unsere zeit - Zeitung der DKP13. August 2004

Hintergrund

Olympische Geschichte(n)
Alfred Flatow

Im Zusammenhang mit den ersten olympischen Spielen von 1896 in Athen berichten viele Publikationen über den damals erfolgreichsten Athleten, den deutschen Turner Carl Schuhmann, der vier Goldmedaillen errang, zwei im Mannschaftsturnen, eine im Pferdsprung und eine im Ringen(!). Der kaum minder erfolgreiche Freund Schuhmanns, der Berliner Alfred Flatow, wird dagegen wenig erwähnt. Flatow war Jude.

Seine Karriere in der Deutschen Turnerschaft (DT) begann 1888. Seine größten Erfolge feierte er bei der Olympiade von 1896 mit einer Silber- und drei Goldmedaillen und mit dem Sieg im Sechskampf beim Deutschen Turnfest 1898 in Hamburg, vor Carl Schuhmann.

Als stv. Oberturnwart in der Berliner Turnerschaft von 1863, dem größten Mitgliedsverband der DT, blieb er dem Turnen eng verbunden - bis 1933. Da zwang ihn die neue Leitung des Verbandes, "freiwillig" auszutreten. Doch die Erinnerung an einen der größten deutschen Sportler ließ sich nicht auslöschen. Um internationale Reputation bemüht luden die Faschisten alle deutschen Olympia-Sieger als Ehrengäste zu den Spielen von 1936 ein, auch Alfred Flatow und seinen Vetter Gustav Felix Flatow. Selbst auf den Stelen des Reichssportfeldes wurden beide "verewigt". Ob Alfred die Einladung annahm, ist nicht bekannt. Allerdings hatten einige beherzte Reporter ihn aufgesucht, nachdem die Einladung bekannt geworden war.

Spätestens 1942 war die "Schonfrist" vorbei. Alfred Flatow geriet im Alter von 72 Jahren in die Maschinerie der "Endlösung", er sollte nach Theresienstadt deportiert werden. Carl Schuhmann (auf den Reichssportfeldstelen "Karl Schumann" geschrieben) protestierte bei Christian Busch, dem damaligen Olympia-Inspekteur. Dessen Intervention beim Reichssportführer wurde schroff zurückgewiesen. Am 10. April 1942 ging Flatow mit 1021 anderen Personen auf dem Transport Nr. I/71-8230. Von den damals insgesamt 152 000 Deportierten überlebten 2 000; 83 000 wurden später in Auschwitz ermordet, 34 000 starben in Theresienstadt, unter ihnen Alfred Flatow. Bei täglich 225 g Brot, 60 g Kartoffeln und Wassersuppe erlosch sein Leben am 28. Dezember 1942.

Erst in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts erinnerten der DTB mit dem "Alfred-Flatow-Ehrenpreis" und der Turnverband der DDR mit dem "Flatow-Pokal" an ihren frühen Vorkämpfer.

"Frieden, Teilnehmen und die Kraft des menschlichen Geistes" gelte es "als die wahren Werte der antiken und der modernen Olympischen Spiele wieder zu entdecken" sagt Gianna Angelopoulou-Daskalaki, Präsidentin des Athener Olympiakomitees, die seit Mai 2000 für die Vorbereitung und Durchführung von Athen 2004 verantwortlich ist.

Im Gegensatz zu ihren Worten weiß jede durchschnittliche Olympia-Vorschau unserer Medien zu berichten, dass kein Krieg wegen der antiken Olympiaden weniger geführt wurde, dass Betrug und Bestechung an der Tagesordnung waren, dass auch damals nur der Sieg zählte und dass die Kraft des menschlichen Geistes im Hain von Olympia keinen Diskus auch nur einen Millimeter bewegt hat.

Auch das bis heute offizielle Motto des Internationalen Olympischen Komitees "citius, altius, fortius" ("Schneller, Höher, Weiter") propagiert vom Begründer der modernen Spiele, Pierre de Coubertin, widerspricht augenfällig den "wahren Werten", wie Frau Angelopoulou-Daskalaki sie wieder entdeckt wissen möchte.

Diese Widersprüche begleiten aber die olympische Bewegung, begleiten Sport und körperliche Ertüchtigung seit nunmehr drei Jahrtausenden. Es sind die Widersprüche der Klassengesellschaft, wie sie sich in Griechenland herausbildete und eine deren erster Taten es war, die uralten heräischen Spiele von Olympia, mit denen junge Mädchen in die Gemeinschaft der Frauen eingeführt wurden, patriarchalisch anzueignen und umzudeuten. Die Frauen wurden ausgeschlossen, an die Stelle der Gemeinschaft trat der Wettbewerb, der allgemeine Fruchtbarkeitskult wurde durch den Kult des stärksten (Kriegers) zurückgedrängt, der alte Heratempel wurde durch den bedeutend größeren Zeustempel übertrumpft. Die schönen Worte, Mythen und Riten von Frieden und menschlicher Einheit behielt man bei. Befreiung klang natürlich auch damals besser als Eroberung.

Erobert bzw. besiegt wurde Frankreich 1871 durch Preußen. Kurz danach, von 1875 bis 1881 legte der deutsche Archäologe Prof. Ernst Curtius den Hain von Olympia frei. Es war die Zeit der "Gründerjahre" und der Vorabend des Übergangs zum imperialistischen Stadium des Kapitalismus. Es war die Zeit des Massenelends, der eintönigen Maschinenarbeit und der vorwärtsstürmenden Arbeiterbewegung. Dem Interesse an der schrankenlosen Ausbeutung in den Fabriken widersprach die Notwendigkeit, die imperialistischen Massenheere mit durchtrainierten Soldaten auszustatten. Weiterblickende Kapitalisten und Politiker setzten zudem auf soziale und politische Integration der Arbeiterklasse. In Deutschland entstand die Bewegung des Turnvaters Jahn, in Frankreich entdeckte der Franzose Pierre de Coubertin den Sport als Therapie gegen den Mangel an Gesundheit und Vitalität der "Volksgemeinschaft", den er als hauptverantwortlich für den Niedergang der "Grande Nation" ansah. In der Geschichte Olympias fand er einen Sportbegriff, der eine formale Chancengleichheit versprach. Neben dem gewonnenen ersten Weltkrieg verdanken wir es dieser modernen, (schein)demokratischen Auffassung, dass die neo-olympische Idee überlebte.

Über hundert Jahre, zwei Weltkriege und einen kalten Krieg später ist diese Idee wahrlich zur materiellen Gewalt geworden. Nachdem mit den Spielen von Los Angeles 1984 die umfassende Kommerzialisierung der Olympischen Spiele eingeleitet wurde, nachdem Milliardensummen öffentlich bereitgestellt werden müssen, um privat angeeignet werden zu können, gleichen Vorbereitung und Durchführung des zweiwöchigen Olympiazirkus für die betroffenen Städte und Länder einer Invasion, die Jahre vor den Spielen beginnt, sich kontinuierlich ausweitet und nach einem kurzen Höhepunkt Brachland hinterlässt, in dem sich die Menschen neu zurechtfinden müssen. Starke Volkswirtschaften und große Nationen verkraften dies leichter. Warum hat sich das "kleine" Griechenland auf diesen Kraftakt eingelassen?

Die personifizierte Antwort ist die oben erwähnte Frau Angelopoulou-Daskalaki. Als junge Harvard-Absolventin (Jura) wurde sie Parlamentsabgeordnete der Nea Demokratia (ND), der konservativen Partei. Verheiratet ist sie mit dem Multimilliardär Theodore Angelopoulos (Stahl, Reederei) und damit fest dem staatstragenden konservativ-kapitalistischen Block zugehörig. Dieser war es auch, der die Spiele 1997 nach Athen holte. Frau Angelopoulou-Daskalaki war damals Chefin des griechischen Bewerbungskomitees, wartete aber drei Jahre, bis sie auch die Avancen zur Chefin des Organisationskomitees annahm. Solange hatte es gedauert, bis der konservativ-kapitalistische Block sich mit seinem Konzept der Durchführung der Athener Spiele gegenüber der regierenden (eher sozialdemokratischen) PASOK durchsetzte. Das ist auch der wahre Grund für die Verzögerungen bei den Baumaßnahmen.

Jetzt schlug man mehrere Fliegen mit der Olympia-Klappe. Zunächst macht man das vorgesehene Geschäft. Auf bis zu neun Milliarden Euro schätzt die angesehene Athener Tageszeitung To Vima allein die öffentlichen Investitionen durch Baumaßnahmen, die die Auftragsbücher der Baufirmen füllen. Dazu kommt die Abschöpfung der privaten Investitionen vor allem in der Tourismusbranche, aber auch das laufende Geschäft mit den erwarteten Olympiatouristen selbst. Gleichzeitig hat man mit der Olympiade einen politischen und ökonomischen Hebel gefunden, das gesellschaftliche Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit grundlegend zugunsten des ersteren zu verschieben. Der Achtstundentag ist faktisch außer Kraft gesetzt, der Mindestlohn ist auf 22 Euro am Tag festgesetzt und aufgrund fehlender Schutzvorkehrungen mussten in den letzten Jahren dutzende Menschen bei Arbeitsunfällen ihr Leben lassen. Im Zuge des künstlichen Olympia-Booms werden EU-Auflagen im Agrarsektor, Finanzwesen und beim Staatshaushalt umgesetzt und der staatliche Sektor weitgehend privatisiert. Der Widerstand der Werktätigen zersplittert sich auch deshalb, weil 10 bis 20 Prozent von ihnen inzwischen Arbeitsimmigranten vor allem aus Albanien sind, die um das nackte Überleben kämpfen.

Zuguterletzt fiel der konservativen Nea Demokratia der Wahlsieg im März 2004 in den Schoß, weil die Wähler der regierenden PASOK eine Mitschuld an der Verschlechterung der sozialen Lage gaben. Dabei sicherte nur das Wahlrecht den Konservativen die Parlamentsmehrheit. Insgesamt hatten die linken Parteien PASOK, die KKE und die Synapsismos deutlich mehr Wählerstimmen.

Keine schlechten Gründe für den griechischen Geld-Adel olympische Spiele zu veranstalten, unter deren Folgen die griechische Bevölkerung noch lange zu leiden haben wird.

Siggi Emmerich


zurück