unsere zeit - Zeitung der DKP17. Dezember 2004

Innenpolitik

Carl-von-Ossietzky-Medaille an Antifaschisten
Ehrung für Esther Bejarano, Peter Gingold,
Martin Löwenberg und Percy MacLean

Wie jedes Jahr verlieh die Internationale Liga für Menschenrechte anlässlich des Tages der Menschenrechte im Dezember die Carl-von-Ossietzky-Medaille an Personen, die sich um Verteidigung, Durchsetzung und Fortentwicklung der Menschen- und Bürgerrechte besonders verdient gemacht haben sowie an Menschen, die vorbildliche antifaschistische und antirassistische Arbeit leisten.

In diesem Jahr ging der Preis an den Berliner Verwaltungsrichter Percy McLean und die bekannten AntifaschistInnen jüdischer Herkunft Esther Bejarano, Peter Gingold, Martin Löwenberg. Seit 1962 gibt es die die Carl-von-Ossietzky-Medaille. Die Liste der bisherigen Preisträger liest sich wie ein Who´sWho bundesdeutscher Geistesgeschichte. Preisträger waren u. a. Günter Grass, Heinrich Böll, Helmut Gollwitzer, Heinrich Albertz, Willi Bleicher Gert Bastian, William Borm, Heinz Brandt, Martin Niemöller, Günter Wallraff, Lea Rosh, Erich Fried, Klaus Bednarz, Wolfgang Richter, Volker Ludwig und das GRIPS-Theater Berlin, Hannes Heer für das Team der Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" und im letzten Jahr die Bürgerinitiative FREIe HEIDe und Gerit von Leitner für ihren Kampf gegen Militarisierung, Krieg und Rüstungsinteressen.

In der Begründung der diesjährigen Verleihung beim Festakt am 12. Dezember in Berlin sagte der Präsident der Liga für Menschenrechte Dr. Rolf Gössner unter anderem: "Percy MacLean wird für sein aufklärerisches Wirken und seine dem Antidiskriminierungsgebot verpflichtete justizielle Tätigkeit gewürdigt. Oft gegen starke Widerstände aus Behörden und Politik hat er vor allem in Flüchtlingsfragen klare menschenrechtliche Akzente gesetzt. Als erster Direktor des ´Deutschen Instituts für Menschenrechte´ hat er sich dafür stark gemacht, nicht allein Menschenrechtsverletzungen in fernen Ländern zu thematisieren, sondern auch die Menschenrechtslage in Deutschland zu beleuchten - etwa den Umgang mit Flüchtlingen. Das hat ihn letztlich seine Stellung gekostet.

Esther Bejarano, Peter Gingold und Martin Löwenberg stehen stellvertretend für viele, die in der NS-Zeit aus politischen, häufig zugleich aus ´rassischen´ Gründen verfolgt worden waren, aktiv gegen das Naziregime gekämpft hatten und dann in der Bundesrepublik wegen ihres antifaschistisch-sozialistischen Engagements kriminalisiert, teils sogar inhaftiert wurden; die sich aber trotz alledem weiter aktiv gegen Rassismus und Neonazismus engagiert haben und, bis ins hohe Alter, immer noch so engagieren - unter anderem in der ´Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten´ (VVN-BdA), der alle drei angehören. Heute noch stellen sie sich Nazi-Aufmärschen in den Weg und sind als kritische Zeitzeugen gerade für junge Menschen wertvolle Gesprächspartner. - Indem wir den von allen vier Preisträgern auf unterschiedliche Weise geführten politischen und rechtlichen Kampf gegen Diskriminierung, Rassismus und Neonazismus in dieser Gesellschaft ehren, wollen wir ein Zeichen setzen gegen den fatalen Rechtsruck hierzulande, gegen Antisemitismus, Islamophobie und rechte Gewalt."

Die letztjährigen Preisträger Gerit von Leitner und für die Bürgerinitiative FREIe HEIDe Pfarrer Benedikt Schirge hielten die Laudationen auf ihre Nachfolger. Pfarrer Schirge sagte über die drei PreisträgerInnen aus den Reihen der VVN: "Die Internationale Liga für Menschenrechte zeichnet heute Menschen aus, die mit ihrem ganzen Leben für eine zivile, für eine menschliche Gesellschaft stehen. Die selber und mit ihnen ihre Familien die Grausamkeiten des Nationalsozialismus erleben mussten und - das muss man auch betonen - diese überleben konnten. Die gehofft hatten: So etwas kann und wird nicht wiederkommen, und die erleben mussten und müssen, dass das faschistische Gedankengut nie ausstarb, sondern immer wieder Nährboden fand und findet.

Es ist manches gelungen, was auf der Potsdamer Konferenz im Jahre 1945 gefordert wurde, dass beispielsweise die ´erfolgreiche Entwicklung demokratischer Ideen möglich gemacht´ wurde. Dass die ´nazistischen und militaristischen Lehren völlig entfernt´ wurden, wie es auch in den Grundsätzen steht, kann man jedoch nicht behaupten. Dieses ist aber notwenig, um allen Menschen ein Leben in Würde und mit gleichen Rechten zu garantieren. Und die Sicherheitsdienste dieses Landes sollten sich nicht nur schämen, wie sie mit Verfolgten des Naziregimes in einer Demokratie umgegangen sind und umgehen, nein, es muss ihnen endlich rechtlich Einhalt geboten werden, als mögliche Extremisten beobachtet zu werden. Extrem ist, was sie in ihrem Leben durchmachen mussten."

Bewegende Worte fanden die Preisträger in ihren Dankesreden. Die Ehrung setzt ein Zeichen, dass es weit über das linke Lager hinaus eine neue Entschlossenheit geben kann, dem braunen Spuk unserer Tage gemeinsam entgegenzutreten. Die Liga für Menschenrechte hat sich ihres Namens und ihres Gründungsvaters Carl von Ossietzky würdig erwiesen.

-er


"... sie wollten, dass sie ohne
Kampf in den Tod gehen"

Aus der Dankesrede von Esther Bejarano

Als 15-Jährige musste ich mich von meinen Eltern und Geschwistern trennen. Es folgte das Vorbereitungslager zwecks Auswanderung nach Palästina. 1941 Zwangsarbeitslager Neuendorf, bei Fürstenwalde/Spree, dort leistete ich zwei Jahre Zwangsarbeit in einem Blumenhaus und Gärtnerei in Fürstenwalde. Am 20. April 1943 fuhren alle Insassen des Arbeitslagers in Viehwaggons ab Berlin, aus dem Sammellager in der Großen Hamburger Straße mit über 1000 jüdischen Menschen bei unmenschlichen Zuständen nach Auschwitz-Birkenau. Vier Wochen lang, die mir wie vier Jahre vorkamen, musste ich schwere Steine von einer Seite eines Feldes zur anderen Seite schleppen. Am nächsten Tag musste ich die selben Steine wieder zurückschleppen. Ich war am Ende meiner Kräfte. Ich hatte großes Glück, dass in dem Block, in dem ich übernachtete, eines Abends Frau Tschaikowska, eine polnische Musiklehrerin, nach Frauen suchte, die ein Instrument spielen konnten. Die SS befahl ihr, ein Mädchenorchester aufzustellen. Ich meldete mich, sagte, dass ich Klavier spielen könne. Ein Klavier haben wir hier nicht, sagte Frau Tschaikowska. Wenn du Akkordeon spielen kannst, werde ich dich prüfen. Ich hatte nie zuvor ein Akkordeon in der Hand. Ich musste alles versuchen, um nicht mehr Steine schleppen zu müssen. Ich sagte ihr, dass ich auch Akkordeon spielen könne. Sie befahl mir, den deutschen Schlager "Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami" zu spielen. Ich kannte diesen Schlager, bat sie um ein paar Minuten Geduld, um mich wieder einzuspielen. Es war wie ein Wunder. Ich spielte den Schlager sogar mit Akkordbegleitung und wurde gemeinsam mit zwei Freundinnen in das Orchester aufgenommen.

Die Funktion des Mädchenorchesters in Auschwitz-Birkenau war, am Tor zu stehen und zu spielen, morgens, wenn die Arbeitskolonnen ausmarschierten und abends, wenn sie ins Lager zurückkamen. Wir alle hatten ein schlechtes Gewissen weil wir sozusagen halfen, dass die Gefangenen im Gleichschritt marsch, marsch nach unserer Musik marschieren mussten.

Aber es kam noch schlimmer. Die SS befahl uns, am Tor zu stehen und zu spielen, wenn neue Transporte ankamen in Zügen, in denen unzählige jüdische Menschen aus allen Teilen Europas saßen, die auf den Gleisen fuhren, die bis zu den Gaskammern verlegt wurden, und die alle vergast wurden. Die Menschen winkten uns zu, sie dachten sicher wo die Musik spielt, kann es ja nicht so schlimm sein. Das war die Taktik der Nazis. Sie wollten, dass all die Menschen ohne Kampf in den Tod gehen. Wir aber wussten, wohin sie fuhren. Mit Tränen in den Augen spielten wir. Wir hätten uns nicht dagegen wehren können, denn hinter uns standen die SS-Schergen mit ihren Gewehren.

Aus der Dankesrede von Peter Gingold

Doch gibt es auch für mich Hoffnung in diesem Land. Denn ich erlebe immer wieder eine Jugend, die nicht den Schlussstrich unter der Vergangenheit zieht, die Auschwitz nicht vergisst, die den Neonazis nicht die Straße freigibt, sich gegen alles stellt, was zu einem Rückfall in eine ähnliche braune Barbarei führen könnte, für das Menschenrecht auf Leben in Frieden, nie wieder Faschismus und Krieg. Jugendliche fragen mich oft, was ich empfehle, was man tun kann.

Da sage ich, ich habe keine Rezepte, aber ich erzähle eine kleine Geschichte, die vor einiger Zeit meine Tochter erlebt hat, die alltäglich vorkommen kann. Meine Tochter, eines Abends in der S-Bahn von Duisburg nach Essen. Ein schwarzer Junge, der offenbar nicht wusste, dass das aus dem Automaten gezogene Ticket zu entwerten ist. Er wird kontrolliert. Also Schwarzfahrer, 40 Euro. Der Junge begriff nicht warum, versteht kaum deutsch, hatte auch kein Geld. Meine Tochter zum Kontrolleur: "Sie sehen, er ist hilflos, drücken sie doch bei ihm die Augen zu."

Der Kontrolleur: "Gerade bei ihm nicht!" Er hatte es ja mit einem Schwarzen zu tun. Eine junge Frau neben dran, bekommt es mit, ruft die Insassen auf zu spenden und sammelte das Geld. Die 40 Euro kamen zustande, der Kontrolleur nahm es. Ich erzähle diese Geschichte deshalb: Meine Tochter spürte Unrecht, sie machte den Mund auf. Siehe da, sie engagierte die nebenstehende junge Frau, die wiederum fast alle Insassen mobilisiert. Also, wo Unrecht geschieht, jemand muss den Mund aufmachen! Wenn du den Mund aufmachst, du wirst erfahren, du stehst nicht allein, du findest die Unterstützung anderer Menschen, die das Gleiche empfinden. Du riskiert nicht das, was wir damals riskierten, wenn du heute den Mund aufmachst. Aber mach ihn so rechtzeitig auf, wo auch immer du Unrecht empfindest, so rechtzeitig, damit du morgen nicht das zu riskieren hast, was wir damals riskierten.

Aus der Dankesrede von Martin Löwenberg

Nazis aller Schattierungen stehen für mich außerhalb des Verfassungsrahmens. Jede nazistische Betätigung muss deshalb unterbunden werden. Aus dieser Pflicht entlasse ich niemanden, auch nicht den Staat, seine Polizei und Justiz. Da ich natürlich weiß, dass Verfassungsfragen vor allem Machtfragen sind und staatliche Stellen den Marsch der braunen Mobs zunehmend legitimieren, geradezu Verfassungsrang einräumen, bei gleichzeitiger Diffamierung und Kriminalisierung demokratischer Gegenaktivisten, sage ich: Für mich ist von ausschlaggebender Bedeutung das entschlossene, gemeinsame Handeln vieler demokratischer und antifaschistischer BürgerInnen. Nur diese bilden einen stabilen Damm gegen alle Varianten des Faschismus. Von dieser Stelle aus möchte ich mich bei all jenen bedanken, die in allen Teilen Deutschlands mitbauen an der Errichtung dieses Dammes. Besonders Hoffnung und Kraft gibt mir dabei das Engagement, die Zivilcourage vieler junger Menschen, die den Feinden der Demokratie nicht die Straße und die Köpfe überlassen. Und sich - gleich mir - vor dem Strafrecht nicht fürchten.

In absehbarer Zeit wird es keine antifaschistischen Zeitzeugen der Nazizeit mehr geben. Meine Bitte, ja mein Appell richtet sich insbesondere an die jungen Menschen: Sorgt ihr dafür, dass aus der BRD ein dauerhaftes humanes antifaschistisches Gemeinwesen wird, in dem Nazismus, Rassismus, Nationalismus und Militarismus kein Raum mehr gegeben wird.

Schaut nicht weg, wo Menschenrechte verletzt werden; lasst euch nicht wegnehmen, was noch an demokratischen und sozialen Errungenschaften vorhanden ist, erkämpft von euren Eltern und Großeltern.

Festigt das Band der Solidarität mit den Benachteiligen und Ausgegrenzten in aller Welt. Übernehmt ihr den noch immer zu erfüllenden Auftrag des antifaschistischen Widerstandes, wie er im Schwur von Buchenwald formuliert ist: "Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung, eine neue Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel."


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