unsere zeit - Zeitung der DKP8. September 2006

Feuilleton

"Übervater" des arabischen Romans
Zum Tod eines weltbewanderten Reiseunlustigen

Am 30. August verstarb in seiner Geburts- und Heimatstadt Kairo 94-jährig Nagib Machfus, dem in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die Rolle des unangefochtenen Übervaters des arabischen Romans zukommt. 1911 in eine Beamtenfamilie hineingeboren, schlug er dieselbe Laufbahn ein und arbeitete bis zur Pensionierung 1971 ohne herausragende Ämter, geschweige denn herausragende Bezahlung, in unterschiedlichen Bereichen der ägyptischen Kulturverwaltung. Die Literatur hätte ihn nicht ernähren können. So blieb seine Unabhängigkeit erhalten und seine Erzählkraft konnte sich frei von ökonomischen Notwendigkeiten entfalten. Im deutschsprachigen Raum nimmt er eine Schlüsselrolle für die Öffnung der Türen für arabische Literatur ein, speziell nach Verleihung des Nobelpreises für Literatur, der ihm 1988 als erstem arabischsprachigen Autor zuerkannt wurde.

In der Kapitale am Nil wurde ihm bereits zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt, doch nicht alle Landsleute schätzten ihn gleichermaßen. Als aufgeklärter Intellektueller zeigte und forderte er Toleranz gegenüber Religionen, eine Provokation für konservativ-klerikale Kreise. In Die Kinder unseres Viertels entwickelt er ein Stadtviertel und lässt die gemeinsame Identität sich jeweils an Machtinteressen einzelner charismatischer Führer spalten, hinter denen und von ihnen missbraucht Bewohner gleicher Herkunft sich versammeln und dabei glauben, an einem großen Aufbruch teilzuhaben. Er entwirft ein Muster, das sich im Roman mehrfach wiederholt und in dem Freunde wie Feinde die Allegorie der Entstehung des Judentums, des Christentums und des Islam als organisierte Religionen so gut erkannten wie die ihrer Indienstnahme als Herrschaftsideologie. 1959 erschienen einige Folgen als Fortsetzungsroman in einer Zeitung, bis der Abdruck auf Druck islamischer Kreise abgebrochen wurde. Die erste arabische Ausgabe konnte in Ägypten erst kürzlich erscheinen, nachdem sie zuvor aus dem Ausland eingeschmuggelt und unter dem Ladentisch gehandelt werden musste. Bereits 82-jährig überlebte Machfus 1994 nur knapp ein Attentat eines fanatisch-religiösen Messerstechers, durch welches sein rechter Arm teilweise gelähmt und seine Arbeitsfähigkeit stark einschränkt wurde.

Nur zweimal verließ Machfus widerwillig die Grenzen seines Heimatlandes, dennoch war er mit weiten Teilen Europas gut vertraut, denn "Lesen reicht vollkommen aus, eine Kultur zu verstehen", wie er formulierte. Nicht einmal zur Nobelpreisverleihung reiste er persönlich an.

Machfus´ Gesamtwerk umfasst etwa 50 Bücher - Kurzgeschichtensammlungen und umfangreiche Romane -, ferner 25 Drehbücher, die im Westen kaum bekannt sind, aber angesichts des grassierenden Analphabetismus in Ägypten, noch heute über 42 Prozent der Erwachsenen, dort mindestens im selben Maße zu seiner Popularität beigetragen haben wie seine Bücher. Dem deutschsprachigen Publikum wurde Machfus durch seine Sammlung von Erzählungen Die Moschee in der Gasse, erschienen 1978 bei Reclam in Leipzig, erstmals zugänglich gemacht. Inzwischen sind viele seiner Werke auf Deutsch erhältlich, großenteils auch als Taschenbuch.

Nicht nur sein packender Stil, stets ohne die im Westen häufig klischeehaft auf orientalische Prosa projizierten blütenreichen Umschreibungen, macht Machfus zu einem herausragenden und zu Recht ausgezeichneten Erzähler. Es ist vor allem die Fähigkeit, seine Bilder aus dem Vertrauten zu destillieren und jeden Satz exakt zu platzieren, sodass Makro- und Mikrokosmos seiner erschriebenen Welt widerspruchs-, aber nicht spannungsfrei zur Deckung kommen. Mit Wortgewalt und Brillanz hat er nach langer auch kultureller Stagnation unter der halb kolonialen und halb feudalen Herrschaft in Ägypten das Epische im Arabischen erneuert. Sein Realismus ist schonungslos, wo er ihn zur Anwendung bringt. Die Geschichte einer Kaufmannsfamilie, die in seiner Kairoer Trilogie nie die eigentliche Dynamik versteht, die ihren Verfall angesichts der Diskrepanz zwischen überholten Wertvorstellungen und der gesellschaftlichen Entwicklung der arabischen Großstadt in der Zeit bis in den II. Weltkrieg unausweichlich macht, steht in einer Reihe mit Thomas Manns Buddenbrooks und Emile Zolas Die Rougon-Macquart. Dasselbe Gespür für die Wirklichkeit und ihre Darstellung bewies er zuvor bereits in Die Midaq-Gasse, die autobiografische Züge trägt. Aus eigener Anschauung blickt er hinter die Fassaden der tatsächlich existierenden Gasse der Altstadt, Standort seines Elternhauses, und führt dem Leser ihre Bewohner, deren Interessenlagen, kleine Betrügereien und große Nöte lebhaft vor Augen.

Machfus hatte ein optimistisches Menschenbild ("Ich glaube an den Sieg des Guten") und sah den Menschen als Impulsgeber eines gemeinschaftlichen Vorwärts an. Einen elenden karrieresüchtigen Bürokraten lässt er in Ehrenwerter Herr denken: "Das Leben - ein momentanes Spiel, das der Mensch widerwillig mit sich geschehen lässt, nur um schließlich dem unabänderlichen Ablauf der Zeit ins Gesicht zu sehen." Seine eigenen Vorstellungen waren entgegen gesetzt. Er vertraute sie 1989 in einem Interview der Zeitschrift Probleme des Friedens und des Sozialismus an. Nationalistischer und religiöser Borniertheit setzte er als Zivilisation "geistige Werte und Ideen von allgemeinmenschlicher Bedeutung" entgegen.

Statisch wären diese nicht, denn Machfus versucht zu zeigen, "dass die Welt veränderbar ist und man sich Verhältnisse der Vergangenheit nicht zum Vorbild nehmen darf, dass immer wieder neue Werte entstehen." Sein sozialer Realismus überschreitet die Banalität des Oberflächlichen, er unternimmt es, "nicht nur einen bestimmten sozialen Hintergrund, sondern dessen verschiedene Typen in ihrer ganzen Vielfalt, Bewegung und Entwicklung" zu erfassen: "Ich versuche, die Gesellschaft in der intellektuellen und moralischen Entwicklung des Menschen in unserem Land darzustellen." Obgleich kein Marxist, oder gerade deshalb, sind die politisch-philosophischen Ausführungen des erklärten Sozialisten in dem Gespräch bemerkenswert: "Es gibt Widersprüche, die, wenn sie sich auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens anhäufen, zur Triebkraft, zum Impuls für die Entwicklung werden ... Der Kampf der Gegensätze erreicht, dass die Ziele des Fortschritts erreicht werden" und "Die harte Logik der Veränderungen und des Fortschritts dominiert über Stagnation, Verknöcherung und Rückschritt." Ferner habe die Bourgeoisie die Freiheit geraubt, zu ihrem Privileg gemacht und verraten, indem sie sie auf den Liberalismus reduziert hat.

Es darf nicht verwundern, wenn diese Grundfesten von Machfus´ Position in der bürgerlichen Presse unterschlagen werden und nur seine Ablehnung des islamischen Fundamentalismus oder eine grundsätzliche Bejahung von Demokratie Erwähnung finden. Dass ausgerechnet aber die FAZ ihm in ihrer als Nachruf getarnten Leichenfledderei eine kleinbürgerlich-konservative Grundhaltung unterstellt, ist wohl nur aus ihrer eigenen großbürgerlich-konservativen Grundhaltung und der daraus resultierenden Ignoranz erklärbar.

Für jeden Autor gilt, dass zu Lebzeiten wie postum seine nächstliegende, ehrlichste und zugleich unprätentiöseste Ehrung die Lektüre seiner Werke ist. Nagib Machfus verdient diese Ehrung, die doch vor allem zum Gewinn für den Ehrenden wird.

Carsten Schiefer


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