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KPD-Verbot und illegaler Kampf Erinnerungen - Von Heidi Zeidler | ||||||||
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Im Mai 1942 wurde ich im Bombenhagel in Essen geboren. 1943 wurde ich mit Mutter und Großeltern nach Lüchtringen (Höxter) an der Weser (Westfalen) evakuiert. 1944 wurde unsere gesamte Familie wegen politischer Äußerungen gegen den Krieg verhaftet und in Sippenhaft genommen, weil mein Großvater Jude war. Meine Großmutter wurde nach vier Wochen frei gelassen, mein Großvater kam in das Arbeitslager Lahde und meine Mutter nach Elben, heute Elbenberg. Großvater hat das Lager nur sechs Wochen überlebt und wurde in einem Massengrab beigesetzt. Meine Mutter hat nach der Entwaffnung des Lagerleiters das Frauenarbeitslager (Halbjüdinnen) mit 122 Frauen an die Amerikaner übergeben. Die Nachbarn, die Juden und Kommunisten denunziert hatten, blieben ungeschoren. Auch die Bediensteten, bis hin zum Gefängnisdirektor von Höxter, blieben bis 1962 die gleichen und wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Das waren meine ersten Erfahrungen im faschistischen Deutschland und in der Nachkriegszeit. Meine Mutter meldete sich 1946 im KPD-Büro in Höxter, da sie als aktives Gewerkschaftsmitglied, Naturfreundin und ehemaliges SPD-Mitglied ihre politische Arbeit in und mit der KPD als richtig ansah. Der KPD-Sekretär war 13 Jahre in KZ und Zuchthäusern eingesperrt, darunter Sachsenhausen und Neuengamme. Gemeinsam mit dem Schauspieler Erwin Geschonnek war er einer der wenigen Überlebenden des KZ-Schiffes Cap Arcona. Er wurde wenig später mein Vater und gemeinsam mit meiner Mutter mein Vorbild. Die Entwicklung meines politischen Bewusstseins zur Friedenserhaltung, Völkerverständigung und gegen den Faschismus begann schon Ende der 40er Jahre. 1948 wurde ich Zeugin eines Brandanschlags auf unsere Wohnung in Höxter. Die Täter wurden nicht verfolgt. 1951, als Neunjährige, fuhr ich das erste Mal mit einer großen Delegation zu einer Gedenkveranstaltung nach Buchenwald. Dieses Erlebnis ist bis heute das Nachhaltigste in meinem Leben. Im August 1951 ging es nach einer abenteuerlichen Reise mit Sonderbussen und nach stundenlangem Festhalten zu Fuß über die Grenze zu den Weltfestspielen nach Berlin. Wir schliefen und aßen auf einem Dachboden - für uns Kinder ein großes Abenteuer. Die Demonstrationen mit singenden, tanzenden und diskutierenden Menschen aus vielen Ländern sind mir unvergesslich in Erinnerung. Kaum wieder zu Hause, besuchten uns zwei Herren im Lodenmantel, die mit meinen Eltern redeten. Auch mir wurden Fotos vorgelegt, die Verwandte und Freunde zeigten. Trotz der Weigerung meiner Eltern sollte ich die Personen benennen. Für mich waren es Onkel Max, Paul, Helmut sowie Tante Lene, Hanna, Ruth usw. - alles Familie. Schon 1951 begann die Verfolgung der Kommunisten in der BRD. In den folgenden Jahren half ich dabei, Flugblätter und Wahlplakate mit einem alten Abziehapparat herzustellen und die Pakete an Genossen und Freunde zu überbringen bzw. sie zur Post zu tragen. Für mich war das vor allem spannend und abenteuerlich. Mit 11 Jahren warb ich Abonnenten für die VVN-Zeitung "Die Tat". Für meine erste Öffentlichkeitsarbeit bekam ich die bronzene Ernst-Thälmann-Nadel, die wertvollste Auszeichnung in meinem Leben. Die meisten Parteigruppenversammlungen fanden bei uns zu Hause statt. Regelmäßig kamen 8-10 Genossinnen und Genossen aus dem Kreis Höxter. Bei vielen Sitzungen habe ich zuhören dürfen. Es ging um die Geschichte der Arbeiterbewegung, die Weltkriege und ihre Ursachen, Gewerkschaftsarbeit im Betrieb und außerhalb, die Erlebnisse 1933-45 und die Schlussfolgerungen daraus. Insbesondere ging es darum, die Genossen in ihrer Argumentation mit den Menschen zu schulen. Das erste Liebknecht-Fremdwörterbuch machte die Runde, bis es 1975 wieder bei mir landete. Mein Vater führte mich in die Werke von Marx, Engels, Bebel und Lenin ein, beantwortete mit viel Geduld meine Fragen. Meine Eltern waren jeweils Sekretäre in benachbarten Kreisen, viel unterwegs und bei den Menschen als Kommunisten angesehen. Meine Mutter war auch lange Jahre Vorsitzende der VVN und Mitglied der KPD-Landesleitung in NRW. Die antifaschistische Arbeit nahm einen großen Teil der Gespräche in unserer Familie ein. Es ging um Hilfe bei der Rentenbeantragung der Opfer des Faschismus und ihrer Angehörigen, aber auch um das Aufspüren und Nachweisen von untergetauchten NS-Verbrechern wie im Falle Lübke, der seinen Start ins Unternehmertum in Höxter begann. Ab 1954 durften wir Kinder in zentrale und später betriebliche Ferienlager in der DDR fahren. Mitten in den Ferien, am 17. August 1956, erreichte uns die Nachricht vom Verbot der KPD. Wir waren in großer Sorge um unsere Familien. Nur 11 Jahre nach dem Ende der faschistischen Diktatur wurden wieder Kommunisten verfolgt. Es fanden unzählige Hausdurchsuchungen statt, bei denen es um Materialien ging, die angeblich gegen die "freiheitlich-demokratische Grundordnung" verstießen. Vom Keller bis zum Dachboden und später sogar in der Hundehütte wurde nach verbotenen Schriften gesucht. Ich erlebte, wie kistenweise Broschüren, Bücher, Bildbände, Ansichtskarten und sogar meine Schulbücher beschlagnahmt wurden. Nach drei Wochen musste dann alles wieder zurückgebracht werden, da Goethe, Heine, Lessing, Gorki, Puschkin u. a. Dichter den Kriminalern unbekannt, Marx, Engels, Bebel, Lenin nicht verboten waren. Die Autoren und Titel jedoch wurden erfasst und später im Prozess gegen meine Eltern als Beweis für ihre Gesinnung verwendet. Zum Glück blieb es zu diesem Zeitpunkt "nur" bei Hausdurchsuchungen. Nach meiner Rückkehr wurde ich von meinen Eltern vorsichtig in die illegale Arbeit einbezogen. Ich transportierte den einfachen Druckapparat und eine Schreibmaschine zu Bekannten, um sie dem Zugriff zu entziehen. Flugblätter und illegale Druckschriften der Partei konnten von mir sehr schnell beim Klingeln der Kripo, erst im Fleischkessel für Hundefutter und später auf dem nicht gesicherten Dachboden, versteckt werden. Dabei rutschte mir einiges zwischen die Balken und liegt sicher heute noch im Dach des Hauses. Mit 14, 15 Jahren übernahm ich Botenfahrten mit dem Zug oder Bus in die Umgebung zu den Genossen und anderen Kontaktpersonen, um Materialien und Geld zu übergeben oder abzuholen. Einige Male standen an den Bahnhöfen oder vor dem Haus erkennbare Beamte des Staatsschutzes. Als Kind fiel ich nicht auf, obgleich durch einen V-Mann in der Gruppe schon 1957 alle Wohnungen unter Beobachtung standen. Im Sommer 1957, während meines Aufenthalts im Ferienlager, wurde meine Übersiedlung in die DDR in die Wege geleitet. Mein Vater kam und unterschrieb die Papiere. In getrennten Wagen des Zuges fuhren wir mit den Ferienkindern nach Hause. Ich hatte eine Woche Zeit, mich von Verwandten und Genossen zu verabschieden. Das Kurioseste war, dass mich meine Mutter mit Vollmacht meines Vaters im Einwohnermeldeamt nach Frankfurt (Oder) abmeldete. Diese gesetzliche Abmeldung verursachte am 30. August 1957, dem Tag der Verhaftung meiner Mutter, Wutausbrüche der Kripoleute und löste eine bundesweite Fahndung aus, bis meine Mutter belustigt sagte: "Unsere Tochter ist sicher in der DDR." Ich sollte verhört werden, war ihnen aber entkommen. Die Aufenthaltsgenehmigung für die DDR war vom Staatsschutz abgefangen worden und sie waren sich ihrer Sache sicher. Nach stundenlangem Aufenthalt durch die Prüfung am Grenzkontrollpunkt Erkner kam ich spät abends in Frankfurt (O.) an. Meine Mutter hatten sie früh um 7.00 Uhr verhaftet. Meinen Vater und die gesamte illegal arbeitende Gruppe schnappte die Kripo erst Wochen später. Allen wurde der Prozess gemacht. Sie wurden mit Haftstrafen bzw. mit "Bewährung" unter Anrechnung der U-Haft und Meldeauflagen verurteilt. Mein Vater kam so davon, aber meine Mutter bekam neun Monate Haft, die sie kurz vor Weihnachten 1959 in Essen antreten musste. Meine Großmutter verkraftete die neuerliche Verfolgung nicht mehr und starb Anfang Dezember. Im Mai 1960, ich war gerade 18 Jahre alt, durfte ich meine Mutter im Gefängnis in Essen besuchen. Da nach damaligen Gesetzen der BRD nur der Vater den Aufenthalt der Kinder, in welchem Land auch immer, bestimmte, hatte mein Vater mich zum besuchsweisen Aufenthalt in Höxter angemeldet. Es war niemandem aufgefallen, dass der Ort Döbberin in der DDR lag. Meine Mutter wusste nichts von dem Besuch und freute sich riesig, wenigstens eines ihrer Kinder, mein Bruder war erst neun Jahre alt, zu sehen. Ihre Haftzeit musste sie bis zum letzten Tag absitzen, obgleich sie schon schwer erkrankt war. Meinen Eltern wurde die Rente als "Opfer des Nationalsozialismus" aberkannt. Sie sind bis heute nicht rehabilitiert. Es ist erwiesenes Unrecht, was dieser Staat BRD meinen Eltern und vielen weiteren Genossen, Sympathisanten und deren Familien angetan hat. Der Kampf gegen dieses Unrecht wie auch der Kampf um die Aufhebung des nunmehr seit 50 Jahren bestehenden KPD-Verbots sind nach wie vor geboten. Der Antikommunismus als "Grundtorheit des 20. Jahrhunderts", wie ihn Thomas Mann bezeichnete, hat auch im 21. Jahrhundert seine Fortsetzung, während Nationalismus, Chauvinismus und die weltweit einsetzbare Kriegsmaschinerie auf dem Vormarsch sind. | ||||||||