unsere zeit - Zeitung der DKP13. August 2004

Innenpolitik

Wunsiedel - alle Jahre wieder?
Heß-Marsch und "Volkstrauertag" in Halbe bei Berlin

Vier Jahre nach Kanzler Schröders "Aufstand der Anständigen" stehen neofaschistische Aufmärsche unter dem Deckmantel der "Meinungsfreiheit" auf der Tagesordnung. Kaum ein Wochenende vergeht, ohne dass irgendwo Nazi-Konzerte oder Aufmärsche stattfinden bei denen Neofaschisten offen antisemitische und rassistische Parolen grölen und politisch Andersdenkenden mit Gewalt und Terror drohen. Die Zunahme neofaschistischer Gewalttaten zeigt, dass es nicht bei Drohungen bleibt.

2003 marschierten 4 000 Nazis durch Wunsiedel

Der Heß-Marsch in Wunsiedel (Nordbayern) und das "Heldengedenken" in Halbe bei Berlin ragen unter dieser Vielzahl von Nazi-Veranstaltungen heraus. In Wunsiedel liegt Rudolf Heß, Stellvertreter und rechte Hand Hitlers in der NSDAP, begraben. Heß war maßgeblich beteiligt am Aufbau der Partei und des Führerkults um Adolf Hitler. In zahllosen Hetzreden propagierte er die rassistischen Sondergesetze (Nürnberger Rassengesetze) und die Vorbereitung von Krieg und Völkermord. Heß wurde 1942 bei einem Flug nach Schottland festgenommen, der in Nazikreisen als "Friedensflug" gedeutet wird. In Wirklichkeit diente der Flug dazu, Hitler vor dem Angriff auf die Sowjetunion den Rücken freizuhalten. Heß wurde in Nürnberg zu lebenslanger Haft verurteilt. 1987 brachte er sich im Kriegsverbrechergefängnis Berlin-Spandau um. Nach seinem Tod wurde er zu einer Identifikationsfigur bei alten und neuen Nazis, die ihn als "Opfer der Siegerjustiz" sahen, als Friedensboten Hitlers, als Symbol für "deutsche Treue". Einige Vertreter der braunen Szene propagieren, dass er vom britischen Geheimdienst ermordet wurde. So ist Heß das ideale Symbol für die deutsche Opferrolle und für die ewige Dolchstoßlegende.

Am Volkstrauertag pilgern Neofaschisten nach Halbe

Die Naziaufmärsche in Wunsiedel begannen 1988 und hatten von Anfang an einen klaren Bezug auf den Nationalsozialismus. 1990 kam es zum ersten gesamtdeutschen Aufmarsch. Nach zehnjähriger Pause kamen die Nazis 2001 erneut nach Wunsiedel - mit deutlich mehr Anhängern und mit internationaler Beteiligung. 2003 sah Wunsiedel mit rund 4 000 Teilnehmern einen der größten Naziaufmärsche in Europa seit 1945. Für die Nazis ist Wunsiedel die derzeit wichtigste Großveranstaltung, ein Brückenschlag zwischen Ländern, Generationen und Organisationen oder mit ihren Worten: "zwischen gestern und morgen". Wunsiedel wurde als "Fanal für Deutschland" angekündigt.

Eine ähnliche Rolle ist dem Soldatenfriedhof in Halbe bei Berlin zugedacht. Dort sind über 22 000 Menschen begraben, die bei der "letzten Schlacht" um die "Hauptstadt des Tausendjährigen Reichs" als Verteidiger Nazi-Deutschlands starben, vor allem Soldaten der Wehrmacht, der Waffen-SS, der Hitlerjugend und des Volkssturms. Auf dem Friedhof liegen auch 57 Wehrmachtsdeserteure, die sich dem "Endkampf" für Nazideutschland nicht mehr anschließen wollten.

Höhepunkte in Halbe waren die Aufmärsche zum "Volkstrauertag" 1990 und 1991 mit mehreren tausend Neofaschisten. In den folgenden Jahren wurde das "Heldengedenken" in Halbe verboten. Für den Volkstrauertag 2002 wurde ein Aufmarsch unter dem Motto "Ruhm und Ehre dem deutschen Frontsoldaten" angemeldet. Der Aufmarsch wurde mit Verweis auf den "Charakter des Volkstrauertags" untersagt. Er durfte dann allerdings einen Tag zuvor stattfinden. So versuchen die Nazis nun den Samstag vor dem Volkstrauertag für das nationalsozialistische "Heldengedenken" zu besetzen. Für den 13. November 2004 wird bereits jetzt zum "großen Ehrenaufmarsch" mobilisiert.

Den Faschisten nicht das Feld überlassen

Den diesjährigen Heß-Marsch in Wunsiedel am 21. August durch antifaschistische Gegenwehr stoppen zu können, ist eine völlige Illusion. Momentan geht es vor allem darum, sich dem Kalkül der Nazis, dass sich der Nazi-Aufmarsch durch Gewöhnung etabliert, entgegen zu stellen. Es gilt, diesen Tag in Wunsiedel nicht den Nazis allein zu überlassen.

Die Stadt hat sich nicht auf das Verbot der Nazi-Veranstaltung beschränkt, sondern veranstaltet am Marktplatz eine Protestkundgebung, die ab 13.30 Uhr stattfinden soll. Eine Wunsiedler Jugendinitiative wird mit Aktionen deutlich machen, dass Nazis in ihrer Stadt nicht erwünscht sind. Antifaschistische Organisationen werden sich mit einer Podiumsdiskussion und Kundgebungsbeiträgen an diesem Protest beteiligen. Bereits ab 9 Uhr werden am Platz vor dem Gymnasium in der Innenstadt von Wunsiedel Infostände von antifaschistischen Organisationen stehen, ab 11 Uhr beginnen Kundgebungsbeiträge. Ab 12 Uhr soll eine Podiumsdiskussion stattfinden zum Thema "Opfer werden zu Tätern - Täter werden zu Opfern - über Geschichtsrevisionismus, Revanchismus und Gedenkstättenpolitik" stattfinden. Als Referenten konnten Kurt Pätzold, Elke Pudszuhn, Angelo Luzifero und ein Vertreter der Gruppe "avanti" (Kiel) gewonnen werden.

Rosi Feger


Weitere Infos:
www.ns-verherrlichung-stoppen.tk ¤ dkpbayreuth@aol.com


zurück