unsere zeit - Zeitung der DKP5. Mai 2006

Feuilleton

Diffamierung im Bundestag
Entschuldigung für den Vergleich Brechts
mit dem Faschisten Horst Wessel ist überfällig

Am 9. Mai 1957 befasste sich der Deutsche Bundestag mit dem Dichter und Dramatiker Bert Brecht. Nicht etwa mit der Absicht, ihn zu ehren und sein bedeutendes Werk zu würdigen, sondern ganz im Gegenteil, um ihn durch die Mehrheit des "Hohen Hauses" in übelster Weise zu diffamieren. Der Außenminister Heinrich von Brentano, ein Paladin Adenauers und dessen Politik der Stärke und des Alleinvertretungsanspruchs gegenüber der DDR, erklärte: "Ich bin wohl der Meinung, dass die späte Lyrik des Herrn Bert Brecht nur mit der Horst Wessels zu vergleichen ist. Ich bin nicht in der Lage und habe nicht die Absicht, Mittel des Kulturfonds zur Verfügung zu stellen, um den Politiker Bert Brecht im Ausland zu fördern." Das Protokoll vermerkt: "Erneuter Beifall in der Mitte."

Wer war dieser dubiose Horst Wessel? Er trat bereits 1926 der Hitler-Partei bei, wurde 1929 SA-Sturmführer, schrieb den Text zum Horst-Wessel-Lied, das zur offiziellen Parteihymne der NSDAP, nach 1933 zur zweiten deutschen Nationalhymne wurde. Nach seiner Ermordung 1930 aus dem Zuhältermilieu wurde er von der Nazi-Propaganda als Held und Märtyrer gefeiert.

Und was waren Anlass und Ursache für den skandalösen Vergleich? Der Bundestag befasste sich mit dem "Einzelplan 05, Geschäftsbereich des Auswärtigen Amtes". Dieser hatte dessen Kulturpolitik zum Inhalt, und mit der war es schlecht bestellt, obwohl Kanzler Adenauer wiederholt gefordert hatte: "Kein Land hat es nötiger, seine Verbindungen mit dem Ausland zu pflegen, als Deutschland." Zwischen Anspruch und Wirklichkeit gab es allerdings einen großen Gegensatz. Nach fast acht Jahren Bestehen der BRD verfügte sie nur über 19 Kulturattaches gegenüber 24 Stäben von Militärattaches in den Ländern, mit denen es diplomatische Beziehungen gab. Der Remilitarisierung galt das vorrangige Interesse der Adenauer-Regierung und nicht der Förderung von Kultur im In- und Ausland. Für die gesamten kulturellen Aufgaben der BRD im Ausland wurden lediglich 17 Millionen DM in einem Jahr zur Verfügung gestellt. Dies entsprach dem Beitrag für die Weltausstellung in Brüssel.

Damals gab es zwei Deutschland, und das andere Deutschland, die DDR, hatte den Alleinvertretungsanspruch der Kalten Krieger auch auf kulturellem Gebiet durchbrochen. Der Außenminister musste es in seiner Rede an einem Beispiel selbstentlarvend eingestehen: "Es gibt in Italien und Rom leider einen großen Teil von Menschen, die eindeutige Kommunisten sind, Leute, die die volle Unterstützung der Sowjetunion und sämtlicher kommunistischer Staaten genießen, Hochschul- und Universitätsprofessoren, Menschen, die im öffentlichen Leben stehen, die natürlich in der Lage sind, dort Kulturpolitik zu treiben, und die eben in der Lage sind, dieses ´Centro Thomas Mann´ zu gründen und andere Dinge mehr. Meine Damen und Herren, da werden wir niemals konkurrieren können."

In diesem Zusammenhang gesehen war die Diffamierung Brechts zugleich ein Racheakt für eine erlittene Niederlage und große Blamage. Das in Rom errichtete Kulturzentrum "Centro Thomas Mann" war nämlich von der noch "sogenannten" DDR - die damals noch keine diplomatischen Beziehungen zu Italien hatte - mit Hilfe der Kommunistischen Partei Italiens ins Leben gerufen worden.

Der antikommunistische Bannfluch traf zugleich auch alle, die sich in dieser Zeit in der BRD um das Erbe Bert Brechts bemühten, seine Stücke in die Theater bringen wollten. Dies zum Beispiel durch die Verweigerung von Zuschüssen für ein Gastspiel des Bochumer Schauspielhauses in Paris mit einer Aufführung von Brechts "Dreigroschenoper". Intendant Harry Buckwitz wurde von der CDU massiv angefeindet, weil er den Mut hatte, Brecht in Frankfurt zu spielen, und von Brentano erklärte vor dem "Hohen Haus": "Wenn Sie mich fragen, ob ich etwa der gleichen Meinung sei wie meine Freunde in Frankfurt, die es nicht für sinnvoll hielten, dass das Frankfurter Theater nun zur bevorzugten Bühne der neuesten dramatischen Werke von Bert Brecht geworden ist, dann kann ich Ihnen allerdings sagen, dass ich voll und ganz den Standpunkt meiner politischen Freunde in Frankfurt verstehe und teile." Das Protokoll vermerkt hier: "Beifall bei der CDU/CSU."

Viele Jahrzehnte sind seither ins Land gegangen. Bundeskanzler Schröder ließ sich beim "Großen Zapfenstreich" mit einem Stück von Brecht aus dem Amt und in die Wirtschaft verabschieden, und seine Nachfolgerin führte sich in ihrem ersten Interview nach ihrer Wahl mit dem einst verhassten Dichter ein. Ob er denn noch nichts von Brecht und seinem Herrn Keuner gehört habe, antwortete sie auf die Frage des Journalisten, der wissen wollte, ob sie auch einmal ihre Meinung ändern könne. Jetzt, da alle vorgeben, Brecht zu lieben, wenn auch die Regierenden immer noch selektiv und scheinheilig, wäre es endlich an der Zeit für eine Entschuldigung für das, was ihm durch das "Hohe Haus" widerfahren ist. Wer wird dort den Mut aufbringen, dafür einzutreten?

Hans Adamo


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