unsere zeit - Zeitung der DKP24. November 2006

Marxistische Theorie und Geschichte

Die "Wende" trieb Zehntausende in den Tod
Opfer der "friedlichen Revolution"

Die französische Nachrichtenagentur AFP meldete im Jahr der Einverleibung der DDR, dass sich in Ostdeutschland 4 294 Menschen selbst töteten. Der Suizidexperte Udo Grashoff berichtete, dass von 1989 bis 1991 die Selbstmordrate in den neuen Bundesländern um rund zehn Prozent anstieg. Wie viele von den über 11 000 Menschen, die in der Bundesrepublik jährlich Selbstmord begehen, Opfer der "Wende" sind, ist nicht bekannt.

Diesen Opfern ist ein Studie der Zeitschrift für soziale Theorie, Menschenrechte und Kultur "Icarus" der GBM gewidmet, die im Oktober (Nr. 3 u. 4) erschien. Aus ihr kann man schlussfolgern, dass die Zahl dieser Toten in die Zehntausende geht, wenn sie nicht gar auf die Einhunderttausend zuschreitet. Zuletzt publik geworden ist der Tod des 34-jährigen Tim S. aus Frankfurt/Oder. Nachdem die städtische Wohnungsgesellschaft die Zwangsräumung seiner Wohnung verfügt hatte, sprang er am 16. August 2006 aus seiner Wohnung in den Tod.

46 Autoren legen die sozialen und politischen Hintergründe bloß, die Zehntausende in den Tod trieben. Ihre Beiträge führen die Phrase von der "friedlichen Revolution" ad absurdum. Stellvertretend für die Autoren seien genannt: Der bekannte Faschismusforscher der DDR, Prof. Manfred Weißbecker, der Ökonom Prof. Harry Nick, der Pfarrer Dr. Dieter Frielinghaus, die Schauspielerin Käthe Reichel und der Rechtsanwalt Peter Michael Diestel. Weißbecker schreibt über seinen Kollegen an der Jenenser Universität Prof. Gerhard Riege, dem als Mitglied des Bundestages in dem "hohen Haus" blanker antikommunistischer Hass entgegenschlug. In ihm entäußerte sich ein "Ungeist, der noch Schlimmeres als Keim in sich trägt", urteilte Gerhard Haney, einer der Kollegen Rieges, "Sie werden den Sieg über uns voll auskosten. Nur die vollständige Hinrichtung ihres Gegners gestattet es ihnen, die Geschichte umzuschreiben und von allen braunen und schwarzen Flecken zu reinigen", schrieb Prof. Riege, bevor er am 15. Februar 1992 den Freitod wählte.

Die Opfer waren Arbeiter und Genossenschaftsbauern, Lehrer, Ingenieure und Journalisten, Ärzte, Künstler und Wissenschaftler, von den Massenentlassungen Betroffene, obdachlos gewordene, Kinder, welche die Demütigungen ihrer Eltern nicht ertrugen. Zu ihnen gehören der Grafiker Thomas Schleusing vom Jugendmagazin "Neues Leben", sein Kollege, der sensible Zeichner und Gestalter Christoph Ehbets, bekannt u. a. durch seine Cover beim VEB Deutsche Schallplatte. Der weltberühmte Schauspieler Wolf Kaiser, der sich seine Würde nicht nehmen ließ und dafür in den Tod ging. Als einen "ungekrönten Monarchen der Schauspielzunft" würdigte ihn Eberhard Esche in seiner Grabrede.

Der Hochschullehrer Hans Schmidt, schreibt Michael Frey, habe nach 1989 versucht, sich auf die veränderten Bedingungen einzustellen, an Ringvorlesungen der Deutschen Bank und an "Konjunktur"-Lehrgängen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsführung Berlin teilgenommen. Die FU Berlin bescheinigte ihm, dass er "schnell den Anschluss an den allgemeinen wissenschaftlichen Standard westlicher Universitäten erreicht" habe. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und die Wirtschaftsuniversität Wien würdigten sein hohes theoretische Niveau und seine international beachtete Publikationstätigkeit. Dennoch wurde Dr. Schmid - wie unzähligen anderen DDR-Wissenschaftlern - "wegen mangelnden Bedarfs und mangelnder fachlicher Qualifikation" gekündigt. Als sein Henker agierte der Nazikriegsverbrecher Prof. Wilhelm Krelle, den es nach dem Anschluss der DDR als Gründungsdekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften an die HUB gespült hatte. Diesen als SS-Sturmbannführer in Griechenland an Kriegsverbrechen beteiligten, mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichneten Prof, Krelle verlieh die Präsidentschaft der HUB auch noch die Ehrendoktorwürde! Prof. Krelle erklärte öffentlich, er werde "Dr. Schmidt unter allen Umständen von der Humboldt-Universität entfernen." Nach einem vierjährigen zermürbenden und entwürdigenden Rechtsstreit um seinen Arbeitsplatz, der für den Schwerbehinderten nicht ohne gesundheitliche Folgen blieb, nahm sich Dr. Schmidt am 8. Mai 1996 durch einen Sprung aus dem 13. Stockwerk seiner Hochhauswohnung das Leben.

Prof. Krelle verstarb im Juni 2004 wohlpensioniert im Alter von 88 Jahren als einer der unzähligen für ihre Teilnahme an faschistischen Kriegsverbrechen in der BRD nicht zur Verantwortung gezogenen Naziaktivisten. Die Ehrendoktorwürde wurde ihm nicht aberkannt. Die Leitung der HUB widmete ihm ein "ehrendes Gedenken".

Ich selbst habe mich der Prozesse erinnert, in denen in Italien zahlreiche deutsche Kriegsverbrecher wegen Massenmorden verurteilt wurden. Wie Wilhelm Krelle in Griechenland hatten sie in Italien barbarische Kriegsverbrechen begangen. In der Bundesrepublik blieben sie, wie Krelle auch, ungeschoren. Zu Prozessen im Ausland verweigerten die deutschen Behörden die Überstellung.

DDR-Richter, die wie Otto Fuchs die Verbrecher zur Verantwortung zogen, wurden von bundesdeutschen Gesinnungskomplizen dafür vor Gericht gezerrt. Kurt Neuenburg schildert, wie im Januar 1992 in den frühen Morgenstunden Polizisten die Wohnung des Ehepaares Fuchs in der Grunaer Straße 12 in Dresden besetzten und Otto Fuchs verhafteten. Seine Frau Martha, eine Jüdin, die KZ-Häftling gewesen war, erlitt einen schweren Nervenzusammenbruch. Die furchtbaren Erlebnisse der Nazizeit wurden lebendig. Otto Fuchs war 1950 in den Waldheim-Prozessen gegen Kriegsverbrecher und Naziaktivisten Vorsitzender Richter gewesen. Man warf ihm vor, er habe Unschuldige zum Tode verurteilt. Am 13. Februar 1992 um 23.15 Uhr sprangen Otto und Martha Fuchs vom Balkon ihrer Wohnung aus dem siebten Stock in die Tod.

Die Studie berichtet, wie Dr. Peter Michel schreibt, über "das Sterben der Unseren" Halten wir ihr Andenken in Ehren. Schöpfen wir aus ihrem Tod Kraft, dem System, das Not, Elend und Krieg über uns bringt, Widerstand zu leisten.

Gerhard Feldbauer


Zu beziehen bei der GBM-Geschäftsstelle zum Preis von 9,80 Euro (Tel. 030/5578397, Fax 5556355).


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