unsere zeit - Zeitung der DKP3. Dezember 2004

Feuilleton

Marathon für Olga
Gespräch mit dem Regisseur Galip Iyitanir über seinen
Film "Olga Benario - Ein Leben für die Revolution"

Mit Galip Iyitanir sprach Manfred Idler. Der Film "Olga Benario. Ein Leben für die Revolution" ist seit dem 2. Dezember in drei Berliner Kinos zu sehen.

UZ: Ihr Film über Olga Benario ruft eine Revolutionärin ins Gedächtnis, die fast vergessen ist. Wie sind Sie auf diesen großen Stoff gekommen?

Galip Iyitanir: Vor genau 21 Jahren habe ich meine Frau und durch sie die Lebensgeschichte von Olga Benario kennen gelernt. Meine Frau kommt aus Brasilien und kannte natürlich die Lebensgeschichte von Olga Benario sehr gut. Sie wird in Brasilien heute noch geehrt und geliebt. Als meine Frau hörte, dass ich als Student politisch aktiv war, fragte sie mich, ob ich von Olga Benario gehört hätte. Ich musste das verneinen und sie schenkte mir das Buch "Olga Benario" von Ruth Werner, das ich sofort verschlang. Das war meine erste Begegnung mit Olga Benario. Sofort faszinierte sie mich. Ihr Mut, ihre Stärke, ihr unermüdlicher Einsatz für eine Sache, an die glaubte, imponierten mir. Ich wusste, dass ich irgendwann mal daraus einen Film machen musste, um sie und ihre Geschichte allen Leuten bekannt zu machen.

Als ich viel später den ersten Versuch machte, über sie einen Dok-Film zu machen, fiel die Mauer. Im Westen wollte man mit einer Kommunistin nichts zu haben, deren Ideale gerade zusammengebrochen waren. In der DDR sagte man mir: Lassen sie uns damit in Ruhe, wir haben gerade 45 Jahre Sozialismus hinter uns. So habe ich das Projekt auf später verschoben.

Vor genau vier Jahren fing ich wieder an, an Türen zu klopfen und fand Gehör beim Filmbüro NRW. Aber das war auch alles. Es kamen gleich danach nur noch Absagen. Es war sehr schwierig die Förderungsinstitutionen und den Sender ZDF/ARTE zu überzeugen, dass es wichtig ist, über Olga Benario einen Dokumentarfilm zu drehen. Nach vierjährigem strapaziösen Marathonlauf ist es mir gelungen, den Film zu realisieren.

UZ: An wen wendet sich Ihr Film?

Galip Iyitanir: Der Film wendet sich nicht an eine spezifische Gruppe, sondern an alle Leute ohne Rücksicht auf Alter und Bildung, denn er ist keine trockene Geschichtsstunde, sondern erzählt vom Leben einer außergewöhnlichen Frau, die jede(r) kennen sollte. Olga Benario muss meiner Meinung nach ihren wohlverdienten Platz in der deutschen Geschichte einnehmen. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich dazu einen Beitrag leisten kann. Ich wünsche mir, dass sehr viele Leute Olga Benario und ihre Lebensgeschichte kennen, sie ist stark, mutig, intelligent, schön und vor allem gerecht. Es gibt wenig solche Personen in der deutschen Geschichte. Selbstverständlich wird der Film in erster Linie viele Menschen aus der ehemaligen DDR und nur einen kleinen Teil der Linken in den alten Bundesländern ansprechen und interessieren, denn Olga Benario war in der DDR bekannt, sie wurde geliebt und geachtet. Über 100 Straßen, Kollektive, Kindergärten, Schulen wurden nach ihr benannt, von denen manche heute noch ihren Namen mit Stolz tragen.

Ich würde mich sehr freuen, wenn viele Leute sich den Film im Kino anschauen und darüber reden. Nur so kann Olga Benario auch im Westen bekannt werden. Außerdem wird ein Erfolg im Kino dazu beitragen, die Förderungsinstitutionen und die TV-Anstalten dazu zu ermuntern, mehr politisch und sozial engagierte Stoffe zu verfilmen.

UZ: Sie haben viel an Originalschauplätzen gedreht, in Deutschland, in Russland, in Lateinamerika. Das war sicher nicht einfach zu finanzieren?

Galip Iyitanir: Ohne die Unterstützung meiner Freunde und einiger Firmen wäre es nicht möglich gewesen den Film fertig zu stellen. Außerdem haben meine Mitarbeiter auf einen Teil ihrer Gage verzichtet, um den Film zu realisieren. Sicher habe ich auch privat einiges riskiert.

UZ: Als Klammer dienen in ihrem Film zwei brasilianische Volkssänger, die ein Lied über Olga singen. Weist das darauf hin, dass Olga Benario in Brasilien noch mehr im kollektiven Gedächtnis verankert ist als hierzulande?

Galip Iyitanir: Das brasilianische Lied ist nur für den Film geschrieben und komponiert. Es ist eine alte Tradition in Brasilien: Die "Repentistas", das sind Volkssänger, erfinden entweder Geschichten oder nehmen einfach ein Ereignis aus dem Alltag und machen daraus ein Lied. Damit verdienen sie ihren Lebensunterhalt. Davon wusste ich und gab den Repentistas Olgas Geschichte auf Portugesisch. Zwei Tage später haben sie ein 30-strophiges Lied daraus gemacht und es mir vorgespielt. Davon sind nur 6 Strophen im Film drin.

Mit diesem schönen Lied wollte ich eine alte und beliebte brasilianische Tradition mit in den Film einbauen, aus Liebe zu Brasilien und Brasilianern. Olga Benario liebte Brasilien. Die Gruppe Phirefons, die die Filmmusik komponiert hat, wird demnächst eine CD herausgeben, auf der wird das Lied vollständig darauf sein. Sie erzählen die Geschichte von Olga und begleiten den Film vom Anfang bis zum Ende.

UZ: Dokumentarfilme sind im Allgemeinen in den Kinos nur kurze Zeit zu sehen. Ist der Film als Video erhältlich?

Galip Iyitanir: Ein DVD wird im April oder Mai 2005 auf den Markt kommen.


Olgas Geschichte:

Olga Benario, geboren am 12. Februar 1908 in München, tritt mit 15 Jahren in die Kommunistische Jugend ein und lernt dort den KJ-Funktionär Otto Braun kennen. Anfang 1925 verlässt sie München und geht mit ihm in den "roten" Arbeiterbezirk Neukölln nach Berlin.

Mit 17 Jahren wird sie Agitpropsekretärin der KJ für den Bezirk Neukölln. Am 30. September 1926 werden sie und ihr Freund Otto Braun verhaftet. Durch die Bemühungen ihres Vaters, Dr. Leo Benario, eines renommierten Rechtsanwalts, wird Olga wieder frei gelassen.

Otto Braun bleibt im Gefängnis. Ihm drohen 20 Jahre Gefängnis "wegen Vorbereitung zum Hochverrat". Am 11. April 1928 befreit Olga mit vier Genossen Otto Braun in einer aufsehenerregenden Aktion aus dem Moabiter Gefängnis. Ein Coup, der sie schlagartig berühmt macht.

Sie flieht mit Otto Braun nach Moskau. Sie bereist im Geheimauftrag der Kommunistischen Internationale Paris und London. Als sie nach Moskau zurückkehrt, wird sie von der Komintern beauftragt, den legendären brasilianischen Hauptmann Luis Carlos Prestes nach Brasilien zu begleiten um mit ihm dort die Revolution einzuleiten. Prestes hatte von 1924 bis 1927 die berühmte "unsiegbare Kolonne" auf dem langen Marsch durch Brasilien geführt, über insgesamt 25 000 Kilometer, immer gejagt von Regierungstruppen. Er war für die Armen Brasiliens zum "Ritter der Hoffnung" geworden.

Getarnt als reiches portugiesisches Ehepaar Vilar auf Hochzeitsreise fahren Olga und Prestes quer durch Europa und dann über New York nach Brasilien. Als sie in Rio de Janeiro ankommen, ist das, was bisher eine Tarnung war, Wirklichkeit geworden. Sie sind ein Liebespaar.

Nach fast einjähriger Vorbereitung im Untergrund beginnt die Revolte in Brasilien am 27. November 1935 und wird 12 Stunden später blutig nieder geschlagen. Sie werden verhaftet. Am 23. September 1936 wird Olga, hoch schwanger, an Nazi-Deutschland ausgeliefert.

Am 27. November 1936 bringt sie im Frauengefängnis in Berlin ihre Tochter Anita Leocadia Prestes zur Welt. Olga wird zuerst ins Konzentrationslager Lichtenburg, dann nach Ravensbrück gebracht.

Im April 1942 wird sie vierunddreißigjährig in der Gaskammer in Bernburg umgebracht.


zurück