unsere zeit - Zeitung der DKP13. Mai 2005

Marxistische Theorie und Geschichte

Hart aber ganz und gar nicht herzlich
Gewalt und Terror ist das Markenzeichen
neofaschistischer Gruppierungen

Dass gewalttätige Skins eine Bedrohung für Leib und Leben von Flüchtlingen, Jüdinnen und Juden, Behinderten, Obdachlosen und Linken sind, ist hinlänglich bekannt. Ebenso, dass faschistische Gruppierungen mit Aussteigern nicht eben zimperlich umgehen. Über Gewalttätigkeiten unter den so genannten "Freien Kameraden" hingegen dringt selten etwas nach außen. Der Hamburger Journalist und Buchautor Andreas Speit setzte sich deshalb mit den internen Strukturen der rechten Szene auseinander. Er kam zu einem erstaunlichen - wenn auch eigentlich logischen - Ergebnis: Die ganze Palette der Gewalt, von verbalen Angriffen über sexuelle Übergriffe bis hin zu Mord, richtet sich nicht nur gegen die "Feinde des deutschen Volkes", sondern auch gegen die eigenen Leute. Speits Recherchen sind in der Broschüre "Mythos Kameradschaft" nachzulesen, die jetzt gemeinsam von der Bildungsvereinigung Arbeit und Leben und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) herausgegeben wurde. "Mythos Kameradschaften" bietet einen spannenden Blick hinter die Kulissen eines ansonsten geschlossenen Systems von Gewalt und Terror.

Mit dem Versprechen des Erlebens einer "verschworenen Gesinnungsgemeinschaft" würden gezielt Jugendliche und junge Erwachsene geworben, schreibt Speit. "

"Allerdings", resümiert der Autor, "wo Gewaltfähigkeit und Gewaltbereitschaft zur Politik und Selbstinszenierung einer Gruppe gehören, bedroht sie nicht nur die ideologisch ausgemachten ´Feinde des Volkes und Vaterlandes`. Sie richtet sich auch gegen die eigenen Kameraden."

"Der vermeintliche Zusammenhalt der Gruppe gefiel mir", schildert z.B. Martin S., der mit 16 Jahren auf diesbezügliche Versprechen einer neofaschistischen Gruppierung reingefallen ist. "Hart und ehrlich dachte ich. Hart ging es dann ja auch zur Sache, aber eben auch untereinander."

Lisa W., die sich als 19jährige der rechten Szene anschloss, begriff schnell, dass Misshandlungen und sexuelle Gewalt gegen Frauen in der Szene alltäglich sind. - übrigens nicht nur gegen Frauen. Schlägereien in den eigenen Kreisen stehen auf der Tagesordnung, dazu reicht eine Ungeschicklichkeit, ein nicht bezahlter Beitrag in die Gruppenkasse oder ein - mitunter absichtlich - falsch verstandenes Wort. Gezielte Intrigen, beispielsweise der Vorwurf, ein Spitzel zu sein oder die Behauptung, eine Liebesbeziehung zu einer Ausländerin zu unterhalten, lassen Gesinnungsgenossen zur Zielscheibe brutaler Gewaltexzesse werden. Das kostete z.B. dem damals 17jährigen Gerd-Roger Bornemann das Leben: Er wurde wegen einer Aussage bei der Polizei in der Nacht zum 3. Februar 1987 von Mitgliedern der "Sport- und Sicherheitskameradschaft Eisernes Kreuz EK1" ermordet.

"Eine Studie, die alle Dimensionen der Gewalt unter Kameraden untersucht, liegt nicht vor", so Speit. "Vielleicht auch, weil eine Tätergemeinschaft als Opfergruppe erscheinen könnte." Diese Vermutung scheint unwahrscheinlich in einem Land, dessen offizielle Geschichtsschreibung auf der Umkehrung von Täter-Opfer-Verhältnissen beruht. Plausibler klingt da die Erklärung der von Speit befragten Ex-Skins: Die Opfer sind häufig selbst als Täter/Täterin in das Netzwerk von Gewalt und Terror nach innen und außen verstrickt und wenig erpicht darauf, dass die internen Gewaltexzesse publik werden. "Man war selbst oft nicht besser", räumt z.B. Aussteiger Patrick B. ein. "Es wird immer vom Recht des Stärkeren gesprochen, da langt man eben auch mal schnell zu." Die Opfer von heute sind die Täter von morgen - und umgekehrt. Die gemeinsamen Taten beinhalten die Schweigepflicht für alle Beteiligten. Zudem greift der allen eingeimpfte Ehrenkodex, den Patrick B. auf den Punkt bringt: "Kameraden schwärzt man nicht an. Erst recht nicht bei den Bullen." Wo kein Kläger, da kein Richter - und keine wissenschaftliche Studie.

Birgit Gärtner


Andreas Speit: Mythos Kameradschaft. Gruppeninterne Gewalt im neonazistischen Spektrum, Braunschweig 2005, 72 Seiten, 5 Euro, erhältlich bei der VVN/BdA (e-mail: bundesbuero@vvn-bda.de) oder Arbeit und Leben (e-mail: info@arug.de).


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