unsere zeit - Zeitung der DKP11. November 2005

Politisches Buch

"Kameraden schwärzt man nicht an!"
Über interne Strukturen der rechten Szene

Dass gewalttätige Skins eine Bedrohung für Leib und Leben von Flüchtlingen, Jüdinnen und Juden, Behinderten, Obdachlosen und Linken sind, ist hinlänglich bekannt. Ebenso, dass faschistische Gruppierungen mit Aussteigern nicht eben zimperlich umgehen. Über Gewalttätigkeiten innerhalb der so genannten "freien Kameradschaften" hingegen dringt selten etwas nach außen.

Der Hamburger Journalist und Buchautor Andreas Speit setzte sich deshalb mit den internen Strukturen der rechten Szene auseinander. Er kam zu einem erstaunlichen - wenn auch eigentlich logischen - Ergebnis: Die ganze Palette der Gewalt, von verbalen Angriffen über sexuelle Übergriffen bis hin zu Mord, richtet sich nicht nur gegen die "Feinde des deutschen Volkes", sondern auch gegen die eigenen Leute. Seine Recherchen sind in der Broschüre "Mythos Kameradschaft" nachzulesen, die jetzt gemeinsam von der Bildungsvereinigung Arbeit und Leben und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN/BdA) herausgegeben wurde. "Mythos Kameradschaft" bietet einen interessanten Blick hinter die Kulissen eines ansonsten geschlossenen Systems von Gewalt und Terror.

Mit dem Versprechen des Erlebens einer "verschworenen Gesinnungsgemeinschaft" würden gezielt Jugendliche und junge Erwachsene geworben, schreibt Speit. "Allerdings", resümiert der Autor: "Wo Gewaltfähigkeit und Gewaltbereitschaft zur Politik und Selbstinszenierung einer Gruppe gehören, bedroht sie nicht nur die ideologisch ausgemachten ´Feinde des Volkes und Vaterlandes´. Sie richtet sich auch gegen die eigenen Kameraden."

"Der vermeintliche Zusammenhalt der Gruppe gefiel mir", schildert z. B. Martin S., der mit 16 Jahren auf diesbezügliche Versprechen einer neofaschistischen Gruppierung rein gefallen ist. "Hart und ehrlich, dachte ich. Hart ging es dann ja auch zur Sache, aber eben auch untereinander."

Lisa W., die sich als 19-Jährige einer Skingruppe anschloss, kriegte schnell mit, dass Misshandlungen und sexuelle Gewalt gegen Frauen in der Szene alltäglich sind.

Schlägereien in den eigenen Kreisen stehen auf der Tagesordnung, dazu reicht eine Ungeschicklichkeit, ein nicht bezahlter Beitrag in die Gruppenkasse oder ein - manchmal sogar absichtlich - falsch verstandenes Wort. Gezielte Intrigen, beispielsweise der Vorwurf ein Spitzel zu sein oder die Behauptung, jemand unterhalte eine Liebesbeziehung zu einer Ausländerin oder einem Ausländer, lassen Gesinnungsgenossen zur Zielscheibe brutaler Gewaltexzesse werden. Das kostete z. B. den damals 17-jährigen Gerd-Roger Bornemann das Leben: Er wurde wegen einer Aussage bei der Polizei in der Nacht zum 3. Februar 1987 von Mitgliedern der "Sport- und Sicherheitskameradschaft Eisernes Kreuz EK!" ermordet.

"Eine Studie, die alle Dimensionen der Gewalt unter Kameraden untersucht, liegt nicht vor", so Speit. "Vielleicht auch, weil eine Tätergemeinschaft als Opfergruppe erscheinen könnte." Diese Vermutung scheint unwahrscheinlich in einem Land, dessen offizielle Geschichtsschreibung auf der Umkehrung von Täter-Opfer-Verhältnissen beruht. Plausibler klingt da die Erklärung, der von ihm befragten Ex-Skins: Die Opfer sind häufig selbst als Täter/Täterin in das Netzwerk von Gewalt und Terror nach innen und außen verstrickt und wenig erpicht darauf, dass die internen Gewaltexzesse öffentlich werden. "Man war selbst oft nicht besser", räumt z. B. Aussteiger Patrick B. ein. "Es wird immer vom Recht des Stärkeren gesprochen, da langt man eben auch mal schnell zu." Die Opfer von heute sind die Täter von morgen - oder umgekehrt. Die gemeinsamen Taten beinhalten die Schweigeverpflichtung für alle Beteiligten. Außerdem greift der allen eingeimpfte Ehrenkodex, den Patrick B. auf den Punkt bringt: "Kameraden schwärzt man nicht an. Erst recht nicht bei den Bullen." Wo kein Kläger, da kein Richter - und keine wissenschaftliche Studie.

Birgit Gärtner


Andreas Speit, Mythos Kameradschaft - Gruppeninterne Gewalt im neonazistischen Spektrum, Braunschweig 2005, 72 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 5,- Euro, erhältlich unter bundesbuero@vvn-bda.de und info@arug.de oder telefonisch unter 030/29 78 41 79 (VVN-BdA) und 0531/123 36 42 (Arbeit und Leben).


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