unsere zeit - Zeitung der DKP27. Januar 2006

Hintergrund

Gate Gourmet - wir kommen!
Besuch der Streikenden bei der Konzernzentrale in Zürich
Von Chr. LeMaan

Eine kleine Belegschaft ist zusammen mit ihrer Gewerkschaft NGG unversehens aus einem Tarifstreit in eine harte Auseinandersetzung um den Kapitalismus an sich geraten: Seit Oktober 2006 stehen die KollegInnen von Gate Gourmet (GG) in Düsseldorf im unbefristeten Streik. Sie brauchen dringend aktive Unterstützung und Solidarität. Hier der Bericht und die Hintergründe ihrer Reise zum Protest vor der Konzernzentrale in Zürich.

Montag, 16. Januar, 0.30 Uhr nachts: Am Düsseldorfer Flughafen steht schwach beleuchtet ein Bus. Seltsam weit abseits der Terminals im Dunkel der Frachthallen. Vor Halle 8a. Hier steht das Zelt der Streikenden von Gate Gourmet. Und genau diese steigen zu Dutzenden in den Bus, der um 1 Uhr Kurs auf Zürich nehmen wird. Heute, am 102. Streiktag, ist ein "Besuch" der Zentrale des weltweit zweitgrößten Catering-Konzerns angesagt.

Die KollegInnen sind stinksauer

Die Kolleginnen und Kollegen, die nach und nach eintrudeln, sind sauer! Stinksauer! Der Konzern verweigert die Verhandlungen über Tariferhöhungen. Die Forderungen nach einer 4,5-prozentigen Steigerung der Löhne werden kategorisch abgelehnt und stattdessen der Belegschaft Verzicht abverlangt. Verzicht auf Lohnerhöhung, Verzicht auf Weihnachtsgeld, Verzicht auf Freizeit, Verzicht auf eigene Lebensplanung. Verzicht, Verzicht, Verzicht. Aber nachdem bereits in den vergangenen zwei Jahren die Arbeitsbedingungen sich derart dramatisch verschlechterten, dass mittlerweile ein Kollege das Tagewerk von ehemals zwei KollegInnen erledigen muss, brachten die unverschämten Forderungen der Konzernleitung das Fass zum Überlaufen. Die Beschäftigten von Gate Gourmet entschieden sich mit 93,8 Prozent für Streik.

Der Gegner heißt Raubtierkapitalismus

Doch es kam noch härter: Einige Wochen nach Streikbeginn kam es zu einer Verhandlungsrunde unter Vorsitz eines Schlichters der Landesregierung. Nach zähen und harten Gesprächen wurde ein Kompromiss gefunden. Doch bereits am nächsten Morgen entzog der "Finanzinvestor" Texas Pacific Group (TPG) aus Houston/Texas, der Gate Gourmet (GG) aufgekauft hatte, dem GG-Management die Verhandlungskompetenz und annullierte dieses Ergebnis kurzerhand. Selbst der CDU-Schlichter war fassungslos. So etwas Abgebrühtes hatte er in seiner ganzen Laufbahn noch nicht erlebt.

Und nicht genug damit: Bei den nächsten Verhandlungen trat Gate Gourmet nicht mehr alleine auf, sondern mit Rechtsanwalt Leuchten aus München, der per telefonischer Standleitung nach Houston/Texas während der Verhandlung permanenten Kontakt zur TPG hatte. Dieses "Gespräch" endete mit einem knallharten Affront von Seiten der TPG: "Statt irgendwelcher Lohnerhöhungen, 10 Prozent Kosteneinsparung! Und das sofort!" - RA Leuchtengilt als berüchtigter Betriebskiller, seit er für TPG bereits das angesehene Unternehmen Grohe in Deutschland ausgepresst und dort Tausende von Arbeitsplätzen vernichtet hat.

Und so kam es, dass sich für die kleine, aber um so mutigere Düsseldorfer Belegschaft der Tarifstreit unversehens in einen Kampf gegen den Raubtierkapitalismus entwickelte. Es geht um Lohnerhöhungen und um den prinzipiellen Widerstand gegen das kapitalistische System und die Unersättlichkeit von Profitvampiren à la TPG.

Wie funktioniert Private Equity Capital?

Ca. 300 Menschen besitzen die Hälfte des Weltvermögens. Diese gigantische Kapitalmenge rast permanent rund um den Erdball auf der Suche nach neuen Mehrungsmöglichkeiten. Aktueller Clou, der Profite von 20, 30 und mehr Prozent - nach Steuern, versteht sich! - verspricht, ist das Aussaugen gut funktionierender Firmen wie Grohe bzw. Gate Gourmet. Das wird organisiert über so genannte Private Equity Fonds wie TPG. Es handelt sich um Privatfonds, in denen unabhängig vom allgemeinen Banksystem, privates Geld eingesammelt und "investiert" wird.

Und das geht so: Der Fonds kauft vor dem Hintergrund der Milliarden und Abermilliarden seiner privaten Einleger gutgehende Firmen. Dieser Kauf wird nicht als Barkauf deklariert, sondern als Kredit. Die Kaufsumme wird dem gekauften Unternehmen in voller Höhe als Kredit aufgebürdet, den es innerhalb kürzester Zeit inklusive sämtlicher anfallender Zinsen etc. tilgen muss. Gleichzeitig müssen natürlich zudem satte - in der Regel zweistellige - Profite an die neuen Besitzer abgeführt werden. Sind die Kredite dann getilgt, dann verkauft der Fonds die Firma weiter, meist zum Mehrfachen des Einkaufspreises, versteht sich. Der Verkaufserlös ist nun in vollem Umfang Netto-Profit, den sich die privaten Kapitalgeber einsacken.

Auf der Strecke bleiben bei diesem System die Beschäftigten. Sie werden den Kettenhunden von McKinsey und Roland Berger vorgeworfen, um aus ihnen das Geld für die Tilgung des Kredits, die Zinsen und der gewünschten zusätzlichen Jahresprofite rauszupressen. Dabei werden Tausende auf die Straße geworfen, der verbleibende Rest muss das Gesamtvolumen alleine bewältigen. Die Arbeitszeiten werden hochgeschraubt, die Löhne und Gehälter gekürzt. Sozialleistungen, Pausenzeiten, Toilettengänge und anderer "überflüssiger Schnickschnack" fallen dem Rotstift zum Opfer. Doch im Fall von Gate Gourmet am Düsseldorfer Flughafen ging die Rechnung nicht auf. Die KollegInnen traten in den unbefristeten Streik und leisten seit Oktober 2005 erbitterten Widerstand.

Alleine ist dieser Kampf nicht zu bestehen

Doch zurück zum Besuch der Konzernzentrale in der Schweiz durch die Streikenden am 16. Januar 2006. Im Bus nach Zürich ist die Stimmung gut. Es wird gekartelt, was das Zeug hält. Keine Spur von Niedergeschlagenheit oder Resignation. Die Frauen und Männer aller Altersgruppen und vieler Nationalitäten scherzen miteinander, tauschen aktuelle Neuigkeiten aus, schauen neugierig in die im Bus ausliegende UZ und lesen das soeben in hoher Auflage erschienene erste Info des Düsseldorfer UnterstützerInnenkreises. So locker und entspannt sie alle auch sind, die Entschlossenheit gegenüber den Konzernherren steht deutlich spürbar im Raum: Die Streikenden sind sich ihrer Situation bewusst. Sie wissen, dass sie einem mächtigen Gegner gegenüber stehen und dass der Kampf hart werden wird.

Doch sie wissen auch, sie können den Kampf alleine nicht bestehen. Sie brauchen Solidarität. Entsprechend freuen sie sich über den Bericht aus Berlin von der Solidarität der TeilnehmerInnen der Luxemburg-Liebknecht-Demonstration und der Veranstaltung des DKP-Parteivorstands am Vorabend der Demonstration. Mit großer Freude werden die Informationen aufgenommen über die Soli-Aktionen, mit denen parallel zu ihrer Reise nach Zürich in Berlin die Flugschalter des GG-Hauptkunden, des LTU-Konzerns, in Berlin dichtgemacht werden. Noch immer sind sie begeistert über die Aktionen der Düsseldorfer und Kölner UnterstützerInnen am 100. Streiktag, bei denen die LKW´s der Streikbrecher blockiert und sechs Langstreckenflüge nicht mit Lebensmitteln versorgt werden konnten; ein LKW wurde in einer verzweifelten Aktion auf Druck der Geschäftsleitung kaputt gefahren, durch die unversorgten LTU-Flugzeuge entstand großer Druck auf Gate Gourmet. Die Fotos ihrer Demonstration über das Flughafengelände - ebenfalls am 100. Streiktag - werden herumgereicht.

Und dann erreicht der Bus den Züricher Flughafen. Die Transparente und Fahnen werden ausgepackt. Unübersehbar das dunkelrote Haupttransparent: "Streik bei Gate Gourmet für Gerechtigkeit und Menschenwürde!" Noch während des Ausladens biegt ein Demonstrationszug Züricher UnterstützerInnen um die Ecke: "Solidarität mit den Streikenden" lautet die Losung. Die Streikenden applaudieren spontan und gruppieren sich für Erinnerungsfotos unter Hammer und Sichel des Transparentes der UnterstützerInnen.

Der GG-Konzern igelt sich ein

Auf der Auftaktkundgebung sprechen ein Vertreter der NGG und ein Schweizer Gewerkschaftsvertreter: "Der Kampf gegen das globale Kapital ist nur mit globaler Solidarität zu gewinnen!" Und los geht es zum Catering-Center des Konzerns. "Wer heute sagt zum Streik noch nein, wird morgen ohne Arbeit sein!" schallen die Sprechchöre über das Firmengelände. Die Züricher Beschäftigten haben Kontaktverbot, kaum jemand wagt ein schüchternes Winken aus dem Fenster, der Eingang ist mit einem scharfen Hund gesichert, die Polizei steht im Hintergrund parat. Eine Solidaritätserklärung der Züricher GenossInnen des "Kommunistischen Aufbau Schweiz" wird verlesen und stellt den Zusammenhang mit den derzeit laufenden Streiks bei AEG und den Hafenarbeitern her. Weiter geht es, die Demonstration zieht über das Flughafengelände zur Europa-Zentrale des Gate-Gourmet-Konzerns. "Siegel komm raus!" fordern die KollegInnen den Boss auf. Doch er zeigt sich nicht. Stattdessen auch hier Kontaktverbot. Niemand wagt auch nur einen Blick aus dem Fenster.

Dieser Kampf ist unser Kampf

Statt des US-amerikanischen Konzernchefs spricht ein anderer US-Bürger zu den Streikenden, der Vorsitzende der internationalen Lebensmittelgewerkschaft, Ron Oswald: "Trotz meines texanischen Stetson kämpfe ich an eurer Seite gegen Cowboy-Kapitalismus." Axel Köhler-Schnura spricht für die DKP Düsseldorf und den Düsseldorfer UnterstützerInnenkreis. Unter Beifall stellt er fest: "In diesem Kampf gegen einen übermächtigen Gegner braucht ihr verlässliche FreundInnen, die euch zur Seite stehen. Am Samstag ist es gelungen, die Versorgung mehrerer Langstrecken-Maschinen zu verhindern. Ich denke, ich liege nicht daneben, wenn ich behaupte, dass im weiteren Verlauf eures Streikes noch viele Flugzeuge ohne Lebensmittel auf die Reise gehen werden. Das ist die einzige Sprache, die das Kapital versteht. Euer tapferer Kampf ist unser Kampf! Ihr zieht auch für unsere Rechte und Interessen in den Kampf. Vielen Dank für euren Mut und euren Einsatz!"

Im Bus auf der Heimreise werten die KollegInnen die Aktionen in Zürich als vollen Erfolg. Von den bevorstehenden Verhandlungen erwarten sie nichts. Sie machen sich vielmehr Gedanken, wie sie den Kampf gegen die Blutsauger von TPG ausweiten und eine Demonstration in London vor der Europa-Zentrale von TPG oder gar in Houston vor dem TPG-Headquarter organisieren können.


Letzte Nachrichten

¤ Die Verhandlungen am 19./20. Januar blieben ohne Ergebnis. ¤ Der nächste Verhandlungstermin ist am 2. Februar. ¤ Mit Blockaden der Gate-Gourmet-LKWs am Flughafen (siehe Foto) versucht die kleine Düsseldorfer Belegschaft zusammen mit UnterstützerInnen Druck auf den Konzern zu machen, der als einer der ganz großen und ganz brutalen Global Player gilt. ¤ Am 14.1. wurde eine mehrstündige Blockade in Düsseldorf von der Polizei beendet. ¤ Am 16. 1. erschien in hoher Auflage eine vierseitige UnterstützerInnenzeitung, die auch der Obdachlosenzeitung fiftyfifty beigelegt wurde. ¤ Die SDAJ führte am 21.1. zusammen mit anderen Kräften erfolgreich eine "Jugendblockade" durch. ¤ Die Belegschaft von Gate Gourmet braucht weiter Solidarität. ¤

Besonders hilfreich sind gewerkschaftliche Maßnahmen. Fordert und organisiert nach dem BetrVG zulässige "Informationen des Betriebsrates", diskutiert in allen Gewerkschaften über gewerkschaftliche Soli-Maßnahmen. Insbesondere auch solche, die über Briefe und Geldsammlungen hinaus gehen. Neben NGG ist ver.di im Bereich Gate Gourmet verankert. Auch bei ver.di sind Soli-Aktivitäten wie "Dienst nach Vorschrift" etc. möglich und auch dringend nötig. Flugblatt- und Infotexte gibt es beim UnterstützerInnenkreis Düsseldorf.

Kontakt: Düsseldorf: Arbeitsloseninitiative, Hartmut Lohse, Flurstr. 45, 0211-66 91 21, E-Mail: axel@koehler-schnura.de, Internet: www.gg-streik.net

Besuche: Streikzelt vor Halle 8a (LTU-Halle) im Frachtbereich des Düsseldorfer Flughafens

Bitte über alle Maßnahmen, Aktionen etc. Infos, Fotos etc. an axel@koehler-schnura.de


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