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Der Weg der Ulrike Meinhof Eine Biografie als Abrechnung mit dem "Rechtsstaat" | ||||||||
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Das Buch schildert auf 450 Seiten mit einer Fülle von Fakten und 307 Fußnoten das Leben von Ulrike Meinhof, von ihrem Elternhaus, ihrer Kindheit, ihrer politischen Entwicklung, beruflichen Tätigkeit, ihre Ehe und Mutterschaft bis zu ihrer Radikalisierung in der RAF und ihrer Haft. Es ist ein authentisches Werk, bei dem man das erfolgreiche Bemühen spürt, dem geschilderten Menschen gerecht zu werden. Dazu haben sicher auch die zahlreichen Gespräche, die die Autorin mit Angehörigen, Lebens- und Weggefährten führte, beigetragen. Viele Klischees, die über die RAF und ihre Mitglieder verbreitet sind, werden - mit Quellenangaben - gerade gerückt. Die Legende der braven Bürgerstochter, die erst spät politisiert wurde, wird gründlich widerlegt. Einiges erstaunt. So hat sich Ulrike Meinhof noch als Heranwachsende von ihrer Ziehmutter Renate Riemeck den Umgang mit ihren engsten Freunden verbieten lassen, hat ihren unverschämten Ehemann Röhl reichlich spät zum Teufel geschickt und für ihre Kinder eine Privatschule gewählt. Es ist gleichzeitig eine sehr lebendige Darstellung der Nachkriegsgeschichte, vom Kampf gegen Remilitarisierung und Notstandsgesetze und den schmutzigen Krieg der USA in Vietnam bis hin zu SDS und APO, und dem Entschluss zum bewaffneten Widerstand und der Entstehung der RAF. Es folgte die erbarmungslose Repressionsmaschinerie des Staates mit dem brutalen "Selbstmord" der politischen Gefangenen am Ende. Heute ist das durch die Springer-Presse aufgeheizte Pogrom-Klima, das u. a. zu den Schüssen auf Rudi Dutschke führte, fast vergessen und für Jüngere kaum vorstellbar. Das gilt auch für die Rasterfahndungen mit MPs, die "Sympathisanten"-Hatz und Terroristen-Hysterie, die zur Abschaffung rechtsstaatlicher Prinzipien genutzt wurde. In dem breiten zeitlichen Rahmen des Buches wird die Rolle und Funktion der SPD entlarvt, die sich im Widerstand gegen Remilitarisierung und Notstandsgesetze an die Spitze drängte, um dann im Bundestag genau dies zu beschließen, die vorgab, "mehr Demokratie zu wagen" (Brandt), um dann die Berufsverbote zu verhängen. (Ergänzen lässt sich das um das SPD-Friedensgerede in den 80er Jahren, auf das der erste Krieg Deutschlands seit dem Faschismus folgte - von einer SPD-Grünen-Bundesregierung.) Einige Fehler und Schwächen sind im Buch allerdings auch vorhanden: Angela Davis sollte nicht wegen "Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung" von der US-Justiz verurteilt werden (auch wenn das bei Wikipedia steht), sondern wurde des Mordes bzw. Beihilfe dazu bezichtigt. Und die DDR war 1968 nicht, wie behauptet, am Einmarsch der Warschauer Vertrags-Staaten in die CSSR beteiligt (das steht auch bei Wikipedia). Auch die Aufzählung der Berufsverbotsopfer, bei der DKP-Mitglieder, die am meisten unter Berufsverbotsmaßnahmen zu leiden hatte, nur unter "ferner liefen" vorkommen, gibt ein falsches Bild. Dass im gesamten Buch nur einmal die Notwendigkeit der Vergesellschaftung der Produktionsmittel genannt wird, wird Ulrike Meinhof nicht gerecht und lässt durchblicken, dass die Biografie nicht von einer Marxistin geschrieben wurde. Es wird keine Wertung des bewaffneten Kampfes vorgenommen (Lenin lehnt individuellen Terror, der sich nicht auf eine Massenbewegung stützt, ab). Aber es wird entwickelt, wie konsequenter Antiimperialismus auch zu Attentaten und in die Illegalität führen kann. Der Staat hat die RAF stets als "Kriminelle" eingestuft. Dass sie politische Gefangene waren und sind, beweisen nicht nur die Sondergesetze und unmenschlichen Haftbedingungen, die auch von der UN-Menschenrechtskommission als Folter bezeichnet werden. Es zeigt sich auch darin, wie noch heute mit Christan Klar und den andern Häftlingen umgegangen wird. Dieses Buch, das bei aller Sachlichkeit mit Wärme und spannend bis zur letzten Zeile geschrieben ist, kann nicht nur empfohlen werden, es sollte auch in jeder Schulbibliothek stehen. Nach seiner Lektüre hat der Begriff "Rechtsstaat" einen anderen Klang. Erika Beltz Jutta Ditfurth: Ulrike Meinhof. Die Biografie. Berlin 2007. 22,90 Euro | ||||||||