unsere zeit - Zeitung der DKP30. November 2007

Feuilleton

"Mit dem literarischen Buschmesser"
Nachdenken über sozialistische Kulturgeschichte:
Die Linkskurve 1929-1932

Am 19. Oktober 1928 wurde in Berlin der Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller Deutschlands aus der Taufe gehoben. Ab dem 1. August 1929 verfügte der BPRS über eine eigene Zeitschrift - Die Linkskurve.

Zwischen der Weltwirtschaftskrise und der "Machtergreifung" der Nazis war sie die Plattform für die Weiterentwicklung einer proletarisch-revolutionären, sozialistischen Literatur. Von Beginn an betonten die Herausgeber und Autoren wie Johannes R. Becher, Kurt Kläber, Ludwig Renn oder Alfred Kurella, dass es für sie keine Trennung von Politik und Kunst geben könne, dass sich vor allem die Literatur ihres Klassencharakters bewusst werden und sich als Instrument der revolutionären Politik begreifen müsse. "Proletarisch-revolutionäre Literatur singt Klassenliebe und Klassenhass." So Becher unzweideutig.

Zimperlich war man also nicht, man wollte keine Literatur für "Feinschmecker", sondern, formulierte Becher rückblickend, "eine Pionierliteratur (...), Dickichte von Aberglauben, Urwaldhaftes rodend und [den] Dschungel der kapitalistischen Anarchie lichtend mit dem literarischen Buschmesser."

Alles begann mit der Forderung nach einer Literatur, die die Wahrnehmungen und Interessen der Arbeiter wiedergeben konnte, neuen Erzählungen, Reportagen, Gedichten, die aus der Arbeiterklasse selbst entstanden und ihre Lebenswelt nicht durch die ideologische Brille des Bürgertums beschrieben. Diese Perspektive war in literarischer und politischer Hinsicht revolutionär.

Aber auf Kritiker musste man nicht lange warten, auch nicht aus den eigenen Reihen. Georg Lukács etwa warf der neuen Literatur mangelnde Qualität vor und verwies auf die formalen Maßstäbe des bürgerlichen Realismus des 19. Jahrhunderts.

Ein anderes Problem ergab sich aus der extremen Linie von Komintern und KPD in diesen Jahren. Die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (Band 4, S. 186) kommt zu dem kritischen Resümee, die proletarisch-revolutionären Schriftsteller "grenzten sich von reformistischen und bürgerlichen ´Arbeiterschriftstellern´ ab, beachteten dabei allerdings zu wenig die notwendige kulturelle und kulturpolitische Zusammenarbeit mit humanistischen Schriftstellern." Den Hintergrund für diesen erheblichen Mangel an Integrationskraft bildete nicht zuletzt die Sozialfaschismusthese.

Der Einsatz des "literarischen Buschmessers" hat so naturgemäß allerhand Kleinholz hinterlassen. So geht zum Beispiel Klaus Neukrantz´ kleinliche Rezension von Döblins Berlin Alexanderplatz (5/1929) an dem Roman in jeder Hinsicht vorbei. In der Linkskurve wird B. Traven (!) kurzerhand zum Feind des Proletariats erklärt (3/1932).

Abgesehen davon, dass unter den rund 250 Autoren lediglich zwölf Frauen waren: das Projekt einer kommunistischen Literaturzeitschrift konnte sich unmöglich ohne Widersprüche entwickeln. Aber die sind ja bekanntermaßen produktiv. In Bechers Beiträgen schwingt ganz unproletarisch das Pathos des Expressionismus mit. Die repressiven Tendenzen der Weimarer Republik und der korrupte Kulturbetrieb werden angeprangert. Die Autoren setzen sich intensiv mit der Konservativen Revolution und dem Aufstieg des Faschismus auseinander. Der alles andere als unumstrittene Karl August Wittfogel entwickelt nach wie vor lesenswerte Aspekte einer marxistischen Ästhetik (5-11/1930). Ludwig Renns Bewusstseinsbildungsprozess vom elitären Militär zum KPD-Anhänger (1-4/1929) beeindruckt auch heute noch. Nicht wenige Beiträge haben Ecken, Kanten und Brüche und allesamt wagen sie etwas.

Um so schwerer wiegt, wie schnell dann später in der DDR, wo viele der genannten Autoren über maßgeblichen Einfluss verfügten, alle Widersprüche mit der Schablone eines "sozialistischen Realismus" glatt gebügelt werden konnten.

Der BPRS hat aber gezeigt, dass Literatur auch die Aufgabe hat, jenen eine Stimme zu verleihen, die bisher keine eigene hatten. Diese Erkenntnis wirkte bis in die Texte von Franz Xaver Kroetz, Günter Wallraff und Hubert Fichte nach. Und nicht zu vergessen: Die Linkskurve ist über den Eurozentrismus in der deutschen Arbeiterbewegung hinausgegangen. Die im Oktober 1917 angestoßene internationalistische Perspektive wurde nicht nur in Michael Golds Beiträgen über die Situation in den USA, sondern auch in Aufsätzen über Indien und China und in Theodor Balks "Der Schwarze - Kein Mensch! Ist es der Weiße?" (3/1929, S. 12-13) produktiv gemacht. Diese Ansätze gingen mit der Bücherverbrennung im Mai 1933 in Rauch auf.

Bei all ihren Schwächen: an die Linkskurve zu erinnern, unterstreicht die Bedeutung der Auseinandersetzung mit Literatur und Literaturkritik in Beziehung zum Sozialismus, um den Lügen der omnipräsenten Verdummungsfabrikation etwas entgegensetzen zu können.

PS: Wie verliefen die Lebensläufe weniger prominenter Autoren der Linkskurve? Kurt Kläber, Autor von "Passagiere der III. Klasse", und seine Frau Lisa Tetzner schafften es in die Schweiz, wo 1941 "Die rote Zora und ihre Bande" erschien. Von Klaus Neukrantz wissen wir nur, dass er von den Nazis misshandelt und in eine Psychiatrie gesteckt wurde. Seit 1941 fehlt von ihm jede Spur. Auch das gehört zur Geschichte der Linkskurve.

Michael Rieger


LITERATUR: Die Linkskurve. 4 Bände. Unveränderter Neudruck der Originalausgaben. Frankfurt/M. 1976 (Neuauflage 1988), Friedrich Albrecht/Klaus Kändler: Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller Deutschlands 1928-1935. Leipzig 1978


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