unsere zeit - Zeitung der DKP21. Oktober 2005

Innenpolitik

"Putzlappen habe ich noch nie gegrüßt"
Linkes Bündnis erinnerte an die Schlacht vom Nordmarkt.
SDAJ ehrte Opa Wille, der totgeschlagen wurde,
weil er die Nazifahne nicht grüßen mochte

In Dortmund gedachten am Sonntag rund 80 Antifaschisten der Opfer der "Schlacht vom Nordmarkt". Die hatte vor 73 Jahren, am 16. Oktober 1932, stattgefunden. Rund 800 SA-Männer waren damals in ihren braunen Uniformen durch das rote Arbeiterviertel im Dortmunder Norden gezogen. Die Polizei schützte die braune Horde. Diese Provokation konnten sich der kommunistische "Kampfbund gegen Faschismus" und das sozialdemokratische "Reichsbanner" nicht gefallen lassen. Es kam zur Auseinandersetzung zwischen Faschisten, Polizei und den Arbeitern und zum Schusswechsel. Opfer der Polizeikugeln wurden Unbeteiligte: Eine Mutter in ihrer Wohnung und ein ahnungsloser Kirchgänger.

Ein Mahnmal auf dem Nordmarkt erinnert an die Opfer und die Naziprovokation von 1932. Auf der traditionellen Kundgebung des Linken Bündnis Dortmund zog Ulrich Sander, Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN/BdA), den Bogen zum Heute. Er erinnerte an den Neonazi-Mord an dem Familienvater und Punker, Thomas Schulz, am 28. März diesen Jahres. Kurz nach der Tat hatten Neofaschisten allen Demokraten auf Plakaten und ihrer Homepage gedroht: "Wer sich unserer Bewegung in den Weg stellt, der muss mit Konsequenzen rechnen!"

In dem zur Zeit stattfindenden Prozess gegen den 17-jährigen Täter werde versucht, die Auseinandersetzung als unpolitisch darzustellen. Der Verteidiger des Täters hatte in der Presse wahrheitswidrig behauptet, sein Mandant sei verbal attackiert worden, erst dann habe er zugestochen. Ein Messer habe er dabei gehabt, "weil das in der Szene eben so üblich ist." Sander forderte: "Wenn eine Szene bewaffnet und mordbereit in Dortmund wirkt, dann verlangen wir das Verbot ihrer Organisationen und die Bestrafung ihrer Anführer." Das sei eine richtige Antwort auf den Naziterror. "Was wir hingegen nicht gebrauchen können", so Sander, "das ist die jämmerliche Haltung von hohen Stadtbediensteten, die Räume für eine antifaschistische Ausstellung mit den Worten verweigern, sie fürchteten Gegenreaktionen" und könnten den "erhöhten Sicherheitsbedarf" nicht gewährleisten. Mit dieser Begründung hatte die Stadt Dortmund VVN/BdA und IG-Metall Räumlichkeiten für ihre Ausstellung "Neofaschismus in der BRD" verweigert. Das Beispiel zeigt aber auch, dass einer solchen Haltung beharrlich begegnet werden muss. Nach vielfältigen Protesten hat die Stadt Dortmund nun Räume für Dezember und Januar zugesagt.

Am Ende der Kundgebung gab die SDAJ Dortmund dem Nordmarkt, der während des Faschismus Horst-Wessel-Platz hieß, einen neuen Namen. Sie taufte den Platz "Opa-Wille-Platz". Der ehemalige Bergmann und Sozialdemokrat Wille saß oft auf dem Nordmarkt. Er fütterte dort Tauben. Am 1. September 1934 marschierte eine SA-Formation an ihm vorbei. Die Nazis forderten ihn auf, die Hakenkreuzfahne zu grüßen. Opa Wille weigerte sich mit den Worten: "Putzlappen habe ich noch nie gegrüßt." Daraufhin wurde der Rentner von den Faschisten totgeschlagen. Die Umbenennung des Platzes am Samstag war symbolisch. Das Linke Bündnis Dortmund, in dem auch die SDAJ organisiert ist, die VVN-BdA und viele andere werden die Forderung nach ordentlicher Umbenennung des Platzes weiter stellen. Ebenso wie die Forderung nach einer offiziellen Gedenktafel für den ermordeten Punker Thomas Schulz. Sie werden die Stadt, die in aller Regelmäßigkeit Neonaziaufmärsche zulässt und zu schützen weiß, nicht aus der Verantwortung lassen.

Wera Richter


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