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Mit Gandhi gegen Hitler? Gedanken zu Pazifismus und Antifaschismus Von Konstantin Wecker | ||||||||
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(...)Immer wieder jedenfalls kocht in Diskussionen über die richtige Strategie gegen Nazis die so genannte "Gewaltfrage" hoch. Es gab schon in der Deutschen Friedensgesellschaft der Weimarer Republik, noch kurz vor der Machtübertragung an Hitler, Konflikte, ob man die Selbstverteidigung der Arbeiterbewegung gegen den Terror der SA als Pazifist gutheißen könne. Ich glaube zwar kaum, dass irgendein Pazifist diese Debatte im Nachhinein, mit dem Wissen um die Verbrechen des Faschismus, noch in dieser Weise führen würde. Aber auch die Ikone der Gewaltlosigkeit, Mahatma Gandhi, fand auf den Umgang mit Hitler keine befriedigende Antwort. Gandhis Methode der Gewaltlosigkeit mag aus verschiedenen Gründen in Indien funktioniert haben, gegen Hitler und seine Mörderbanden wäre sie dagegen völlig zwecklos gewesen. Die Antifa hat diese Lehre scheinbar sehr inbrünstig verinnerlicht. "Antifa heißt Angriff" ist eine beliebte Parole; auf antifaschistischen Demonstrationen kann man von zumeist schwarz gekleideten Teilnehmern mitunter Sprechchöre hören wie "Für die Freiheit, für das Leben - Nazis auf die Fresse geben!" oder auch: "Glatzen klatschen bis sie platzen!" Nun ist mir fraglich, wie viele dieser Rufenden dann auch in der Praxis losziehen, um "Glatzen zu klatschen." Mir scheint in den meisten Fällen eher ein blutleeres Maulheldentum vorzuliegen, gepaart mit einem politisch verbrämten Hurra-Machismus. Es ist auch nicht so, dass diese Strategie nicht ebenfalls erprobt worden wäre. Hitler selbst hat gesagt, dass nur eines seine Bewegung stoppen hätte können: wenn ihre Gegner deren Charakter begriffen und ihren Kern mit aller Brutalität zerschlagen hätten. Freilich ist einem chronischen Lügner auch in diesem Fall nicht automatisch zu trauen. Aber die Nazis wurden in der Weimarer Republik physisch angegriffen. Der Rotfrontkämpferbund der KPD attackierte die Sturmlokale der SA und lieferte Hitlers Bürgerkriegsarmee eine mutige Abwehrschlacht. Rein militärisch aber war den Nazis, gestärkt durch die heimliche und offene Schützenhilfe der Staatsorgane, nicht beizukommen. Wie es in Karl Retzlaws Buch "Spartakus - Aufstieg und Niedergang" heißt: "Die SA schlug härter." Das bedeutet nicht automatisch, dass es falsch war, auch in dieser Form dagegen zu halten. Es ist aber eine Tatsache, dass der Weimarer Straßenkampf gegen die NSDAP in einer kompletten Niederlage endete. Gleichzeitig ist die Reduzierung der indischen Befreiungsbewegung auf erstens Gandhi und zweitens die Methode der Gewaltlosigkeit eine grobe Verkürzung der historischen Tatsachen. Einmal gab es zur gleichen Zeit auch einen massiven Aufschwung der indischen Gewerkschaftsbewegung, linke Massenparteien und zahlreiche Streikwellen. Außerdem beschränkte sich der Ansatz Gandhis nicht darauf, sich willenlos niederknüppeln zu lassen. Die Bewegung hatte, beispielsweise mit dem Salzmarsch zum Meer, eine ökonomische Dimension, um das Monopol der englischen Kolonialmacht zu unterminieren. Dazu kam, was die deutsche Linke vielleicht nicht gerne hört oder albern finden wird, eine spirituelle Komponente: der Versuch, sich mit Mantras, Meditation und Gebeten aus dem inneren Gefängnis der Frustration zu befreien, die massenhafte Erzeugung von Hoffnung, Zukunftsvisionen, von Glauben an die eigene Stärke. Autosuggestion, mag man einwerfen. Nun, ich habe nichts dagegen, sich gegenseitig zu bestärken. Als politischer Künstler versuche ich genau das auf jedem meiner Konzerte. Und ohne positive Schwingungen und gemeinsame Hoffnung verkämen auch die bestgemeinten antifaschistischen Lieder zu leeren Widerstandsposen. Wer von der Hoffnung nichts wissen will, braucht über die Verzweiflung nicht zu schimpfen... Gemeinsam, aber entschlossen Da passiert außerdem etwas Neues. Da ist ein Faschismus in ganz anderem Gewand, in neuen Kleidern, mit neuen Codes und Parolen. Er ist noch nicht völlig ausgeformt, man kann ihn erst erahnen, diesen neuen Faschismus. Verorten kann man ihn im Umfeld der Neokonservativen, sein wesentlichstes Kennzeichen ist mit dem Begriff "Sozialrassismus" gut beschrieben. Dieses neue Phänomen zu analysieren und Gegenstrategien zu entwickeln, ist eine eminent wichtige Aufgabe. Die NPD aber ist derzeit die Sammlungsbewegung der extremen Reaktion. Altbekannte Nazis, rassistische Gewalttäter - alles, was militant und reaktionär ist, wird in den Orbit dieser Partei gezogen. Ich will zusammenfassen, was mir für eine effektive Bekämpfung der NPD wichtig erscheint. Am Anfang steht der Aufbau einer antifaschistischen Massenbewegung. Das Warten darauf, dass der Staat uns dieses Problem von Halse schafft, ist fatal und illusorisch. Wir müssen es selber tun, uns selbst massenhaft entgegenstellen, wo immer die NPD marschiert. Zweitens halte ich die "Gewaltfrage" für ziemlich überschätzt. Die Lösung ist an sich einfach: Je mehr Menschen sich dem Gegner stellen, desto weniger Gewalt ist nötig, um Nazis zu stoppen. Wenn eine ganze Stadt aufsteht, kann man auch gewaltfrei jeden Nazi-Aufmarsch unmöglich machen. Erst wenn sich viel zu wenige entgegenstellen, rückt die Frage der Gewalt ins Zentrum. Masse ohne Entschlossenheit aber bringt uns ebenso wenig weiter wie Entschlossenheit ohne Masse. Medienwirksam "Zeichen" zu setzen, fernab der Nazi-Aufmärsche, ist nicht gut genug. Man muss sich in den Weg stellen. Das heißt, drittens: Antifaschistische Gegenwehr braucht Mut - und weil es Mut braucht, ist die emotionale und psychologische Voraussetzung einer antifaschistischen Massenbewegung, dass man ein Gefühl der gemeinsamen Stärke, des unzerstörbaren Zusammenhalts pflegt und schützt. Dieses Gefühl kann nicht entstehen, wenn die Kultur der antifaschistischen Bewegung sich im Neu-Texten von Fußballsprechchören erschöpft. Antifaschismus braucht Mut und Hoffnung, und dafür braucht es eine gute, antifaschistische Kultur. Schließlich aber wird jede Abwehr von NPD und anderen Nazi-Organisationen nur halbe Arbeit sein, wenn wir die Allianz zwischen Antifaschismus und Pazifismus nicht wiederherstellen. Krieg und Faschismus sind der Januskopf jener Bestie, die unsere Existenz als Menschen bedroht. Beide müssen gemeinsam bekämpft werden. | ||||||||