unsere zeit - Zeitung der DKP2. März 2007

Marxistische Theorie und Geschichte

Der Marxismus ist eine
kämpferische Wissenschaft

Die Karl-Marx-Hochschule der SED lehrt immer noch

Ich habe oft erlebt, wie Diskussionspartner, die an Universitäten studiert hatten, stolz, oft sogar liebevoll von ihrer "alma mater", von Ihrer einstigen Hochschule sprachen. Warum sollte ich nicht auch mal voller Stolz und liebevoll von meiner "alma mater" sprechen, der Parteihochschule "Karl Marx" der SED. Zwei Jahre habe ich dort studiert und war am Ende noch ein halbes Jahr als Lehrer in der Lehrabteilung für den Philosophie-Unterricht zuständig. Zwei Rektoren habe ich erlebt, erst Rudolf Lindau, kommunistisches Urgestein, und nach ihm Hanna Wolf. Als sie kam, führte sie sich mit folgenden Worten ein: "Der Marxismus ist eine polemische, eine kämpferische Wissenschaft. Ihr müsst immer daran denken, alle Werke der Klassiker sind im Kampf entstanden. Fragt euch, im Kampf wofür und gegen wen oder was das Werk eines Klassikers entstanden ist." Als ich später einen dritten Genossen kennen lernte, der ebenfalls "KMH"-Rektor war, und ihm erzählte, ich schriebe gerade an einem Buch über die marxistische Theorie und Kritik der Religion, meinte dieser, so etwas brauchten wir nicht, wir verbreiteten unsere wissenschaftliche Weltanschauung. Im Geiste habe ich da mit dem Kopf geschüttelt: Marxismusverbreitung ohne Kampf? Und ich hielt mich an Hanna Wolfs Worte.

Da ist nun also das Buch "Die Parteihochschule der SED - ein kritischer Überblick" erschienen. Knapp zwanzig ehemalige Lehrer der "KMH" geben Ein- und Überblicke über ihre einstige Tätigkeit, nehmen sie kritisch unter die Lupe, berichten über Debatten, über politische Eingriffe, auch etwa solche hervorgerufen durch Interventionen aus dem fernen Moskau - sie reichten bis zur Absetzung Walter Ulbrichts. Ein spannendes Buch, das seine Leserinnen und Leser finden wird, nicht nur unter jenen Genossinnen und Genossen, die einst durch das "Rote Kloster" bzw. durch die (wegen des Namens der Rektorin) "Wolfsschlucht" gegangen sind. Ich arbeite noch heute mir gar manchem Genossen im Zentrum der DKP, der ebenso wie ich einst dort zu einem wesentlichen Teil sein theoretisches und politisches Fundament erhielt (und auch in der einen oder anderen Hinsicht einiges über kommunistische, über Klassenmoral mitbekam). Aber es wird auch bei jenen, welche unsere Verfassung schützend ans Herz gelegt wird, eifrige Leser des Buches geben.

Natürlich interessierte ich mich vor allem für zwei Bereiche, die im Buch ausführlich dargelegt werden: um den Unterricht in marxistischer Philosophie und dann um Probleme der Politischen Ökonomie des Sozialismus.

Die an der "KMH" mit Philosophie befasst waren, schildern, wie sie sich von einer kanonisierten Arbeit Stalins in Lehre und Forschung lösten und den Weg zurück gingen zum Ursprung unserer Philosophie im Werk von Marx und Engels.

Geschildert wird der Kampf um zwei Lehrbücher zur marxistischen Philosophie, wobei das eine um die Grundkategorie der Praxis, das andere um die - wie der Haupt-Autor des ersten Buches, Alfred Kosing, einmal spöttisch sagte - "heilige Materie" konzentriert war. Dass dies keine philosophischen Spitzfindigkeiten waren, kann hier nicht weiter ausgeführt werden.

Und wie steht es um die Fragen der Politischen Ökonomie des Sozialismus? Im Umfeld der DKP gibt es dazu ja Auseinandersetzungen. Ich teile voll die von Fred Matho im Buch vertretene Auffassung, dass Warenproduktion und damit Wertgesetz auch im Sozialismus eine Rolle spielen, weil es anders bei hochgradiger gesellschaftlicher Arbeitsteilung und unterschiedlichen Eigentumsformen zur Vergeudung von Arbeitskraft und Ressourcen, zu Deformationen der ökonomischen Prozesse kommen muss, zumal ja auch noch beachtet werden muss, dass der Sozialismus in Internationales (internationales Wirtschaftshandeln) eingebunden ist. Das Suchen nach Zitaten in Klassikerworten - es gibt zu diesem Thema der Politisch Ökonomie des Sozialismus bei ihnen ohnehin nicht viel - bringt nicht weiter...

Besonders angeregt hat mich der Schlussbeitrag der Genossen Wachowitz, Dippe und Durak über die Ursachen unseres Scheiterns. Es ist dies, so weit ich die Literatur kenne, der umfassendste und systematischste Versuch, Antwort auf diese Frage zu finden. Und im Kern bestätigte mir der Beitrag meinen Verdacht: Es gibt bis heute noch keine wirklich ausgearbeitete, schlüssige Theorie der Politischen Ökonomie des Sozialismus (der Beitrag befasst sich aber keineswegs nur mit Ökonomie).

Immer wieder kommt die Rede auf Hanna Wolf. Kritisch oft, auch erklärend. Aber man muss, hat man das Buch bis zum Ende gelesen, einräumen, sie hat bei aller (im Einzelnen zutreffenden) Kritik an ihrem Tun und Unterlassen einen Einfluss ausgeübt, der über die konkreten Schilderungen konkreter Ereignisse den Autoren vielleicht nicht immer genügend deutlich geworden ist: Sie haben sich alle, mal mehr, mal weniger, an dieser harten und - oft nicht wahrnehmbaren - sensiblen, intelligenten (wenn auch philosophisch nicht eben besonders qualifizierten) Kommunistin "gerieben". Ihre Treue zur Sowjetunion war so unerschütterlich, dass sie mir einmal sagte (das war aber schon nach 1989): "Wenn es in Moskau geregnet hätte und mir hätte einer gesagt, dort schien doch die Sonne, ich wär´ ihm ins Gesicht gesprungen!" Ja, so war sie, die Hanna Wolf.

Robert Steigerwald


Uwe Möller/Bernd Preußer (Hrsg.): Die Parteihochschule der SED - ein kritischer Überblick. GNN-Verlag, ISBN 3-89819-236-9, 287 S., 15,- Euro.


zurück Artikel versenden