unsere zeit - Zeitung der DKP22. Dezember 2006

Marxistische Theorie und Geschichte

Die Toten mahnen uns
Das Anliegen der Gedenkstätte der Sozialisten
wird in Frage gestellt - Von Nina Hager

In den letzten Wochen ist der Friedhof der Sozialisten in Friedrichsfelde Gegenstand von Diskussionen, die allerdings einer breiten Öffentlichkeit außerhalb Berlins kaum bekannt sind.

Das "Neue Deutschland" berichtete am 6. Dezember erstmals und recht einseitig über die Fakten und übrigens nur in der Berlin-Ausgabe. Erst am 11. Dezember erfuhr man in der RBB-Abendschau von der Einweihung eines Gedenksteins mit der Aufschrift "Den Opfern des Stalinismus" auf dem Gelände des Friedhofs. Einen Tag später informierten die "taz" und andere bürgerliche Blätter kurz ihre Leser. Ein zu unbedeutender, lokaler Vorgang?

Hier sei zunächst an die Geschichte des Friedhofs erinnert. Sie macht deutlich, dass es nicht um eine nebensächliche Angelegenheit geht. Immerhin schrieb Sven Felix Kellerhoff in "Die Welt" am 23. November anlässlich der Beerdigung von Markus Wolf: "Hier steht bis heute die ´Gedenkstätte der Sozialisten´, eines der zahlreichen Denkmäler der gestürzten Diktatur, die der Rechtsstaat aus (falsch verstandener?) Toleranz hat stehen und sanieren lassen. Und hierhin pilgern noch immer jedes Jahr Mitte Januar Sozialisten zum Gedenken an die gelynchten Anführer des Spartakus-Aufstandes 1919, darunter stets die Führung der PDS." Und es geht auch nicht nur um eine Berliner Angelegenheit.

Vom Armenfriedhof zur Gedenkstätte der Sozialisten

Die Gedenkstätte der Sozialisten ist kein Denkmal der DDR. Sie wurde - nach Zerstörung des ursprünglichen Revolutionsdenkmals durch die Faschisten - in der DDR auf dem Friedhof nur in neuer Form an anderer Stelle errichtet. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden geplant ermordet, nicht "gelyncht". Das wenigstens sollten die Autoren der Zeitung "Die Welt" wissen.

1875 wollte der Berliner Magistrat vor den Toren der Stadt einen "Centralfriedhof" für die Armen errichten. 1879 kaufte er einen 25 Hektar großen Teil des Rittergutes Friedrichsfelde. Am 21. Mai 1881 wurde der nach Plänen des Stadtgartendirektors Hermann Mächtig auf 25 Hektar fertig gestellte "Berliner Gemeindefriedhof zu Friedrichsfelde" eröffnet. Am 12. August 1900 wurde der Mitbegründer der Sozialdemokratie, Wilhelm Liebknecht, in unmittelbarer Nähe zum Eingang an der Gudrunstraße bestattet. Über 200 000 Menschen trauerten um Liebknecht. Am Grabe sprach August Bebel. Später fanden auch andere Mitglieder der deutschen Sozialdemokratie in Friedrichsfelde ihre letzte Ruhestätte. Zu ihnen gehörten Ignaz Auer (1907), Emma Ihrer, Paul Singer, Julia Liebknecht, die erste Frau Karl Liebknechts (1911), Carl Legien (1920) und andere.

Seit etwa hundert Jahren trägt deshalb dieser Friedhof den Beinamen "Sozialistenfriedhof".

1919 weigerte sich der Berliner Magistrat, Kämpfer, die während der Novemberrevolution von 1918/19 gefallen waren, bei den Gefallenen vom März 1848 im Friedrichshain bestatten zu lassen. Angeblich, weil dort kein Platz mehr wäre. Sie wurden weitab vom Haupteingang in Friedrichsfelde auf einem Terrain, das ursprünglich für Epidemieopfer vorgesehen war, beerdigt. Am 25. Januar 1919 bestattete man hier - unter großer Anteilnahme der Berliner Bevölkerung - 32 Revolutionäre, darunter Karl Liebknecht. Symbolisch wurde an der Seite Karl Liebknechts für Rosa Luxemburg ein leerer Sarg in die Erde gesenkt. Ihre sterblichen Überreste wurden erst am 31. Mai 1919 gefunden. Sie wurde im Beisein von mehr als 100 000 Menschen am 13. Juni 1919 beigesetzt.

Es folgten im gleichen bzw. in den nächsten Jahren weitere Mordopfer konterrevolutionärer Soldateska, so Leo Jogiches, der USPD-Vorsitzende Hugo Haase, der Gewerkschaftsobmann der Berliner Kraftwerke Wilhelm Sült sowie 42 Opfer des Polizeiterrors vor dem Reichstagsgebäude Januar 1920. In der Weimarer Republik demonstrierten alljährlich Zehntausende nach Berlin-Friedrichsfelde.

Nach dem Tode Lenins am 21. Januar 1924 wurde er in die Ehrung einbezogen, es entstand die Lenin-Liebknecht-Luxemburg-Demonstration.

In der Weimarer Zeit fanden auf dem Sozialistenfriedhof Angehörige aller Strömungen der Arbeiterbewegung ihre letzte Ruhe - vom Jungkommunisten Herbert Neumann bis zum Reichsbanner-Führer Willy Schneider, vom polnischen Arbeiterführer Julian Marchlewski bis zum revolutionären Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn. Trotz Ausnahmezustands, rechter Gewalt und Polizeipräsenz wurden sie stets von Tausenden Berliner Arbeitern zu Grabe getragen.

Wilhelm Pieck legte am 15. Juni 1924 den Grundstein für das dann von Mies van der Rohe gestaltete Revolutionsdenkmal. Es wurde durch Spenden finanziert und am 13. Juni 1926 der Öffentlichkeit übergeben. Jedes Jahr im Januar war es nun das Ziel der LLL-Demonstrationen, außerdem Ort zahlreicher Kundgebungen der revolutionären Arbeiterbewegung.

Am 8. Mai 1929 sprach Ernst Thälmann an den Gräbern der 24 Toten des Blutmai 1929. Die letzte öffentliche Kundgebung an diesem Denkmal fand noch im Februar 1933 statt, als zwei von Faschisten ermordete Jungkommunisten beigesetzt wurden.

Auch in der Zeit des Faschismus lagen auf den Gräbern oft Blumen. In den ersten Monaten der Naziherrschaft wurde das Denkmal geschändet, 1935 zusammen mit den meisten umliegenden Grabsteinen von den Faschisten zerstört. Anfang 1941 wurden die Gräber eingeebnet, ab Juni der Bereich zur "Neubelegung" freigegeben.

Nach der Befreiung vom Faschismus fand am 13. Januar 1946 die erste Demonstration zu den Gräbern der Sozialisten, von Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg statt. An der Stelle des alten Mahnmals war eine hölzerne Nachbildung des Monuments Mies van der Rohes errichtet worden. Der Magistrat von Berlin beauftragte im September 1949 die Architekten Richard Jenner und Hans Mucke sowie den Gartenarchitekten Reinhold Lingner mit dem Bau einer geeinten - Sozialdemokraten, Sozialisten und Kommunisten berücksichtigenden - Gedenkstätte der Sozialisten nahe dem Haupteingang. Am 14. Januar 1951 wurde sie durch den Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, eingeweiht.

1983 entstand ein von Günter Stahn entworfenes Erinnerungsmal am Ort des von den Faschisten zerstörten Revolutionsmonuments. Ursprüngliche Überlegungen in den 60er Jahren, im Rondell Gedenktafeln durch Namen von Genossinnen und Genossen zu ergänzen, die in der Stalinzeit in der UdSSR Opfer von Verfolgungen oder gar ermordet wurden, wurden leider nicht realisiert. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der ganze Umfang des Geschehens erst in der zweiten Hälfte der 80er Jahre bekannt wurde, als die Führung der SED aus der UdSSR Namenslisten erhielt ...

Auf dem Friedhof befinden sich die Gräber von Mitgliedern der SED, die zu DDR-Zeiten Repressalien ausgesetzt waren, später meist rehabilitiert wurden. Erinnert wird auch an Fritz Sperling, 1951 zweiter Vorsitzender der KPD.

In der DDR war die Demonstration nach Friedrichsfelde für viele jedes Jahr nicht "angeordnet" sondern eine bewusste Entscheidung. Wie sonst kann man die Tatsache erklären, dass nach 1990 die Tradition fortgeführt wurde: mit einem stillen Gedenken und seit 1992 auch mit einer Demonstration, die zunächst durch die Initiative zur Rettung des Lenindenkmals, dessen Abriss am 8. November 1991 entgegen massiver Proteste begonnen wurde, und seit 1996 bis zum heutigen Tag durch ein breites Bündnis organisiert wurde bzw. wird.

SPD- und Linkspartei.PDS-Mitglieder im Mainstream?

Nach 1990 wurden bekanntlich im Osten Deutschlands viele Denkmäler des antifaschistischen Widerstandskampfes und der Erinnerung an die revolutionäre Arbeiterbewegung geschleift oder "umgewidmet". 1998 musste der Historiker Hans Maur auf einer Konferenz des Marxistischen Arbeitskreises zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung bei der Historischen Kommission der PDS, die gemeinsam mit der Marx-Engels-Stiftung und der Geschichtskommission der DKP organisiert wurde, im Hinblick auf Vorgänge um antifaschistische Gedenkstätten feststellen, dass es bei diesen Vorgängen um eine Diskriminierung des Arbeiterwiderstandes, um das Verschweigen der Hintergründe und -männer des Hitlerfaschismus, der Ideologie und der Nutznießer von Krieg, Völkermord und Raub geht. Bereits 1994 legte der Bundestag fest, dass zur Auseinandersetzung mit der "SED-Diktatur" neuartige Gedenkstätten zu errichten seien, "mit denen sich NS-Diktatur und DDR-Vergangenheit übergangslos darstellen ließen ... Die Gedenkstätten sollten dazu beitragen, auch dem letzten Ostdeutschen seine DDR-Nostalgie auszutreiben. Dazu wurden die ehemaligen sowjetischen Internierungslager als ´Gedenkstätten mit neuen Gedenkformen´ favorisiert. Zu den rechtskonservativen Politikern gesellten sich ´Stalinistische Opferverbände´ sowie Historiker und Politologen als Verfechter der konservativ-nationalistischen Totalitarismustheorie."

Nun ist dieser "Zeitgeist" auch auf der Gedenkstätte der Sozialisten angekommen. Seit dem 11. Dezember steht dort ein Gedenkstein mit seiner Aufschrift "Den Opfern des Stalinismus". Ein Stein mit der gleichen Aufschrift, 1951 in der Hochzeit des Kalten Krieges errichtet, steht übrigens am Steinplatz in Charlottenburg. Pikanterweise haben jetzt aber nicht rechtskonservative Politiker und Historiker den Vorschlag für den neuen Gedenkstein "Den Opfern des Stalinismus" eingebracht. Es waren Mitglieder der SPD und der Linkspartei.PDS, die im "Förderkreis Erinnerungsstätte der deutschen Arbeiterbewegung Berlin-Friedrichsfelde e. V." zusammenarbeiten. Die Initiative soll von Mitgliedern der Linkspartei.PDS in Lichtenberg ausgegangen sein, die jetzt meinen, an diesem Ort wäre der Kontext klar, es wäre klar, wer gemeint sei. Walter Momper erklärte im Gegensatz zu Vertretern der Linkspartei.PDS jedoch: Die Inschrift umfasse alle Opfer in der Sowjetunion, in der früheren sowjetischen Besatzungszone und in der DDR. Damit meint sie auch die Mitglieder antikommunistischer "Opferverbände" und wird damit möglicherweise auch den Neofaschisten überlassen.

Damit aber wird das Anliegen der Gedenkstätte der Sozialisten, die gegen Ausbeutung, Krieg und Faschismus, für eine bessere Welt gekämpft haben - unabhängig davon, ob sie Kommunisten, Sozialisten oder Sozialdemokraten waren - in Frage gestellt. Auf dem Stein der Gedenkstätte der Sozialisten steht "Die Toten mahnen uns". Sie mahnen auch, dass Antikommunismus kein Weg ist, sich kritisch und umfassend mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.

Seit 1990 gab es diverse Versuche, die jährliche Ehrung für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, zu diskreditieren. Vor allem die friedliche Demonstration, die anfangs vom Platz der Vereinten Nationen und seit einigen Jahren vom Frankfurter Tor zur Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde führt, wurde als Demonstration Ewiggestriger, von Chaoten und Linksextremisten, die aus der Geschichte nichts gelernt hätten, verleumdet. Trotz Polizeiprovokationen, trotz polizeilicher Übergriffe vor allem in den Jahren 1996 bis 1999 gelang es nicht, diese Demonstration eines breiten Bündnisses Linker verschiedener Herkunft und Anschauung zu verhindern. Im Jahr 2000 wurde die Demonstration verboten. Vielleicht erinnert sich noch jemand an den verwirrten Scheinattentäter? Trotzdem fand am 2. Sonntag im Januar 2000 eine Demonstration statt. Eine Woche später dann die Ehrung in Friedrichsfelde.

Auch in den letzten Jahren kamen Zehntausende zur Gedenkstätte der Sozialisten, viele darunter, die unter roten Fahnen vom Frankfurter Tor nach Friedrichsfelde demonstrierten. Im aktuellen Aufruf des Demonstrationsbündnisses wird gegen Kriege und Kriegspolitik Stellung genommen. Weiter heißt es: "Wir wehren uns gegen faschistoide Tendenzen. Wir demonstrieren gegen Nazis, Rassismus Antisemitismus und Nationalismus. Wir werden zeigen, dass wir dem Antifaschismus, der internationalen Solidarität und dem Humanismus auf besondere Weise verpflichtet sind." Nostalgiker? Ewiggestrige?

Angesichts der Tatsache, dass man den Stein jetzt und nicht erst nach dem 14. Januar 2006 aufgestellt hat, darf man doch wohl auch fragen, ob er denn von den Initiatoren nur als "Denkanstoß" und "Ergänzung" gemeint ist oder nicht vor allem auch als Provokation um das Anliegen der Vielen, die am stillen Gedenken und an der Demonstration teilnehmen, diskreditieren zu können.

Dies sollten wir bedenken.


Quellen:

Joachim Hoffmann: In deinem Friedrichsfelde ruht ..., Der Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde in der deutschen Geschichte. Herausgegeben von der Vereinigung ehemaliger Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand, Verfolgter des Naziregimes und Hinterbliebener (BVVdN) e. V. Berlin 1996

Hans Maur: Der Umgang mit antifaschistischen Mahn- und Gedenkstätten in heutiger Zeit. Auszug aus dem Vortrag. In: Geschichtskorrespondenz. Nr. 4/1998. S. 27-32

Heinz Voßke: Geschichte der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde. Berlin 1982


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