unsere zeit - Zeitung der DKP12. August 2005

Feuilleton

Kinder an die Macht
Das Kinderbuch "Ede und Unku" in einer
Neuausgabe im Verlag Neues Leben

"´Jetzt könnte Vater aber da sein, heute ist doch Freitag!´ sagte Frau Sperling, mehr zu sich selbst als zu ihren Kindern, und drehte nochmals die Bratkartoffeln in der Pfanne um. Dann wischte sie sich ihre rissigen Hände am Küchenhandtuch ab, versteckte es hinter dem gestickten Paradehandtuch und setzte sich, leise seufzend, an den längst gedeckten Tisch.

´Das gute Essen verkommt! Wo Vater bloß steckt?´"

So beginnt einer der Klassiker der internationalen Kinderbuchliteratur, "Ede und Unku" von Alex Wedding. Und schon ist man mittendrin im Leben einer Arbeiterfamilie im Berlin um 1929. Als der Metallarbeiter Sperling an diesem Abend endlich nach Hause kommt, ist er äußerst schlecht gelaunt. Er bringt eine Nachricht mit, die den Familienfrieden erschüttert: er ist entlassen worden. Der brave Mann versteht die Welt nicht mehr: "Ich habe doch immer die Interessen der Firma gewahrt ... Na, und bei dem großen Streik? Wer hat zur Firma gehalten? Der Drehereivorarbeiter Sperling."

Der verehrte Oberpostsekretär a. D. Abendstund, den er um Rat bittet, hat nur markige Sprüche auf Lager: "Wer wirklich arbeiten will, findet auch Arbeit."

Wenn Eltern nicht mehr weiter wissen, müssen sich die Kinder etwas einfallen lassen. Der 12-jährige Ede Sperling hat gleich ein paar Ideen, wie er der Familie helfen könnte. Eine davon funktioniert sogar. Aber nur mit Unterstützung seiner Freunde. Und die sind dem eher kleinbürgerlich denkenden Vater Dorne im Auge: "Erst der Klabunde, dieser Kommunist, und jetzt auch noch mit Zigeunern!" Ede muss ein paar saftige Ohrfeigen einstecken. Doch davon lässt er sich nicht einschüchtern. Vater Sperling wird im Laufe des Geschehens einiges dazulernen müssen.

So handelt diese Geschichte auch von der Infragestellung der autoritären familiären Verhältnisse, von der Emanzipation der Gören, die sich mit List, Intelligenz und Charme durchzusetzen verstehen.

Es ist die Zeit der großen Wirtschaftskrise mit Millionen von Arbeitslosen. Edes Vater ist wegen Rationalisierungen entlassen worden. Die Maschinen sind schuld, glaubt Ede. Der Kommunist Klabunde erklärt ihm dann mit einfachen Worten, wie der Kapitalismus funktioniert. "Die Insel der faulen Fische" heißt das Kapitel über kapitalistische Ausbeutung und wie man sich dagegen wehren kann. "Zusammenhalten, darauf kommt es an", sagt Klabunde, und Ede merkt sich das.

"Ede und Unku" kann man wieder und wieder lesen. Vielleicht, weil das Buch so schwungvoll und lustig geschrieben ist. Die Geschichte ist eigentlich sehr ernst, wird aber mit ansteckendem Optimismus und viel Humor erzählt. Die spannende Handlung wird hauptsächlich von Dialogen getragen, die Sprache ist einfach, aber lebendig und plastisch. So etwas schafft nur ein erfahrener Autor.

Und doch war "Ede und Unku", erstmals 1931 im Malik-Verlag erschienen, ein literarisches Debüt. Grete Weiskopf arbeitete als Stenotypistin, Buchhändlerin und Journalistin in Berlin. Sie war Mitglied der KPD, des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller und des Brecht-Clubs. 1928 hatte sie den Schriftsteller Franz Carl Weiskopf geheiratet. Ihr Pseudonym Alex Wedding wählte sie nach dem Alexanderplatz und dem "Roten Wedding", dem Berliner Arbeiterbezirk, in dem die Handlung spielt.

In ihrem Vorwort zur Neuausgabe von "Ede und Unku" in der DDR berichtete sie über die Entstehung des Buchs. Ihre Figuren wirken auch deshalb so lebensecht, weil sie reale Vorbilder hatten. Die Weiskopfs lebten damals im Norden von Berlin, in Reinickendorf, und die 29-jährige Grete freundete sich mit einem zehnjährigen Zigeunermädchen - Unku, eigentlich Erna Lauenburger - und ihrer Familie an.

"Bald ging Unku - sehr zum Verdruss meiner spießigen Nachbarn - bei mir ein und aus", erzählte sie.

Fasziniert von ihren neuen Freunden, nahm sie selbst "mehr und mehr das Aussehen einer Zigeunerin an". "´Sie sind wohl ´ne Zigeunersche?´ fragte mich dann auch recht tückisch eines Tages die Frau im Tabakladen an der Ecke. ;Ja, das bin ich´, gab ich stolz zur Antwort."

Der Arbeiterjunge Ede, die Klabundes, F. C. Weiskopf und der tschechische Schriftsteller Julius Fucik gehörten ebenfalls zu diesem bunten Kreis.

Als die Weiskopfs nach dem Krieg aus dem amerikanischen Exil zurückkehrten, versuchte Grete herauszufinden, was aus ihren kleinen Freunden geworden war. Ede kam eines Tages zu Besuch, gesund und munter. Unkus Schicksal blieb lange unbekannt, aber für sie und ihre Familie war das Schlimmste zu befürchten. Diese Befürchtungen wurden später von der Forschung bestätigt.

Erna Lauenburger war als "Zigeunermischling" eingestuft, im März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet worden. Von den elf in "Ede und Unku" namentlich erwähnten Sinti hat nur ein Kind überlebt.

Einen Triumph der Mitmenschlichkeit, der Herzlichkeit und der Solidarität hat es in der Realität nicht gegeben.

Nur wenige Medien haben in diesem Jahr an den hundertsten Geburtstag von Alex Wedding erinnert, die übrigens auf dem Friedhof der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde begraben ist. In Wien hat im Juni eine wissenschaftliche Tagung stattgefunden, um die 1905 in Salzburg geborene Autorin als eine "Wegbereiterin der sozialistischen Jugend- und Kinderbuchliteratur" zu würdigen.

Cristina Fischer


Alex Wedding: Ede und Unku. Verlag Neues Leben, Berlin 2005, 128 S., br., 9,90 Euro.


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