unsere zeit - Zeitung der DKP3. Dezember 2004

Marxistische Theorie und Geschichte

Eine ungewöhnliche Frau
Vom Ministerium ins KZ: die Pädagogin und
Politikerin Frida Winckelmann (1873-1943)

Frida Winckelmann ist nahezu vergessen. "Von ihr gibt es keine Autobiographie, Berichte, Briefe, Fotos etc.", so die Theaterwissenschaftlerin und Germanistin Heike Stange, die aufgrund eines Forschungsauftrags des Thüringer Landtags Material über die ehemalige Abgeordnete zusammentragen konnte.

Geboren wurde Frida am 3. Juli 1873 als Tochter eines Kaufmanns in Berlin. Sie besuchte die höhere Mädchenschule, das Lehrerinnen- und Oberlehrerinnenseminar und einige Semester lang die Universität. Von 1892 bis 1906 arbeitete sie an verschiedenen höheren Mädchenschulen in Berlin und in Charlottenburg. Später zog sie nach Drebkau südwestlich von Cottbus, um dort ein Erziehungsheim zu leiten, das sie schließlich nach Birkenwerder verlegte. Dort erhielt sie 1912 in ihrem Haus in der Bergallee 1 die Genehmigung "zur Einrichtung und Leitung einer Erziehungsanstalt für schwächliche und zurückgebliebene Kinder".

Schon in der Kaiserzeit hatte sie begonnen, sich politisch zu betätigen. Zunächst Mitglied der SPD, engagierte sie sich während des Krieges im Spartakusbund, ab 1917 in der USPD und später in der KPD. Nach dem Krieg gehörte sie kurze Zeit dem Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung bzw. dem preußischen Unterrichtsministerium an. Sie sollte Konzepte für die Volkshochschule und die Einheitsschule entwickeln - "begabten und intelligenten Kindern der Arbeiterklasse" sollte "die Möglichkeit der freien Fortbildung" ermöglicht werden.

Ihr politisches Engagement trug ihr natürlich auch Feindschaften ein. In Birkenwerder sorgte der Amtsvorsteher dafür, dass sie ihr Landschulheim nicht weiter betreiben durfte. So wechselte sie 1922 an eine Berufsschule in Gotha. 1927 wurde sie für die KPD in den Thüringer Landtag gewählt. 1929 aus der Partei ausgeschlossen, trat sie der KPO (Kommunistische Partei Opposition) bei.

1930 kehrte sie nach Birkenwerder zurück. Nach dem Machtantritt der Faschisten ging sie in die Illegalität, tauchte in Breslau und Berlin unter. Doch am 20. September 1933 wurde sie in ihrem Haus vom Bürgermeister persönlich verhaftet und ins Frauengefängnis gebracht. Von dort kam sie in "Schutzhaft" in das KZ Moringen. Ihr Haus wurde beschlagnahmt und enteignet. Nach ihrer Entlassung aus dem KZ im April 1934 durfte sie nicht nach Birkenwerder zurückkehren.

Am 4. November 1943 starb Frida Winckelmann.

1993 wurde die Bergallee in Birkenwerder, die zu Beginn der 50er Jahre ihren Namen erhalten hatte, wieder rückbenannt.

Manuela Dörnenburg/C. F.


Heike Stange: Frida Winckelmann - eine Lehrerin in Birkenwerder. Harald Mittelsdorf (Red.): Jetzt endlich können die Frauen Abgeordnete werden! Schriften zur Geschichte des Parlamentarismus in Thüringen, Bd. 20. Hrsg.: Thüringer Landtag. Rudolstadt/Jena 2003, 256 S., 19,90 Euro.


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