unsere zeit - Zeitung der DKP16. September 2005

Feuilleton

Die tollkühnen Abenteuer der Martha D.
Die Tochter des damaligen US-Botschafters über
ihre Jahre im faschistischen Deutschland

Eine junge, politisch naive Amerikanerin kommt in das faschistische Berlin von 1933 und gerät zwischen zwei, wie man heute sagen würde, "totalitäre Doktrinen" - die faschistische und die kommunistische. Nach einem halben Jahr entscheidet sie sich für den Kommunismus. Eine unglaubliche Geschichte? Und doch ist sie passiert.

Martha Dodd war die Tochter des amerikanischen Historikers William E. Dodd, der 1933 von Präsident Franklin D. Roosevelt beauftragt wurde, als Botschafter der Vereinigten Staaten nach Deutschland zu gehen. Sie war damals 24 Jahre alt, hatte englische Literatur studiert und arbeitete als Journalistin.

Ihr erstaunlicher Bericht über ihre vier Jahre in Deutschland erschien 1939 in den USA unter dem Titel "Through embassy eyes" und in England unter "My years in Germany". Er liegt erst jetzt, 66 Jahre nach den beiden Erstausgaben, in vollständiger deutscher Übersetzung vor. 1946 hatte es eine stark gekürzte und zensierte deutsche Fassung des Buchs ("Aus dem Fenster der Botschaft") im SWA-Verlag der Sowjetischen Militäradministration gegeben.

Die zur Zeit der Erstausgabe 30-jährige Martha Dodd konnte als so etwas wie eine Popliteratin, die sich mit Weltpolitik befasste, gelten. Als Augenzeugin im wahrsten Sinne des Wortes lieferte sie detaillierte Porträts führender Nazis, Diplomaten und Journalisten. Noch nie zuvor waren die Amerikaner so dicht dran an den Köpfen der faschistischen Hydra gewesen. Martha Dodd ließ sie tief in die Augen von Hitler, Göring, Goebbels, Ribbentrop und anderer führender Nazis blicken, dazu steuerte sie biographische Details, Gerüchte und psychologische Deutungen bei. Der Erfolg war sensationell. Binnen drei Tagen nach Erscheinen der englischen Ausgabe mussten drei Auflagen nachgedruckt werden. In den USA stand das Buch wochenlang auf der Bestseller-Liste der "New York Times".

Diese Masche müsste auch heute noch ziehen, dachten sich die Leute vom Eichborn Verlag. Die Hitlerwelle rollt, der Führerkult lebt. Und so lautet der neue Titel nun "Nice to meet you, Mr. Hitler", auch wenn ein solcher Satz im ganzen Originaltext nicht zu finden ist. Aber die Strategie hat funktioniert.

Davon abgesehen, und was immer man über die Qualität von Marthas Memorandum, die Tiefgründigkeit ihrer Beobachtungen und die Überzeugungskraft ihrer Analysen kritisch anmerken könnte - ihr Buch ist doppelbödig und subversiv - ein toller Coup.

Sie war "im Grunde klarsichtig und begabt" und hatte "wirklich den Willen, die Welt zu verstehen", wie Mildred Harnack, die als Antifaschistin der "Roten Kapelle" 1943 hingerichtet wurde, über ihre Freundin schrieb.

In ihrem Kapitel über den organisierten antifaschistischen Widerstand in Deutschland hob Martha Dodd besonders die Kommunisten hervor - als "die aktivste, bestorganisierte und militanteste politische Opposition mit einem klaren Programm". Die KPD habe sich "komplett neu organisiert".

Mehr oder weniger offen warb sie auch für die Sowjetunion als wichtigsten potentiellen Alliierten der USA im Kampf gegen Hitlerdeutschland. Sie ging dabei vorsichtig, um nicht zu sagen raffiniert vor, aber ganz nebenbei empfahl sie die Lektüre von Marx, Lenin und Stalin - zur objektiven Meinungsbildung.

Und nicht zufällig steht im Zentrum ihres Buches der begeisterte Bericht über eine Reise in die Sowjetunion, die sie im Sommer 1934 unternahm.

Zugleich war "Through embassy eyes" eine reelle Wahlkampfhilfe für Präsident Roosevelt, der 1940 seine dritte Amtszeit antrat. Die Autorin attackierte seine Widersacher im State Departement, die sie der Zusammenarbeit mit den Nazis beschuldigte, wandte sich gegen den Isolationismus der USA und gegen die Appeasement-Politik von Chamberlain und Daladier. Sie warnte vor der Unterstützung jeglicher faschistischer und rechter Organisationen und Strukturen, vor Antisemitismus und Antikommunismus, vor der Schwächung der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften.

Der Ernst dieser Forderungen kontrastiert mit der Unbekümmertheit, mit der sich Martha Dodd ins weltpolitische Geschehen stürzte und darüber parlierte. Das ist erschreckend, frivol und bewundernswert zugleich.

Man kann es kaum fassen, wie sie zunächst auf die Nazis reinfiel, sich dann leidenschaftlich dem Kommunismus zuwandte und bei alldem wie ein weiblicher James Bond durch die Nachtbars zog, in Drinks rührte, auf Partys tanzte und Männer aufriss. Wie sie mit dem "mephistophelischen" Chef der Gestapo, Rudolf Diels, flirtete - natürlich nur, um ihn auszuhorchen -, sich von Hitlers Auslands-Pressechef Ernst "Putzi" Hanfstaengl beinahe mit dem "Führer" verkuppeln ließ, und wie sie dem Charme des Fliegers Ernst Udet erlag.

Die von Martha Dodd zur Schau gestellte Unbesonnenheit hat etwas Faszinierendes, aber auch etwas Provokatives. Mit ihrer teils echten, teils gespielten Naivität schloss sie das Publikum für ihre Botschaft auf, das zurückgeschreckt wäre, wenn sie sich als Kommunistin oder gar als Agentin Moskaus zu erkennen gegeben hätte.

Denn das Wichtigste musste sie in ihrem Buch tunlichst verschweigen: Ihre große Liebe war seit Anfang 1934 ein sowjetischer Diplomat, Boris Winogradow, dem zuliebe sie sich sogar vom NKWD anwerben ließ. Sie wollte ihn heiraten; er wurde jedoch aus Berlin abberufen und 1938 im Zuge der Stalinschen "Säuberungen" erschossen. Da hatte sich Martha, zurück in den USA, bereits einen amerikanischen Multimillionär geangelt. Der war - o tempora, o mores - auch Kommunist.

Als Roosevelt starb und die Ära McCarthy begann, war Schluss mit lustig. Martha Dodd hatte nun für ihre tolldreisten Abenteuer und gefährlichen Liebschaften teuer zu bezahlen. Vielleicht wäre sie nicht nach Deutschland gegangen, wenn sie gewusst hätte, dass sie bis zu ihrem Lebensende für ihr politisches Engagement würde büßen müssen?

Und hätte ihr Vater, der seriöse, bedächtige und prinzipienfeste Historiker und Demokrat William E. Dodd, 1933 seine diplomatische Mission angetreten, wenn er geahnt hätte, dass sie seine ganze Familie ins Unglück stürzen würde? Kurz nach der Rückkehr aus Deutschland starb seine Frau, die er selbst nur um zwei Jahre überlebte - beide physisch und psychisch ausgebrannt. Ihr Sohn endete als politisch Verfolgter im eigenen Land mit nur 47 Jahren, und die Tochter und ihr Mann wurden von amerikanischen Geheimdiensten als "sowjetische Spione" um den ganzen Erdball gejagt. Die Familie Dodd wurde praktisch ausgelöscht. Das alles waren die Folgen einer scheinbar simplen Entscheidung.

Zu verdanken ist die Wiederentdeckung von Martha Dodds Buch dem Berliner Literaturwissenschaftler Oliver Lubrich, der auch das Nachwort geschrieben hat, in dem er eloquent über die Geschichte des Werks und das Leben der Autorin plaudert. Dabei bleiben allerdings viele Fragen offen. Nicht zuletzt die nach dem Copyright. Bis heute ließ sich kein Rechtsinhaber auffinden, obwohl Martha Dodd, die 1990 in Prag starb, ihre Unterlagen und Manuskripte ordentlich der Library of Congress in Washington vermacht hat.

Cristina Fischer


Martha Dodd: "Nice to meet you, Mr. Hitler!" - Meine Jahre in Deutschland 1933 bis 1937. Nachwort von Oliver Lubrich. Eichborn Berlin 2005, geb., 446 S., 24,90 Euro.


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