unsere zeit - Zeitung der DKP10. März 2006

Das Thema

Zwischen Angst und Heldentum
Frauen aus Deutschland in der französischen Résistance -
eine beeindruckende Dokumentation von Ulla Plener

Etwa tausend deutsche Antifaschisten haben nach Angaben des "Verbandes Deutscher in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung Freies Deutschland" (DRAFD) an den Kämpfen der Résistance teilgenommen. Unter ihnen waren viele Frauen. Deshalb sei "die bislang männlich dominierte Geschichtsschreibung unverständlich", wie Hans Daniel in seiner Rezension des vorliegenden Buches in der "jungen Welt" urteilte.

Erstmals werden hier nun 83 Frauen aus Deutschland namentlich benannt und mit Kurzbiographien bzw. in 27 Fällen ausführlicher vorgestellt. Dass die Mehrheit von ihnen der KPD angehörte, ist kein Zufall.

Schon in den 30er Jahren hatten sich emigrierte deutsche Kommunisten auf verschiedenste Weise in der antifaschistischen Arbeit in Frankreich engagiert. Nach Beginn des Krieges wurden die meisten von ihnen in Lagern interniert, darunter auch Genossen des ZK der KPD wie Franz Dahlem, Paul Merker und Siegfried Rädel. Im August 1940 wurde daher in Toulouse die neue illegale Leitung der KPD in Frankreich gebildet, der Otto Niebergall, Paul Grasse, Wilhelm Knigge, Adolf Pöffel, Walter Vesper und Erna Stahlmann (Illner) angehörten. Die Westleitung der KPD zog die deutschen Genossinnen und Genossen, die sich in Frankreich befanden, systematisch zur Teilnahme an der Résistance heran und erarbeitete dafür Strategien und Organisationsformen.

Bei der Vorstellung des Buches in der Inselgalerie Berlin kritisierte die Herausgeberin Ulla Plener, die historische Forschung der DDR sei auf den kommunistischen Widerstand "eingeengt" gewesen, und der Widerstand von Frauen sei viel zu wenig gewürdigt worden.

Jedoch stützt sich ihre Dokumentation in nicht unerheblichem Maß auf Archivmaterial, das zu DDR-Zeiten gesammelt wurde, darunter einen Fundus von Erinnerungen deutscher Antifaschisten aus der französischen Résistance, der heute im Bundesarchiv in der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR (SAPMO) in Berlin aufbewahrt wird.

Dass die Geschichtsschreibung im allgemeinen von männlichen Helden dominiert war und ist, lässt sich nicht bestreiten. Das trifft auch auf die DDR zu. Aber immerhin sind dort Autobiographien von Résistance-Aktivistinnen wie Lore Wolf, Lilli Segal und Lisa Gavric erschienen, ebenso wie Dora Schauls Standardwerk "Résistance. Erinnerungen deutscher Antifaschisten" von 1973 (darin stammen von 35 Zeitzeugenberichten allerdings nur fünf von Frauen). Die Autorin etablierte sich damit Plener zufolge in der DDR als "eine der offiziell anerkannten Historiographinnen des deutschen Widerstands in Frankreich".

In diesem Buch nannte Otto Niebergall die Namen der Genossen, die die Parteiarbeit der deutschen Kommunisten in Toulouse besonders unterstützten: Walter und Friedel Brix, die Brüder Kukowitsch und Rina (Katharina) Weber. "Zu den aktiven Mitarbeitern gehörten außerdem: Kurt Bachmann, Thea Beling, Käthe Dahlem, Else Fugger, Willi Knigge, Luise Kraushaar, Willi Kreikemeyer, Rudi und Maria Wascher, Genossin Wieland und andere." Das sind immerhin acht Frauen neben sieben Männern.

Die Ausgangssituation für die Beteiligung der deutschen Antifaschisten an der Résistance war höchst kompliziert. Viele mussten nach der Besetzung Frankreichs schnellstmöglich das Land verlassen, um ihr Leben zu retten, andere waren interniert. Ein wichtiger Teil der Parteiarbeit war daher die Unterstützung der politischen Gefangenen und der Genossen, die sich auf der Flucht befanden.

Zugleich wurde der offene und verdeckte Widerstand gegen die Wehrmacht organisiert. Den Genossen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kam dabei eine besondere Verantwortung zu.

Im September 1940 wurde die "Travail allemand" ("deutsche Arbeit", abgekürzt TA) ins Leben gerufen, unterstützt von der M.O.I. (Main d´Oeuvre Immigrée), einer Dachorganisation aller kommunistischen Emigrantengruppen in Frankreich. Ihre Aufgabe bestand darin, die deutschen Soldaten von der Sinnlosigkeit des Krieges zu überzeugen, Verbündete unter ihnen zu gewinnen, eine Friedensbewegung in der Wehrmacht zustande zu bringen und Sabotageakte in kriegswichtigen Bereichen zu verüben bzw. zu initiieren.

Einigen Antifaschisten gelang es, als Franzosen getarnt Anstellung in den Behörden der Wehrmacht zu finden, wo sie Informationen sammelten.

Für die Frauen hieß "Travail allemand" vor allem, an öffentlichen Orten deutsche Soldaten anzusprechen, unauffällig ihre Gesinnung zu prüfen, sie auszuhorchen, wenn möglich zu beeinflussen und für die Zusammenarbeit zu gewinnen - eine von den Aktivistinnen gelegentlich "als ´Scheißarbeit´ bezeichnete Tätigkeit", wie die österreichische Kommunistin Lisa Gavric in ihren Erinnerungen schrieb.

Sie berichtete dort aber auch, dass in der Wehrmacht "jeden Morgen in den Instruktionsstunden mit großer Nervosität vor den kommunistischen Spioninnen gewarnt wurde, die sich in Paris herumtrieben, zur Desertion und Sabotage aufforderten und die Wehrmacht mit ihrer Gräuelpropaganda zersetzen wollten".

Die "Travail allemand" erforderte psychologisches Geschick und permanente Aufmerksamkeit. Sie war mit großen nervlichen Belastungen verbunden. "Angst, natürlich hatte ich Angst", gestand Dora Nickolay (Zeitz) später, "Oft sogar. Und wer behauptet, er hatte keine Angst, der lügt."

Die dauernde Anspannung führte bei der selbstbewusst auftretenden Frau nach dem Ende der Okkupation zum Nervenzusammenbruch: "Als wir im Sommer 1944 gesiegt hatten, weinte ich vierzehn Tage lang. Ich konnte nicht erklären, warum ich weinte."

Die ausführlichen Porträts der 27 Antifaschistinnen in der vorliegenden Broschüre stammen von verschiedenen Autoren, teilweise aus früheren Publikationen und beschränken sich zumeist auf die Darstellung der Zeit bis 1945.

Der Leser begegnet Frauen wie Martha Berg-André, der Witwe von Etgar André, Lore Wolf, einer Freundin von Anna Seghers, Ettie und Fanny Gingold, Lya Kralik, der Frau von Hanns Kralik, Lilli Segal, der späteren namhaften Biologin der Humboldt-Uni, und Dorothee Koestler, der Frau von Arthur Koestler.

Er liest erschütternde Geschichten wie die von Paula Rueß, die später der DKP und dem VVN angehörte. Sie zog die illegale Arbeit in Frankreich der Emigration nach Mexiko vor und bezahlte diese mutige Entscheidung teuer: sie verlor ihr Baby und wurde nach Ravensbrück deportiert.

Sieben der 27 Frauen ließen im Widerstand ihr Leben, darunter die Artistin Käthe Voelkner, die bei der Verkündung ihres Todesurteils gesagt haben soll: "Ich bin glücklich, ein paar Kleinigkeiten für den Kommunismus getan zu haben!" Sie wurde im Juli 1943 enthauptet. Auch Johanna Kirchner (SPD), Ruth Österreich (SAP) und Irene Wosikowski (KPD) wurden hingerichtet. Lenchen Weber (SPD) wurde im KZ Ravensbrück erschossen.

Neben den politisch organisierten Frauen gab es jene, die sich spontan engagierten, wie die Journalistin und Fotografin Doris von Schönthan (Salomon), "die zu den schillerndsten Figuren der Berliner Künstlerszene vor 1933 gehörte". Sie war die "Muse" des Schriftstellers Franz Hessel, befreundet mit Klaus und Erika Mann, Ruth Landshoff-York und Alfred Kantorowicz. Ihre politische Einstellung erschien "ausgesprochen vage", aber nach dem Machtantritt der Nazis wurde sie zur aktiven Antifaschistin.

Die Entstehung dieses Buches steht im Zusammenhang mit der von der DRAFD 1996 konzipierten Ausstellung "Deutsche in der Résistance", zu der Ulla Plener ergänzend eine Text- und Anschauungsmappe über die darin zu wenig berücksichtigten Frauen erarbeitete.

Sie hat zudem einen ganz persönlichen Zugang zum Thema: ihre Mutter, die Kommunistin Marie-Luise Plener, war in der "Travail allemand" tätig.

Natürlich konnte Ulla Plener nur noch wenige Zeitzeuginnen befragen. Zu den letzten noch lebenden deutschen Frauen der Résistance gehört Henny (Henriette) Dreifuß (Düsseldorf), die jüngst auch in der Fernseh-Dokumentation "Frankreichs fremde Patrioten" (ARTE) interviewt wurde.

In ihrem Vorwort erklärt die Herausgeberin, sie erhebe nicht den "Anspruch einer systematischen oder gar vollständigen Darstellung". Trotzdem verwundert es, schon bei flüchtiger Durchsicht der Sekundärliteratur auf Namen von Frauen zu stoßen, die in ihrer Dokumentation fehlen. Dafür nur einige Beispiele.

Barbara Vormeier beschreibt in ihrem Aufsatz, "Les femmes allemandes dans la résistance francaise" (erschienen 2003 in dem Band "Les Femmes dans la Résistance en France" im Ergebnis eines internationalen Kolloquiums 2001 in Berlin), ausführlich die Tätigkeit einer deutschen Kommunistin in der Résistance, Maria Weiterer, die bei Plener in dem Artikel über Genia Nohr einmal namentlich erwähnt wird, aber nicht in die Kurzbiographien aufgenommen wurde. Maria Weiterer war die Gefährtin von Siegfried Rädel, einem der führenden Funktionäre der KPD in Frankreich, und leitetete den Sozialausschuss der Partei.

Otto Niebergall berichtet, Kontakt zum Politbüro der FKP hätten damals die deutschen Kommunistinnen Herta Birkenhauer, Fanny Gingold, Erna Stahlmann (Illner) und später auch Edith Zorn (Hauser) gehalten. Weder Herta Birkenhauer noch die von Niebergall ebenfalls erwähnte Genossin Wieland kommen in dem Buch von Ulla Plener vor.

Auch Lisa Fittko ("Mein Weg über die Pyrenäen") wäre zu nennen gewesen, die zusammen mit ihrem Mann Hans Flüchtlingen wie Walter Benjamin über die französisch-spanische Grenze half.

Die dem Andenken der im Lager Rieucros gefangenen Frauen gewidmete Internetseite führt den Namen der in Berlin geborene Catherine Peiser geb. Wegner auf, die im Sommer 1941 in Marseille für de Gaulle agitierte, bevor sie in die USA emigrierte.

Und Mechtild Gilzmer berichtet in ihrem Buch "Fraueninternierungslager in Südfrankreich" u.a. über die Schauspielerin Marina Strasde (1897-1949), KPD, die in der CALPO tätig war.

Die Kurzbiographien der Frauen sind in ihrer Ausführlichkeit und Präzision sehr unterschiedlich gehalten, wobei nicht immer der Forschungsstand ausschlaggebend war. Das hat sich "aus den herangezogenen Quellen und /der/ Literatur", d. h. den verwendeten Lexika, ergeben, wie Ulla Plener schreibt, ist aber nicht recht nachvollziehbar.

Die Kurzbiographie von Dora Schaul, der - ebenso wie Käthe Dahlem - leider kein längerer Beitrag gewidmet ist, erwähnt ihre wichtige, im Text und in Fußnoten immer wieder zitierte Publikation über die Résistance nicht. Das ist auch deshalb bedauerlich, weil das Buch zwar ein Namens-, aber kein separates Literaturverzeichnis enthält, das Interessenten die weitere Beschäftigung mit dem Thema erleichtert hätte. Diesen bleibt nur, sich die Sekundärliteratur und die Archivquellen mühsam aus den Fußnoten zusammenzusuchen.

Die Angaben über die Künstlerin Doris Kahane fallen aus unverständlichen Gründen äußerst knapp aus. Ebenso verwunderlich, dass die Kurzbiographie von Reina Melis keinen Hinweis auf ihre Verbindung mit Ernst Melis, dem derzeitigen Vorsitzenden der DRAFD, gibt (sie war seine Frau).

Nicht immer sind die Formulierungen hinreichend präzise, wenn es etwa über Mira Kugler heißt, sie habe nach dem Krieg zunächst in der DDR gelebt, "wo sie der Repression unterworfen wurde".

Trotz dieser Anmerkungen: ein informatives, beeindruckendes, spannendes Buch, unverzichtbar für alle an der Geschichte des antifaschistischen Widerstands und speziell der Résistance Interessierten - zugleich ein Lesebuch über mutige Frauen, ansprechend illustriert mit vielen teils farbigen Reproduktionen u. a. von Porträtfotos und Abbildungen von Dokumenten. Es sollte unbedingt im Schulunterricht verwendet werden.

Der Druck wurde durch Spenden u. a. von PDS- und VVN-BdA-Gruppen sowie von Einzelpersonen wie Lothar Bisky und Gerhard Leo ermöglicht.

Cristina Fischer


Ulla Plener (Hrg.): Frauen aus Deutschland in der französischen Résistance. Eine Dokumentation. edition bodoni, Berlin 2005, 220 S., br., 19,80 Euro.

Les Femmes dans la Résistance en France. Editions Tallendier, Paris 2003, 430 S., br., 22 Euro.

Mechtild Gilzmer: Fraueninternierungslager in Südfrankreich. Rieucros und Brens 1939-1944. Orlanda Frauenverlag Berlin 1994, 221 S., br.

Gottfried Hamacher u. a.: Gegen Hitler. Deutsche in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung "Freies Deutschland". Kurzbiografien (Reihe: Manuskripte/Rosa-Luxemburg-Stiftung; Bd. 53), Dietz Verlag Berlin, 2005. (Download im Internet unter www.rosalux.de, Reihe Manuskripte)

Friedrich Pospiech: "Unbelehrbar auf der Wahrheit Beharrende ..." - Paula und Hans Rueß. Zwei Leben im Widerstand gegen Krieg und Faschismus. Pahl-Rugenstein Verlag Nachf., Bonn 2002, 264 S., m. zahlr. Fotos, Dok. u. Faks., 15,- Euro.

Ulla Plener hat im vergangenen Jahr auch die Tagebücher und Briefe von Max Hoelz aus Moskau 1929 bis 1933 ediert ("Ich grüße und küsse Dich - Rot Front!"). In Kürze erscheint im Dietz-Verlag ihr zusammen mit Natalia Mussienko herausgegebenes Buch "Verurteilt zur Höchststrafe: Tod durch Erschießen", eine kommentierte Liste der 534 beim "Großen Terror" in der Sowjetunion 1937/38 hingerichteten Deutschen.


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