unsere zeit - Zeitung der DKP20. Mai 2005

Feuilleton

Leder, Fackeln, Riefenstahl
Und alle sind sich einig: Rammstein machen keinen Nazirock!
Von Kai Degenhardt

Die mit Abstand erfolgreichste deutschsprachige Rockband aller Zeiten heißt Rammstein.

Bei der diesjährigen Echo-Verleihung erhielten sie die Preise als "Beste Gruppe des Jahres" im Genre New Rock/Alternative und als "Bester Live-Act national". Vom aktuellen Album "Reise, Reise" hatten sie schon nach sechs Monaten weltweit 1,5 Millionen Exemplare verkauft. Im September 2004 veröffentlicht, schoss es direkt auf Platz eins der deutschen und nicht viel später auch der europäischen Albumcharts und blockierte für Wochen in Österreich, Estland, Finnland, Island, Mexiko, Russland und der Schweiz die Spitzenpositionen. In den USA haben Rammstein über die Jahre insgesamt mehr als sechs Millionen Platten abgesetzt. Sämtliche Mainstream-Medien, von "Spiegel" bis "Bravo", berichten darüber vollkommen wertneutral und arglos, als handele es sich dabei um das Normalste von der Welt.

Gegründet haben sie sich 1994. Sechs Musiker, die zuvor in verschiedenen DDR-Combos und ihren Nachfolgeprojekten rumgekrautert hatten, taten sich zusammen und spielten von nun an eine Mischung aus Nazi-Rock à la "Böhse Onkelz", Heavy Metal und Electrobeats. Mit brachial-düsteren deutschen Texten, die zwar nicht explizit rassistisch oder sonstwie neonazistisch waren, von ihrem Sänger Till Lindemann, einem ehemaligen DDR-Auswahlschwimmer, aber bewusst im röhrig-diabolischen Reichsparteitags-Sound dargeboten wurden. Live hantierten sie mit Flammenwerfern, Fackeln und allerlei anderem Feuerzeugs herum und lagen damit voll im Trend. Wir erinnern uns: Bomben auf Bagdad, brennende Asylbewerberheime landauf, landab, die Lichterketten der Anständigen etc.

Der damalige Chef des Hamburger "Motor"-Labels, das Cleverle Tim Renner, entdeckte als Erster das spezielle Potential dieser Performance: Frustrierte und verbitterte Ossis, frisch entlassen aus deutschem Totalitarismus, rocken in Schwarzleder und mit Totenköpfen auf brennenden Bühnen gegen das Elend der zivilisierten Welt an. Also, wenn das nichts war? Man kann sich Renners vor Freude strahlendes Gesicht ausmalen, als die Medien auf genau diese von ihm intendierte Nazi-Provokation ansprangen und in allen Gazetten von den üblen, aber doch streitbaren Teutonenrockern die Rede war. Schließlich gelang es ihm sogar, einen Song der Band in David Lynch´s Kultfilm "Lost Highway" zu platzieren, was ihnen endgültig auch den internationalen Markt öffnete. Mit dem Video zu "Stripped" im Jahre 1998 legten sie programmatisch nach: Das Lied wurde unterlegt mit den ´heißesten´ Szenen aus Leni Riefenstahls Olympia-Film von 1936 - Fackelträger, Speerwerfer - der ganze Stählerne-Körper-Dreck. Um den Affront perfekt zu machen, kommentierte Sänger und Texter Lindemann: "Wir haben die Bilder für künstlerisch wertvoll befunden und sie haben optimal zum Lied gepasst. Man darf Kunst und Politik nicht immer vermischen. Leni Riefenstahl war Künstlerin und wir sind es auch." Die Band macht auch ansonsten gerne auf naiv und verweist auf die grausame Realität, die uns alle umgebe und die sie, Rammstein, ja nur widerspiegeln würden.

Bis heute spielen sie diesen Stiefel. Ihre Lieder heißen "Links 2 3 4", "Bestrafe mich!", "Feuer frei!", die Themen: Inzest, Kinderschändung, Satanismus etc. Ihre Outfits wechseln von Sado-Maso über Schlips und Kragen zu Zwangsjacke und zurück. Auch auf der neuen Platte gibt´s die altbekannten, meterhohen Powerchord-Gitarren-Wände über tumben 4/4-Beats, pathetische Synthie-Streicher, ein bisschen Elektronik und jede Menge gerollte "R"s. Inhaltlich geht´s in einem Stück gegen Amerika, in einem anderen um die ´Hurenstadt´ Moskau. Ansonsten gibt´s Dämonen, Geister, schwarze Feen und den ganzen Mystik-Kitsch inklusive martialischer Todessehnsucht und unerträglichen Machismo-Posen. Live, wenn sie ab Ende Mai wieder in den großen Arenen unterwegs sein werden, kann man dazu dann wieder "Pyrotechnik vom Feinsten" sehen. Das ist ihr Markenzeichen.

Soweit, so ekelhaft. Ist das aber auch faschistisch? Ideologisch Explizites wird ja nicht entäußert. Und was macht faschistische Ästhetik eigentlich aus? Ob die Bandmitglieder bekennende Neonazis sind oder nicht, ist dafür jedenfalls schnurz. Faschismus ist, wie Marxisten wissen, keine eigenständige Gesellschaftsordnung und stellt auch ansonsten keinen konsistenten ideologischen Zusammenhang dar. Der Begriff beschreibt die offen terroristische Herrschaftsform der reaktionärsten Kräfte des Kapitals. Von daher liegt es nahe, dass auch die Ausdrucksformen einer diese Herrschaftsform bekräftigenden Ästhetik auf bestimmte, dafür stimmige Ausprägungen der bürgerlichen Denk- und Kunsttradition zurückgreift. Für sich allein genommen sind diese nur in den seltensten Fällen per se barbarisch oder terroristisch. Der historische Faschismus in Deutschland hat, gerade was seinen Soundtrack angeht, gezeigt - von Wagner über Beethoven bis hin zu nur in Nuancen umgetexteten Liedern aus der Arbeiter- und Jugendbewegung -, was da alles möglich ist. Von einer grundsätzlich faschistischen Ästhetik zu reden, halte ich demnach auch für falsch.

Gleichwohl gibt es textliche und musikalische Spielarten innerhalb dieser, heute sagt man wohl: popkulturellen Gemengelage, die besonders geeignet dafür sind, den Faschismus ideologisch vorzubereiten, ihn straßen- bzw. schulhoffähig zu machen oder seine historischen Legitimationsmodelle nachträglich zu konstatieren. Genau dies betreiben Rammstein. Die von ihnen abgefeierte "Neue Deutsche Härte" - so der offizielle Genrebegriff - steht an jeder Stelle für Überlegenheit und Ausgrenzung. Krieg und Gewalt werden zum schönen Stil erhoben, Schwäche und Gebrochenheit als pathologische und verabscheuenswürdige Andersartigkeiten inszeniert und pseudoironisch vorgeführt. Die ästhetischen Reminiszenzen an die Übermensch-Untermensch-Vorstellungen Nietzsches, die völkischen Fackeleien sowie das unverhohlene In-Szene-Setzen der vermeintlich "schönen" Seiten des deutschen Faschismus sind derart eindeutig und gewollt, dass es sich gar nicht lohnt, darüber länger zu referieren. Die alten und neuen Nazis wissen um diese Verdienste Rammsteins und loben, beispielsweise im NPD-Blatt "Deutsche Stimme", ihren "gelungenen Einbruch in einen ehemals geschlossenen linken oder linksliberalen Kulturbereich".

Inwieweit heute die reale Gefahr einer faschistischen Machtübernahme besteht, muss an anderer Stelle erörtert werden. Was aber die "Faschisierung" des gesellschaftlichen Alltags angeht, so können nicht nur fremdländisch aussehende U-Bahn-Fahrgäste ein grässliches Lied davon singen. Der von Rammstein popmusikalisch verbratene faschistoide Lifestyle liefert hierfür den Resonanzboden. Dass dieser Umstand sowie der gigantische kommerzieller Erfolg der Band keine besondere mediale Empörung mehr hervorruft, sondern vielmehr als "problematisches Spiel mit Symbolen und Zeichen" oder noch flapsiger als "krasses Ding" geadelt wird, zeigt einmal mehr, dass die Neue Rechte ideologisch längst in der so genannten Mehrheitsgesellschaft angekommen ist.


CD: Rammstein -"Reise, Reise" (Universal Music)


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