesen mehrere Tage dauernden Horrortrip in den Viehwaggons nicht überlebten. Ihre Leichen blieben die ganze Zeit in den Waggons. Mit Esther saßen viele der Jugendlichen im Waggon, mit denen sie in Neuendorf zusammen war. Esther hatte ein Auge auf Eli Heymann geworfen, an dessen Seite sie den Transport in die Hölle überstand. Doch zu einer Liebesbeziehung kam es nicht mehr, denn dort, wo die Reise enden würde, gab es weder Zeit noch Raum dafür - da musste jede und jeder jede Sekunde des Tages ums blanke Überleben kämpfen. Viele von Esthers Freundinnen und Freunden haben diesen Kampf gegen die faschistische Vernichtungsmaschinerie verloren.

Wohin werden wir gebracht?

Alle im Waggon bewegte dieselbe Frage: "Wohin werden wir gebracht?" Der Zug hielt mehrmals, doch durch das vergitterte Fensterchen war nichts zu erkennen. "Bei jedem Halt dachten wir: ´Jetzt sind wir erlöst und können der stinkigen Luft entfliehen´, aber dann fuhren wir wieder weiter. Nach ein paar Tagen nicht beschreibbaren Erlebens hielt endlich der Zug und die Türen wurden geöffnet. Wir stiegen aus und einige zivil gekleidete Männer begrüßten uns ganz freundlich. Es hieß, wir kämen in Arbeitslager, Frauen und Männer getrennt. Etwas entfernt von der berühmten Rampe standen einige Lastautos."

Die Bedeutung dieser Rampe sollten Esther und die anderen Gefangenen später kennen lernen, an dem Tag ihrer Ankunft dachten sie sich noch nichts dabei, als es hieß, kranke und gehbehinderte Menschen, Mütter mit kleinen Kindern, schwangere Frauen und Frauen über 45 Jahren sollten auf die Lastautos steigen, da der Weg zum Lager ziemlich lang sei. Im Gegenteil, es schien eine freundliche Geste zu sein: "Viele stiegen bereitwillig auf die Autos. Einige junge Menschen, die mit ihren Eltern mitgehen wollten, wurden aufgehalten. Ihnen wurde gesagt, sie könnten auch laufen. Die Autos fuhren direkt in die Gaskammer, aber das wussten wir damals noch nicht." ...

Esther und die anderen Frauen marschierten, bis sie zu einem großen Tor kamen. "Arbeit macht frei" stand dort in großen Lettern geschrieben. An die dann folgende Begrüßung kann Esther sich noch sehr genau erinnern: "Als wir durch das Tor kamen, wurden wir von den SS-Frauen und SS-Männern mit folgenden Worten begrüßt: ´So, ihr Saujuden, jetzt werden wir euch mal zeigen, was arbeiten heißt.´" ...

"41 947 Menschen waren also schon vor mir hier"

"Dann wurden wir tätowiert, das heißt, wir standen alle in einer Reihe und mussten warten, dass uns eine Nummer in den linken Arm geritzt wurde. Ich bekam die Nummer 41 948. Namen waren damit abgeschafft, wir waren nur noch Nummern." 41 948, diese Zahlen haben sich damals genauso unauslöschlich in ihre Haut gebrannt wie die Erinnerung an das, was sie in der Hölle von Auschwitz erwartete.

Nach der Tätowierung bekamen sie Sträflingskleider zugeteilt, da war ihnen klar: "Wir sind hier in einem Konzentrationslager, solche Kleidung gibt es nicht in einem gewöhnlichen Arbeitslager." Esther und ihre Freundinnen und Freunde waren in Polen, in Auschwitz, im Lager Birkenau. "Ich weiß noch, dass ich gedacht habe, nachdem ich die Nummer eintätowiert bekam: ´41 947 Menschen waren also schon vor mir hier. Wo sind die bloß alle?´" ...

Begleitmusik zum Massenmord

Einige der Blockältesten fanden heraus, dass Esther eine wunderbare Interpretin der Werke von Schubert, Bach, Mozart und anderer Komponisten war. Sie ließen sie singen, dafür bekam Esther ein Stück Brot oder manchmal auch Wurst extra. Eines Tages suchte die Dirigentin Tschaikowska auf Befehl der SS nach Musikerinnen für das so genannte Mädchenorchester. Die Blockältesten schlugen Hilde Grünbaum, Sylvia Wagenberg und Esther vor. ... Nach drei Wochen mussten die Mädchen morgens und abends am Tor stehen und Märsche spielen, wenn die Arbeitskolonnen aus- bzw. einrückten. ... Und schon bald musste das Mädchenorchester auch am Tor stehen und spielen, wenn die Transporte mit jüdischen Menschen ankamen: "Die Menschen kamen aus ganz Europa und fuhren direkt ins Gas. Als sie in den Zügen an uns vorbeifuhren und die Musik hörten, dachten sie bestimmt: ´Wo Musik gespielt wird, kann es so schlimm ja nicht sein.´ Für uns war das eine schreckliche psychische Belastung. Wir wussten genau, dass diese Menschen ins Gas geschickt wurden. Doch hinter uns standen schwer bewaffnete SS-Schergen und wir mussten befürchten, dass sie uns erschießen, sobald wir aufhören zu spielen. Bis heute sehe ich diese Bilder vor mir". ...

Während eines Interviews, das ich vor Jahren für die Tageszeitung junge Welt mit ihr machte, sagte Esther einmal zu mir: "Frag mich bloß nicht, wie ich das durchgestanden habe. Ich weiß es nämlich selbst nicht."

Diese schrecklichen Bilder von den Zügen, vollgestopft mit Menschenmassen auf dem Weg ins Gas, sind nicht die einzigen Erinnerungen, die Esther bis heute quälen: "Ich sehe auch den endlos langen Appell oder Sonderappell vor mir, wo die SS-Frauen die Gefangenen auspeitschen ließen: 25 Schläge auf dem Bock. Nach 10 Schlägen waren die meisten schon bewusstlos, aber es wurde immer weiter geschlagen. Täglich sahen wir abgemagerte Leichen auf den Straßen liegen. Sie wurden auf Schubkarren geladen und ins Krematorium gebracht. Viele Frauen waren physisch und psychisch völlig erledigt. Manche Frauen liefen aus Verzweiflung an den elektrisch hoch geladenen Stacheldrahtzaun, um ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Tote Frauen, die am Stacheldraht hängen, auch das ist ein schrecklicher unvergessener Anblick. Es gab viele Momente, in denen auch ich gehofft habe, bald tot zu sein, um die Grausamkeiten der SS-Bestien nicht mehr ansehen zu müssen."

Esther bekam eine zweite Zahlung, diesmal mehrere zehntausend Mark. Nissim (Esthers Mann, Anm. d. Red.) hatte dann die Idee, sich selbstständig zu machen. "Er hatte jemanden in der jüdischen Gemeinde kennengelernt, mit dem er sich zusammengetan und in Uetersen (Schleswig-Holstein), etwa 30 Kilometer von Altona entfernt, eine Diskothek aufgemacht hat, die Blackbird hieß. Das fing gut an, sollte aber als absolutes Fiasko enden."

Am Anfang lief das Blackbird richtig gut. ... Doch irgendwie muss es sich rumgesprochen haben, dass die Disco von zwei Juden betrieben wurde. Das veranlasste alte und neue Faschisten, das Blackbird zu ihrer Zielscheibe zu machen. "Ganze Nazitruppen kamen da rein und haben Schlägereien angefangen. Naja, es dauerte natürlich nicht lange, und die anderen Gäste blieben weg. Schließlich bat mich der Polizeichef von Uetersen zu sich und legte mir nahe, die Diskothek zu verkaufen. Er sagte: ´Das hat keinen Sinn, es gibt so viele Nazis hier. So leid es mir tut, aber das Beste ist, sie machen das Ding wieder zu.´" ...

Eine Entnazifizierung hat nie stattgefunden

Nachdem der Leiter der Polizei in Uetersen sie zu sich gebeten hatte, um ihr die Schließung des Blackbird nahe zu legen, war Esther erst einmal geschockt. Wieder mit Faschisten konfrontiert zu werden, damit hatte sie trotz aller Vorbehalte nicht gerechnet. "Unsere Bekannten hatten uns doch immer wieder geschrieben, dass das Nachkriegsdeutschland ein völlig anderes Land sei als ab 1933, ohne Antisemitismus und ohne Hass auf Ausländer. Und dann das", schüttelt Esther noch heute den Kopf. "Aber eine wirkliche Entnazifizierung hat im Nachkriegsdeutschland eben nie stattgefunden."

Durch den Reinfall mit dem Blackbird hatten die Bejaranos viel Geld verloren. Trotzdem wagte Esther dann den Schritt, sich selbstständig zu machen: Sie eröffnete am Grindel gleich neben dem Kino eine Schmuckboutique. Sie verkaufte Schmuck aus aller Welt und Ednas Freund André Rebstock gestaltete ihr Schaufenster wie aus einem arabischen Märchen. Die Arbeit mit dem Schmuck machte ihr sehr viel Spaß und das Geschäft lief auch am Anfang ganz gut, die exotische Auslage lockte neugierige Kundinnen herein.

"Mein Mann sagt, Juden, das sind alles Betrüger"

Leider nicht immer solche, die Esther gern sah. "Ich hatte auch israelischen Schmuck in meiner Auslage", erinnert sich Esther. "Eines Tages kam eine Frau herein, die sagte: ´Sie haben ja schöne Stücke in ihrem Sortiment. Aber den israelischen Schmuck, den würde ich nie kaufen.´ ´Warum nicht?´, fragte ich sie. ´Wissen Sie, es ist ja gar nicht wegen mir, sondern es ist wegen meinem Mann. Und er hat ja auch Recht´, sagte sie. ´Was sagt denn ihr Mann?´, wollte ich wissen. ´Der sagt immer, die Juden, das sind alles Betrüger´, antwortete sie. ´So? Kennen sie denn überhaupt Juden persönlich?´, fragte ich daraufhin. ´Nee´, sagte sie. ´Sie unterhalten sich gerade mit einer Jüdin´, antwortete ich und zeigte mit dem Finger auf die Ladentür. ´Und jetzt verlassen Sie bitte meinen Laden.´" ...

"Irgendwann rief mich dann unser Freund Ossi Schapiro an, der ein Reformhaus in der Osterstraße hatte. Er sagte: ´Hier in der Nähe ist ein kleiner Laden frei. Das war zwar vorher ein Milchgeschäft, aber ich könnte mir ganz gut vorstellen, dass deine Boutique da rein passt. Das ist eine Laufgegend, das wird bestimmt klappen.´ Ich guckte mir den Laden an, er gefiel mir und ich hatte Glück, ich konnte ihn mieten. So zog ich mit meiner Boutique dann in den Hellkamp. Der Laden war so groß, dass ich noch Kleidung hinzunahm." ... Die Gegend im Herzen von Eimsbüttel ist ein traditionell fortschrittliches Viertel und dort sprach sich schnell herum, wer Esther war und was sie erlebt hatte. ... "Als dann raus war, dass ich in Auschwitz gewesen bin, wurde ich bekniet, doch in die VVN-BdA zu gehen, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gab, denn ich hatte mich um solche Sachen gar nicht gekümmert."

Ein Infotisch der NPD bringt Esther zur VVN-BdA

Doch das sollte sich ziemlich bald ändern. Eines Tages im Jahr 1978 beobachtete Esther, dass vor ihrer Boutique ein Infostand aufgebaut wurde. Neugierig guckte sie, welche Gruppe das denn wohl sei. Zu ihrem Entsetzen musste sie feststellen, dass ausgerechnet die NPD da Werbung machen wollte. Dann sah sie, dass eine Gruppe mit Transparenten kam, um dagegen zu protestieren. Kurze Zeit später kam die Polizei und fing an, die Gegendemonstranten zu drangsalieren. Esther stand am Fenster ihres Ladens, beobachtete das Geschehen und traute ihren Augen nicht. Im Eilschritt verließ sie ihre Boutique und stellte sich auf die Seite der Protestierenden und fing an, mit der Polizei zu debattieren, warum die Nazis schützen. Ein Beamter sagte ihr, sie solle sich da nicht einmischen, sie solle machen, dass sie wieder in ihre Boutique käme. Das war zuviel für Esther. Völlig außer sich packte sie den Beamten am Revers und schrie ihn an: "Wissen Sie überhaupt, was Sie da tun? Wissen Sie, wer diese Leute sind?" Der Beamte sagte, sie solle ihn loslassen, ansonsten würde er sie festnehmen. "Damit machen Sie mir keine Angst", schrie sie ihn an. "Ich war in Auschwitz und das war schlimmer." Esther hörte noch, wie irgend jemand von der NPD zu dem Beamten sagte: "Die war in Auschwitz, das ist eine Verbrecherin. Was wollen Sie von der erwarten?"

Esther war völlig schockiert. Diese Konfrontation war die Geburtsstunde der Politikerin Esther Bejarano: "Am nächsten Tag bin ich dann in die VVN-BdA eingetreten."


Esther Bejarano/Birgit Gärtner: "Wir leben trotzdem", Esther Bejarano - vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Künstlerin für den Frieden, 263 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 19,90 Euro, Pahl-Rugenstein Verlag 3-89144-353-6, auch zu beziehen über den Neuen Impulse Versand.

Die Autorinnen stehen für Lesungen zur Verfügung. Kontakt über den Verlag: 0228/632306


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