unsere zeit - Zeitung der DKP19. November 2004

Feuilleton

Weggefährten
Ein Vierteljahrhundert bei "Sinn und Form"

Aus mehr als 50 Exemplaren willkürlich ein Heft herausgreifend; nämlich das sechste von 1987 im 39. Jahr, November/Dezember, für 4 Mark der DDR, Redaktionsbeirat u. a. Werner Mittenzwei, Werner Klemke und Kurt Schwaen, stößt man auf eine bemerkenswerte Vielfalt. Da sind zum 100. Geburtstag von Arnold Zweig Briefe von ihm an Stefan Zweig und Sigmund Freud, auch Beiträge von Heiner Müller, Nachruf für Wolfgang Heise, Texte von Adolf Endler und Walter Huder, Gedichte von Fritz R. Fries und Günter Kunert, beide mit Widmung an Armin Zeißler, und letzterer selbst ist mit einem Beitrag unter dem Titel "Die Kunst und die Lebenskunst" über Brecht vertreten mit dem Untertitel "Aus meinen Aufzeichnungen", die autobiographisch geprägt sind. Man wird einiges davon wiederfinden in seiner Erzählung "Eulenschreie - Zwischen Abfahrt und Ankunft", 2002 erschienen, den Enkeln gewidmet.

Es ist die autobiographische Geschichte von Fred Wolf alias Armin Z. aus Freital, seine Erfahrungen ab 1942 als Soldat der Wehrmacht im Sanitätsdienst, sowjetische Gefangenschaft 1944 in Rumänien. Antifa-Schule; erst 1947 Rückkehr nach Hause; das kein Zuhause mehr ist. Eine leise Geschichte, sehr berührend.

Diesem erwähnten Heft von "Sinn und Form" 1987; herausgegeben von der Akademie der Künste der DDR, geleitet von Max Walter Schulz, ist wie allen letzten Heften des Jahres ein jährliches Inhaltsverzeichnis beigegeben, das einen Überblick gibt über die erstaunliche Vielfalt von Themen und Autoren, die in diesem Jahrgang vertreten sind. In den Anmerkungen zu diesem Heft liest man unter anderem auch etwas über Armin Zeißler, dass er 1922 geboren wurde; seit dem 1. 5. 63 Redakteur, ab 1. 7. 64 stellvertretender Chefredakteur von "Sinn und Form" war, Interimsleitung der Zeitschrift während der Hefte 5 und 6/1963 sowie von Heft 5/1982 bis Heft 4/1983. Beendet seine Tätigkeit mit dem 31. 12. 1987. Tritt in Ruhestand. Der willkürliche Griff in die Hefte von "Sinn und Form" erfasste das letzte Heft der Mitwirkung von Armin Zeißler als Stellvertreter.

In seinen Erinnerungen über die Tätigkeit in der Redaktion von "Sinn und Form", als ewiger Stellvertreter quasi mit der Kärrnerarbeit betraut, und über seine Zusammenarbeit mit Bodo Uhse, Wilhelm Girnus, Paul Wiens und Max Walter Schulz, über die er nur Gutes sagt, berichtet der Autor auf unspektakuläre, informative und kenntnisreiche Weise über viele Weggefährten und Schriftsteller.

Werner Mittenzwei, der Doktorvater Zeißlers, schreibt in seinem Standardwerk "Die Intellektuellen - Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945-2000" treffend über "Sinn und Form": "Girnus setzte die Linie Huchels konsequent fort, drang unnachgiebig auf Niveau und ließ sich in diesem Punkt von keiner Seite beeinflussen. Als Chefredakteur gab er sich noch elitärer als Huchel ... Der geglückte Übergang und das dauerhaft hohe Niveau ließen sich auch auf die gute Zusammenarbeit mit dem Stellvertreter von Girnus zurückführen: auf Armin Zeißler, der sich in seiner fast fünfundzwanzigjährigen Tätigkeit unter vier Chefredakteuren als der zuverlässige Steuermann des Sinn- und-Form-Kurses erwies ... Er blieb ein Diener der übernommenen Aufgabe. Für Girnus wurde er zu einer unverzichtbaren Stütze. Zwar besaß er, als er 1963 unter Bodo Uhse anfing, kaum redaktionelle Erfahrungen, dafür aber kannte er die DDR-Literatur bestens. Über die Lyrik promoviert, unterhielt er persönliche Beziehungen zu Günter Kunert. Mit Franz Fühmann verband ihn eine gemeinsame Zeit in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. An Gespräche mit Erich Arendt konnte er anknüpfen, auch an Begegnungen mit Günter de Bruyn und Johannes Bobrowski ... Während Huchel meist allein entschied, war es eine der ersten Amtshandlungen von Girnus, sich mit einem kleinen Kreis von Schriftstellern zu beraten. Die Akademie hatte Huchel immer nahegelegt, enger mit den Akademiemitgliedern zusammenzuarbeiten ... Davon hielt Huchel gar nichts. Girnus sah das anders ..."

Berührend die Kapitel über Franz Fühmann "Der Mann mit der Kappe" über die Kriegsgefangenschaft sowie "Wiederbegegnung" in der DDR und "Club-Gespräch" im Club der Kulturschaffenden "Johannes R. Becher" im Zentrum der Hauptstadt der DDR in der Otto-Nuschke-Straße. Besonders einprägsam und emotional beeindruckend das Kapitel über Alfred Matusche mit dem Titel "Stilles Gedenken". Unter anderem wird daraus ersichtlich, wie schwer es auch einer in der DDR haben konnte, der fast nur Dramatiker war und nichts anderes. Alfred Matusche, der 1999 in Knaurs Lexikon der Weltliteratur erwähnt wird, starb 1973 in seinem 64. Lebensjahr und hatte es immer schwer in der DDR. Armin Zeißler schreibt in "Weggefährten": "Und als ich Anfang Dezember 1975 in Moskau zu Besuch weilte, las ich auf Plakaten den Namen Alfred Matusche. ´Van Gogh´ wurde dort im Jermolowa-Theater gespielt. Doch da war der Dichter und Dramatiker schon länger als zwei Jahre tot, hatte Armin Stolper bei der Urnenbeisetzung am 24. November 1973 die Gedenkrede auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin vor einer kleinen Gemeinde gehalten. Die Redaktion hat diese, zusammen mit Alfred Matusches Van-Gogh-Erzählung ´Einer geht allein´ aus dem Nachlass, sein Todestag lag ein Jahr zurück, in Heft 4/74 veröffentlicht."

Auch dieses Heft wäre in Gänze lesenswert wie fast alle Hefte. Wie schreibt Werner Mittenzwei: "Girnus nannte die Zeitschrift gern eine Revue im Sinne der französischen Literaturtradition: Sie wurde zu einer Revue kontroverser Standpunkte. Im Laufe der Zeit bildete sich eine Debattenkultur heraus. Einzelne Themen oder Theorien lösten Gegenentwürfe aus, was auch dazu führte, dass kunstpolitische Grundsätze ins Wanken gerieten ..." Genau das hatte man Girnus eigentlich nicht zugetraut, aber gerade das machte die Zeitschrift so lesenswert.

Manfred Hocke


Armin Zeißler: Meine Weggefährten. Ein Vierteljahrhundert bei "Sinn und Form". Nora-Verlagsgemeinschaft, Berlin. 162 Seiten, 14,90 Euro


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