unsere zeit - Zeitung der DKP23. November 2007

Feuilleton

Die Siebziger, die Achtziger
Armin Stolpers "Sudelbücher"

Nein, nein! Keine unbedachten Vorurteile! Der Titel von Armin Stolpers neuem Buch "Meine geliebte stolze Republik" hat zwei Gesichter, so wie ihn auch der seines Buches "Wir haben in der DDR ein ganz schönes Theater gemacht" aufweist. Natürlich bekennt sich Stolper zur DDR, in der er das wurde, was er heute ist: ein anerkannter und geschätzter Autor, selbst wenn seine Bücher in Klein- und Kleinstverlagen erscheinen müssen und oft weite Wege zu gehen haben, um überhaupt in die Öffentlichkeit zu gelangen. Selbstredend weiß Stolper auch um die vielen Mängel und Schwächen "seiner Republik", um ihre schwerwiegenden Unzulänglichkeiten und jene derer, die sie politisch, ökonomisch und kulturell repräsentiert haben. Diese Dialektik von Lob und Tadel, von Anerkennung und Kritik, von Befürwortung und Missbilligung, von freudigen und bitteren Feststellungen gibt dem Buch seine lebendigen heiteren und ernsten Konturen und erweist sich auf seine Art als deren eigentlicher Sinn. Im Nachwort Stolpers heißt es: "War ich stolz, ein DDR-Bürger zu sein? Unsinn, ich war einer ..., ich lebte in der DDR ... (und) habe nie daran gezweifelt, dass es gut war, dass es uns gab ..."

Was dem Leser gebunden vorliegt, sind Stolpers "Sudelbücher", d. h. tagebuchartige Aufzeichnungen aus den Siebzigerjahren sowie Notizen von zwei Ferienaufenthalten im Zittauer Gebirge ein Jahrzehnt später mit Augenblicksaufnahmen aus dem Alltagsleben der so genannten kleinen Leute sowie mit Begebenheiten aus der Theaterwelt und dem Kreis der Familie. Gesprochen wird von der Produktivkraft der Liebe, von Untreue und Seitensprüngen und dem Machtmissbrauch im Kleinen. Ständig zu empfinden ist, fern jeder Verklärung, ein feiner Glanz an menschlicher Nähe und Wärme zwischen kalten Zeiten kapitalistischer Ordnung in unserem Vaterland. Wir begegnen Schriftstelleranekdoten, Selbstkritischem, Lausitzer Ereignissen, Witzen, Zitaten, allerlei Lebensweisheiten, Mutterreden in ihrer schlicht-schönen Wahrheit und einer gar nicht so seltenen Zivilcourage.

Stolpers "Sudelbücher" sind also beileibe keine "Sudeleien" im ureigensten Sinne des umgangssprachlichen schlesischen Wortes mit der primären Bedeutung von "liederlich" und "unsauber". Hier meint das Wort in weiterem semantischen Sinn: etwas schnell und eilig zu Papier Gebrachtes, also hurtig im Alltagsdeutsch notierte Beobachtungen aus dem tagtäglichen Leben, gezielte Einblicke in die DDR-Gesellschaft der Siebziger-/Achtzigerjahre. Stolpers Sprache ist dem Augenblick geschuldet; sie ist gekennzeichnet von einem gelegentlich umgangssprachlich geprägten elliptischen Satzbau und entsprechen Ausdrücken, was den Eindruck des Zufälligen, Improvisierten und Unmittelbaren verstärkt. Dass sich der Sudelbuchschreiber immer wieder selbst darstellt, auch dort, wo er über andere oder anderes sinniert, liegt im Wesen des von ihm gewählten Genres und seiner ausgeprägten Eigenart zu erzählen. Über die kritische sozialistische Haltung Stolpers und deren Untadeligkeit ist kein Wort zu verlieren. Alles ist gleichermaßen liebevoll wie scharf beobachtet und dann direkt und ohne Umschweife erzählt. Ein besonderes Glanzstück ist die mehrfach gedruckte Geschichte vom "Landdoktor Herbars" aus Quolsdorf in der Lausitz und dessen wirkungsvolle Therapien.

Etliche Fotos bereichern das Buch durch die Vorstellung genannter Personen bzw. als Verdeutlichung erzählter Ereignisse. Dem Verleger Wiljo Heinen ist zu einem geschmackvoll aufgemachten Werk zu gratulieren, das, bedingt durch den von der verstrichenen Zeit gebrochenen Abstand des Lesers zu den einzelnen Texten, ein gewandeltes, vielfarbiges Licht auf die Siebziger- und Achtzigerjahre in der DDR wirft.

Bernhard Igel


Armin Stolper, Meine geliebte stolze Republik. Aus den Notizbüchern eines DDR-Bürgers. Verlag Wiljo Heinen, Böklund 2007, 253 S., 12,- Euro


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