unsere zeit - Zeitung der DKP5. November 2004

Profile

Antirassismus gehört zur Tagesarbeit
UZ-Interview mit Angelo Lucifero, Mitorganisator des 14. Antifa-Ratschlages in Thüringen

UZ: Am vergangen Wochenende sind Neofaschisten verschiedener Couleur auf dem NPD-Parteitag in Leinefelde noch ein Stück enger zusammen gerückt. Siehst du darin eine neue Qualität?

Angelo Lucifero: In den letzten Jahrzehnten hatten die Neonazis und die Rechtsextremen kaum parlamentarische Erfolge, weil sie gespalten waren. Der Weg "Volksfront von rechts", der ja schon bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg angegangen wurde, erhöht die Gefahr von Rechts erheblich.

UZ: Wo setzen die Neofaschisten inhaltlich vor allem an?

Angelo LuciferoAngelo Lucifero: Sie haben meines Erachtens drei Hauptelemente, die nichts Neues sind, sondern in der Tradition des "Dritten Reiches" stehen: Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus. Mit diesen Elementen finden sie vor allem angesichts der wachsenden sozialen Demontage und der in der Bevölkerung verankerten Sündenbockideologie eine Basis, die weit über die aktuellen Wahlergebnisse hinausgeht.

Dazu ein paar Zahlen aus Thüringen: 55,7 Prozent der Thüringer meinen, die Bundesrepublik sei durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maße überfremdet. Folgerichtig sind 66,1 Prozent der Auffassung, dass unser Land heute hartes und energisches Durchsetzen deutscher Interessen gegenüber dem Ausland brauche. Ein Drittel der Thüringer sind der Meinung, es gebe wertvolles und unwertes Leben. Und der Aussage, die Juden hätten einfach etwas Eigentümliches an sich und passten nicht recht zu uns, stimmen ganze 11 Prozent zu.

Auf diese große Akzeptanz rechter Positionen bauen rechte Organisationen auf, wenn sie sich mit antisemitischen Positionen an Anti-Kriegs-Demonstrationen und mit rassistischen und völkischen Forderungen an den Protesten gegen den Sozialabbau beteiligen. Sie schüren Sozialneid insbesondere gegenüber Menschen, die noch schlechter behandelt werden, wie Flüchtlinge und Migrantinnen und Migranten. Sündenbockdenken gegen Minderheiten hat im Antisemitismus die brutalste Tradition.

UZ: Welche Anforderungen stellt das an antifaschistische, aber auch an gewerkschaftliche Arbeit?

Angelo Lucifero: Man muss einerseits deutlich machen, dass nationalistische und völkische Konzepte keine Lösung sind, sondern die Mehrheit der Bevölkerung zu den Opfern machen. Andererseits muss daran gearbeitet werden, dass der Widerstand gegen die soziale Demontage und für mehr Demokratie verzahnt und gestärkt wird. Die wesentliche Grundlage für das Suchen nach dem "Sündenbock", statt sich mit den tatsächlichen Ursachen auseinander zu setzen, ist Ergebnis von fehlendem Selbstbewusstsein und Widerstandsbereitschaft.

Die antirassistische und interkulturelle Aufklärung muss in allen Initiativen und Organisationen, die nicht wollen, dass die Neonazis immer stärker an Macht gewinnen, zur Tagesarbeit werden.

UZ: In Weimar wurden bei einer Razzia gegen eine neofaschistische Wehrsportgruppe gerade wieder Schlag- und Schusswaffen gefunden. Wie schätzt du die Gefahren neofaschistischen Terrors ein?

Angelo Lucifero: Die Gewaltbereitschaft wächst, aber auch das ist nicht neu. In den letzten 20 Jahren wurden etwa 200 Migrantinnen und Migranten, Flüchtlinge, Linke und andere den Minderheiten angehörende Menschen relativ ungestört ermordet. Die Mehrheit hat weggeschaut.

Mit dem Internet-Aufruf "Dem antideutschen Mob auf die Pelle rücken! Den Antifa-Ratschlag in Gotha bekämpfen!" wird jedoch deutlich, dass die Neonazis offener mit Bedrohung und Gewalt agieren können. Auf der Homepage werden Wohnadressen und Auto-Kennzeichen von Antifaschistinnen und Antifaschisten veröffentlicht und damit potentiellen Tätern zugänglich gemacht.

Bezeichnend ist, dass die Staatsanwalt und die Polizei auf mehrere Anzeigen am 25. und 28. Oktober bis dato noch nicht reagiert haben.

Am 25. Oktober musste ich persönlich erneut rechte Gewalt erleben. Ich habe versucht Neonazis aufzuhalten, die mit nationalsozialistischen Transparenten in die Eisenacher Montagsdemo eindrangen und wurde niedergeschlagen. In der Nacht wurde ich dann in Erfurt, wahrscheinlich durch die Weitergabe meines Auto-Kennzeichens, auf der Straße bedroht, was fast einen schweren Unfall verursacht hätte.

UZ: Der Antifaschistische Ratschlag findet am 6. November in Gotha statt. Kannst du ein paar Worte zum Charakter und Programm des Kongresses sagen?

Angelo Lucifero: Der Ratschlag ist nun 14 Jahre alt und hat immer das Ziel gehabt, unabhängig von der Orientierungen der jeweiligen Initiativen und Organisationen Bündnisarbeit gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus zu schaffen. In unserem Aufruf heißt es: "Wenn Nicht-Deutsche und Deutsche, Arbeitslose und Erwerbstätige, Studierende und Azubis, Junge und Alte, wir alle gemeinsam und solidarisch handeln, statt uns gegeneinander ausspielen zu lassen, haben wir eine Chance auf ein besseres Leben". Diese Aussage ist Programm.

Der Ratschlag gedenkt der Opfer der Reichspogromnacht am 9. November 1938, die der Beginn der systematischen Vertreibung und schließlich Ermordung der jüdischen Bevölkerung war. Der Ratschlag beschäftigt sich mit der nationalsozialistischen Geschichte und mit der Gegenwart. Gemeinsam werden Handlungsmöglichkeiten gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus diskutiert und entwickelt.

Die Fragen stellte
Wera Richter

Foto: Vogel


5. November

"Braune Kameradschaften. Die neuen Netzwerke der militanten Neonazis", Lesung mit Andrea Röpke und Andreas Speit, Bücherstube "Hanna Höch", Gotha Hauptmarkt, 19 Uhr

6. November

14. Thüringer antirassistischer/antifaschistischer Ratschlag, Kooperative Gesamtschule "Herzog Ernst", Reinhardsbrunner Straße, Gotha

Themen sind u. a.

  • Fußball und Nationalismus - zwei Seiten einer Medaille?

  • Flüchtlingsalltag und -arbeit in Thüringen

  • Vom "faulen Polen" zu "Florida-Rolf" - Sozialneid, Arbeit und Rassismus

  • Illegale Beschäftigung - Gewerkschaftliche Handlungsmöglichkeiten

  • Ziviler Ungehorsam - kreative Aktionen in der antirassistischen Arbeit


Weitere Infos:
www.lag-antifa.de


zurück