unsere zeit - Zeitung der DKP2. Februar 2007

Marxistische Theorie und Geschichte

Der Weg nach Buchenwald begann in Trier
70. Jahrestag des Prozesses gegen Trierer Widerstandsgruppe
Von Horst Gobrecht

Vor 70 Jahren, am 21. Dezember 1936, fiel das Urteil des in Trier verhandelnden 5. Strafsenats des faschistischen Oberlandesgerichts Hamm/Westfalen: "Im Namen des Deutschen Volkes" verhängte er Strafen zwischen zwei Jahren Gefängnis und 15 Jahren Zuchthaus gegen 36 Antifaschistinnen und Antifaschisten aus Trier; unter ihnen Hans Eiden, der spätere Lagerälteste des Konzentrationslagers Buchenwald. Alle waren angeklagt worden, versucht zu haben, "zur Vorbereitung des Hochverrats einen organisatorischen Zusammenhalt herzustellen und aufrecht zu erhalten". Einige hatten sich darüber hinaus für die "Beeinflussung der Massen durch Verbreitung von Schriften" und den Aufbau von Kontakten zum Ausland zu verantworten. Einzelnen war außerdem vorgeworfen worden, "eine Schusswaffe besessen, erworben und anderen überlassen zu haben".

Dies war der schwerste Schlag gegen den organisierten antifaschistischen Widerstand in Trier und Umgebung seit der Machtübertragung an die Nazis. Bereits vorher waren dort zwei Antifaschisten -im Juli 1932 der Sozialdemokrat Hermann Möschel und in der Silvesternacht des gleichen Jahres der Kommunist Peter Greif - von den Faschisten kaltblütig ermordet worden. Und unmittelbar nach dem 30. Januar 1933 hatte eine Verhaftungs- und "Schutzhaft"welle zahlreiche Gegner des Hitler-Regimes erfasst und für Wochen oder Monate auch ohne Gerichtsprozess ihrer Freiheit beraubt. Viele Kommunisten unter den 1936 Angeklagten hatten die damit verbundenen Quälereien und Folterungen durch SA und Gestapo erlebt und waren deshalb oder teilweise noch aus der Weimarer Republik aufgrund politischer Delikte bereits "vorbestraft".

Aufbau der Antifa-Gruppe

Sie hatten nach ihrer Freilassung bereits im Sommer 1934 begonnen, sich wieder zu sammeln und illegale Strukturen in Form von relativ unabhängig voneinander agierenden Dreiergruppen aufzubauen. Dies diente der Vorsicht, damit bei einer Verhaftung und Aussagen unter der Folter oder beim Einschleusen eines Spitzels nicht gleich alle Aktiven bekannt und gefährdet wurden. Zwei Jahre später arbeiteten die antifaschistischen Widerstandskämpfer/innen schon auf hohem Niveau. Sie trafen sich nicht nur, um sich Mut zu machen und beim Durchhalten zu unterstützen, sondern organisierten auch Hilfe für politische Gefangene und ihre dadurch in Not geratenen Familien. Darüber hinaus tauschten sie von im Inland illegal und vom Ausland her agierenden Kurieren der KPD übermittelte Nachrichten aus, gaben diese an Interessierte und ausgewählte Regimekritiker weiter. Als äußerst wichtig erwies sich auch ihre Fluchthilfe über die "grüne" Grenze in das bis Januar 1935 noch nicht zu Nazi-Deutschland gehörende Saargebiet.

Einer der Angeklagten aus dem Prozess 1936 hatte im Oktober des vorhergehenden Jahres an der so genannten Brüsseler Konferenz der KPD in der Nähe von Moskau teilgenommen und brachte deren Ergebnisse mit nach Trier. Auf diese Weise erfuhren die Antifaschisten, dass die Kommunistische Internationale und auch die KPD ihren ultralinken Kurs mit der "Sozialfaschismusthese" selbstkritisch verurteilten und auf die Schaffung einer breiten Volksfront gegen die Faschisten orientierten. Ob diese neue Strategie den "Kurs" der Trierer Kommunisten maßgeblich beeinflusste oder bestätigte, lässt sich heute nicht mehr feststellen. In der von ihnen ins Leben gerufenen und aufgebauten illegalen Widerstandsorganisation engagierten sich mehrere bürgerliche Antifaschisten, ja sogar ein Mitglied der Hitlerjugend. Das war der Beginn einer antifaschistischen Volksfront im Kleinen. Durch sie eröffneten sich neue und andere Möglichkeiten, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die von den Kommunisten bisher nicht erreicht worden waren.

Organisierte illegale Arbeit

Denn eine ihrer wichtigsten Aufgaben sahen die Trierer Antifaschisten darin, mit Außenstehenden gezielt über die soziale und politische Lage im Land zu diskutieren. "Wenn man mit jemandem spricht, von dem man weiß, dass er alles weitererzählt, dann ist mehr erreicht, als wenn zehn Flugblätter verteilt werden", resümierte der vor acht Jahren verstorbene, 1936 ebenfalls angeklagte Kommunist Willi Torgau. Doch selbstverständlich war das eher "flüchtige" gesprochene Wort nicht das einzige Kommunikationsmittel zu bloß nachdenklichen, punktuell unzufriedenen, noch indifferenten oder bereits kritischen Menschen. Selbstverständlich verteilten die Antifaschisten auch Flugblätter und umfangreichere Informationsschriften der KPD. Bei deren Herstellung wurden sie, nachdem ihre "Druckerei" im Untergrund -ein von Hand betriebener Matrizendrucker - bereits im August 1933 "aufgeflogen" war, von den Luxemburger Kommunisten unterstützt.

Willi Torgau, ein früher Aktivist des Kommunistischen Jugendverbandes, und seine Schwester Orli Reichert besaßen gute Kontakte zum Präsidenten der KPL, Zénon Bernard, der später in einem deutschen KZ ermordet wurde. Bei ihm war Willi Torgau schon 1934 nach einer KZ-Haft für mehrere Wochen untergetaucht, um einer Gefangennahme in Trier zu entgehen. Insofern kann neben dem organisierten Handeln und dem Ziel eines breiten antifaschistisches Bündnisses als weiteres Kennzeichen der Widerstandsgruppe hinzugefügt werden: Sie war internationalistisch orientiert und damit Teil einer grenzübergreifenden Anti-Hitler-Koalition. Für die Nazis mögen die von den Trierer Antifaschistinnen und Antifaschisten keine ernsthafte Bedrohung ihrer Herrschaft gewesen sein, doch zumindest eine enorme Herausforderung. Deshalb bezeichnet das Gericht in seinem Urteil gegen die 36 Angeklagten als deren größtes "Verbrechen": "Nachdem nach der Machtübernahme die KPD und ihre Nebenorganisationen (KJVD, Rote Hilfe usw.) aufgelöst worden waren, suchte das Zentralkomitee der KPD in Brüssel auch in Trier eine illegale Organisation neu aufzubauen."

In den Fängen der Nazi-Justiz

Der Auslöser der im Frühjahr 1936 beginnenden anti-antifaschistischen Aktion der Nazis war die durch den Verrat eines Spitzels ermöglichte Verhaftung von Widerstandskämpfern beim Grenzübertritt nach Luxemburg. Den äußeren politischen Anlass sahen die Überlebenden der im Prozess Angeklagten im Einmarsch der faschistischen Wehrmacht am 7. März 1936 ins entmilitarisierte Rheinland. Mit ihm wurden sowohl die Überwachung der Bevölkerung als auch die polizeilichen Kontrollen verschärft, weil die Nazis befürchteten, die illegalen Gruppen könnten sich mit dem französischen Militär verbinden. Deshalb wurden nicht nur die verdächtigen Antifaschistinnen und Antifaschisten, sondern vorbeugend auch viele potentielle Regimegegner - beispielsweise jene, die schon aus der Zeit der Weimarer Republik und der ersten "Schutzhaft"-Befehle bekannt waren - verhaftet.

Die anschließenden "Ermittlungen" durch Verhöre und Folterungen bis zur Bewusstlosigkeit dauerten mehrere Monate, ehe den Antifaschistinnen und Antifaschisten im August 1936 die Anklageschrift bekannt gegeben wurde. Am 5. Oktober wurde der Prozess vor dem Oberlandesgericht in Hamm eröffnet. Doch ab dem 17. November fanden zwei Verhandlungen und die Urteilsverkündung am 21. Dezember 1936 in Trier statt. Unter faschistischen Verhältnissen konnte kein Mensch ein irgendwie "faires" Verfahren erwarten. Die Angeklagten hatten die "Mühlen" der Gestapo überlebt, jetzt wurden sie von den Nazis abgeurteilt. Hierzu diente eine juristische Hülle, die so etwas wie "Rechtsstaatlichkeit" vorgaukeln sollte; allerdings lässt sich ein Zusammenhang zum Propagandacoup der Nazis mit den Olympischen Spielen im gleichen Jahr nicht belegen. Doch auch ohne umfangreiche Geständnisse reichten den faschistischen Richtern die von Gestapo und Staatsanwaltschaft "ermittelten" sowie durch Annahmen "erhärteten" Erkenntnisse über die Widerstandsgruppe, um das Strafmaß für jede/n Einzelne/n zu begründen.

Nach Verbüßen der Gefängnis- und Zuchthausstrafen war für einen großen Teil der einschlägig politisch "belasteten" Antifaschistinnen und Antifaschisten die Gefangenschaft nicht zu Ende. Während der von seinen Eltern denunzierte Josef Eberhard sich angeblich schon im Zuchthaus Siegburg selbst erhängte, obwohl es aus Sicht seiner Kameraden dafür keinen Anhaltspunkt gab, wurde Orli Reichert-Wald nach ihrer Haft zuerst ins KZ Ravensbrück, dann 1942 mit dem ersten Frauentransport ins KZ Auschwitz, später nach Auschwitz-Birkenau verschleppt. Heinrich Jansen landete nach sechs Jahren Zuchthaus im KZ Dachau. Und sechs der 1936 Angeklagten und nach der Haft wieder kurzzeitig Entlassenen wurden im Zusammenhang mit dem Überfall der faschistischen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 erneut verhaftet und ins KZ Buchenwald transportiert.

"Schwieriges" Erinnern

Am 16. September 1939 kamen die Trierer Kommunisten Hans Eiden, Fritz Grieshaber, Nikolaus Lieser, Jakob Prunk, Matthias Schneider und Christoph Wagner dort an. Sie unterstützten hier fortan die illegale Widerstandsorganisation und trugen zur Selbstbefreiung des Konzentrationslagers durch die Häftlinge am 11. April 1945 bei. Für sein antifaschistisches Engagement ehrte die Stadt Trier von den Aktiven der 1936 angeklagten Widerstandsgruppe bislang nur Hans Eiden. Selbst die Erinnerung an ihn, den letzten Lagerältesten des KZ Buchenwald, ließ Jahrzehnte auf sich warten, entsprechende Initiativen der DKP im Jahr 1983 zum 50. Jahrestag der Machtübertragung an die Nazis wurden geflissentlich ignoriert. Eine "offizielle" öffentliche Ehrung von Hans Eiden kam mit dem Engagement der Stadtratsfraktion der Grünen im Rahmen einer 1988 begonnenen Städtepartnerschaft zwischen Trier und Weimar nur zögerlich und halbherzig in Bewegung und gewann erst dann wirklich an "Dynamik" und an wissenschaftlichem Interesse, als bekannt wurde, dass die KPD ihren Genossen aus damals möglicherweise verständlichen, aber heute nur schwer nachvollziehbaren Gründen noch vor seinem frühen Tod 1950 ausgeschlossen hatte. Ein Gedenken der Stadt Trier an den Prozess von 1936 gegen 36 Trierer Antifaschistinnen und Antifaschisten steht noch aus. Solche Ignoranz muss nicht dauerhaft bleiben. Eine Ehrung setzt allerdings voraus, dass sich neben den Trierer Kommunistinnen und Kommunisten noch weitere Interessierte finden, die eine aktive Erinnerung an die Kämpferinnen und Kämpfer für ein anderes, nicht faschistisches, nicht antisemitisches, nicht militaristisches Deutschland für wichtig halten. Was das "offizielle" Trier angeht, so bleibt zu hoffen, dass der neue sozialdemokratische Oberbürgermeister, in den frühen 80er Jahren ein ehrlicher Aktivist der Friedens- und antifaschistischen Bewegung, die Courage aufbringt, das Gängelband des in Deutschland staatlich verordneten Antikommunismus abzulegen, um die vor 70 Jahren verurteilten Antifaschistinnen und Antifaschisten der hierzulande immer noch üblichen Vergessenheit zu entreißen.


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